CD: Böhse Onkelz – Memento


Ganz neu ist es nicht mehr, aber eine Erwähnung wert: Die Böhsen Onkelz haben 2016 ein neues Album auf den Markt gebracht und damit endgültig ihr Comeback im großen Stil gefeiert, nachdem 2005 alles aus und vorbei war. Mit Memento bringen sich die Onkelz in Erinnerung und beweisen, dass sie weder genug noch irgendetwas zu bereuen haben. Die Pause scheint ihnen gut getan zu haben, ist in den Jahren doch eine ganze Menge passiert – einschließlich der Aufstockung gerechtfertigter und ungerechtfertigter schlechter Presse.

So ist bereits der erste Song „Gott hat ein Problem“ eine Kampfansage, macht das Quartett klar: „Wir leben!“ Die Musik ist etwas ruhiger als früher, so hat man den Eindruck. Keine powernden Gitarren, die alles um sich herum niederreißen wollen – lässt man das kurze Intro außer acht. Dafür ist der Song ziemlich eingängig und macht auch live einiges her, denn bei der Memento-Tour (die erste deutschlandweite Tour seit der Reunion), war dies der erste Song, der die ersehnte Rückkehr deutlich markiert hat.

„Frei“ wird von Kevin Russell und Stephan Weidner gesungen, vermischt die beiden Stimmen ganz gut, wirkt aber teilweise auch irritierend. Kevin singt weicher, nicht so hart und aggressiv wie auf anderen Alben und in früheren Songs. Der Refrain zeigt sich kämpferisch in doppelter Hinsicht: textlich und musikalisch. Dafür gibt es danach gleich wieder einen ruhigen Gitarrenpart, der die Gemüter kühlt. Ein bisschen ist man versucht, den Song auf Kevin und sein Leben anzuwenden, auf seine Vergangenheit, von der er sich lossagt, soweit es geht.

Schönes Gitarrengeschrabbel ist der ideale Einstieg zu „Markt und Moral“, dem dritten Song auf der Scheibe. Hier wird es schon wieder etwas wütender und die Band fordert lautstark: „Steh auf!“ Es ist ein Appell an die Hörer, aufzustehen und sich nicht länger wie Dreck behandeln und verarschen zu lassen. Ein bisschen ist es „Lieber stehend sterben“ mit anderen Worten, aber das ist etwas, was man bei den Onkelz durchgehend auf den Platten finden konnte: Der Aufruf zum selbstständigen Denken und zum Widerstand, wenn es denn sein muss.

Im ähnlichen Stil geht es weiter mit „Jeder kriegt, was er verdient“ und dabei wird schnell klar: Auch wer denkt, dass er nur das Beste verdient hat, irrt sich sehr gerne mal. Hier sei gesagt, dass man in vielen, wenn nicht gar allen Songs, von der Band, etwaigen Verfehlungen, dem altem Stress mit den Medien und der Reunion etwas mitbekommt. Weidner und Co verbalisieren die vergangenen Jahre, kritisch, fernab von stetigem Eigenlob, das so mancher vielleicht erwarten würde. Wenn man sich auf die Texte einlässt, kann man sicherlich etwas über die Onkelz und ihr Selbstbild erfahren und lernt langsam vielleicht zu verstehen, dass ein gesundes Maß an Selbstvertrauen, ja sogar Arroganz, noch niemandem geschadet hat.

„Mach’s dir selbst“ ist ein Aufruf, so scheint es, und die Melodie hat etwas Kämpferisches, Aufrüttelndes, wie ein aufkommender Sturm am Meer. Wieder einmal wird die Aufforderung deutlich, seinen eigenen Weg zu gehen und sich nicht auf eingefahrene Bahnen zu verlassen. „Da ist das Leben, da ist mehr“ – dann macht euch mal auf den Weg zu diesem „Mehr“!

Schön in alte Gefilde abdriftend, wird es schnell, laut und mit herrlich rauer Stimme gespickt. „Irgendwas für nichts“ ist der ideale Song für eine Gesellschaft, die immer nur verlangt und fordert, sich selbst aber nicht in die Verantwortung nehmen und etwas geben will. „Alle wollen alles“, ja, so ist es doch, oder? Diese Gesellschaftskritik wird einem barsch aus dem Lautsprecher entgegen gebrüllt und wer mal ein bisschen nachdenken möchte, sollte den Song eine Weile in Endlosschleife hören. Es wird Zeit, etwas zu ändern, denn „Freunde sind nicht käuflich und Liebe nicht für Geld zu haben“ – und darauf kommt es doch an, oder?

Und um Freundschaft geht es auch in „Wo auch immer wir stehen“; um Zusammenhalt, auch in schweren Zeiten. Man schmeißt eben nicht alles weg, wenn einer mal einen Fehler macht oder auch richtig Scheiße baut. Das heißt nicht, dass man alles gut findet, aber es bedeutet, dass man trotzdem zusammenhalten und vor allem vergeben kann. Der ruhige Song endet mit einem Zitat von Matthias Clodius: „Mors certa, horta incerta“ (Der Tod ist sicher, die Stunde ungewiss). Ist das die Hymne, die die Böhsen Onkelz für sich selbst geschrieben haben? Vielleicht.

Ins Innere und die gedanklichen Abgründe kehrt sich der folgende Song „Es ist sinnlos, mit sich selbst zu spaßen“. Ein ziemlich tiefgründiger Text, der dem Hörer entgegengerotzt wird, passend zum Thema, passend zu den dunklen Dämonen, die eine kranke Gedankenwelt beherrschen können.

Herrlich dunkel, lauernd und wunderbar kirchenkritisch offenbart sich „Der Junge mit dem Schwefelholz“. Wer bisher immer dachte, dass die Onkelz gegen die Kirche sind, weil das halt einfach „cool“ ist, wird allerspätestens jetzt eines Besseren belehrt. Denn hier wird eine Kirchenkritik entfaltet, die besser und tiefgreifender kaum sein könnte. Wasser predigen und Wein trinken, von Nächstenliebe sprechen und sie unbedingt einfordern, sie aber selbst nicht ausleben, von einem hassenden Gott zu sprechen, der doch alle liebt, wenn sie nur brav sind … Es sind zahlreiche Kritikpunkte in einen fast achtminütigen Song gepackt, die viele haben und die viele der Kirche an den Kopf werfen. Ein Song, der von Theologen gehört werden sollte und den sich die Kirche durch ihre Reihen geschlossen anhören und zu Herzen nehmen sollte. Aber die Kirche war ja schon immer gegen alle berechtigte Kritik immun.

Johann Wolfgang von Goethe wird das Zitat „Wer nicht mehr liebt und nicht mehr irrt, der ist schon tot, bevor er stirbt“ zugeschrieben. Die Onkelz haben es in „Nach allen Regeln der Sucht“ verarbeitet und einen nachdenklichen Song über Sucht, Entzug und das Clean-Sein kreiert. Das muss man einfach mal so stehen lassen.

„Wir für euch – ihr für uns – wir gegen die“! Es ist ein Schlachtruf, den so mancher stupider Schreiberling in eine rechtspolitische Ecke drängen und verurteilen wollte. Dabei ist der Song „Auf die Freundschaft“ nichts anderes als genau das: Ein Song von den Onkelz für die Fans, ein Dank für den Zusammenhalt – trotz oder gerade wegen allem. Die Onkelzfamilie kann man weder beschreiben noch verstehen, nur fühlen. Dabei ist nichts Politisches im Vordergrund, sondern die Musik und der Zusammenhalt. Es ist ein Danklied, das einem live Tränen in die Augen treibt und diesen Zusammenhalt noch weiter stärkt.

Wer auf 2016 viel geschimpft hat, weil es uns viele Idole genommen hat oder für manche ein persönlich sehr hartes Jahr war, der sollte sich einfach „52 Wochen“ reinziehen und das alte Jahr ad acta legen. Alles geht vorbei, auch das schlimmste Jahr – und dabei wird auch klar, dass jeder von uns mal ein Scheißjahr erlebt. Ein schöner Abschluss für ein Album und gleichzeitig ein Song, den man jedes Silvester laut aufdrehen kann.

Memento. Mit diesem Album bringen sich die Onkelz in Erinnerung. Das schaffen sie sehr gut durch eine Mischung aus ruhigen und etwas härten Songs und sehr nachdenklichen und reflexiven Textpassagen. Die Scheibe ist um einiges ruhiger als bereits Bekanntes der Band, dafür nicht minder hörenswert. Wer mit den Onkelz an sich nichts anfangen kann, sollte sich zumindest mal mit den Texten befassen – und dabei alle Vorurteile außer Acht lassen. Textlich beweisen Weidner und Co einmal mehr, dass sie mehr drauf haben als stumpfe Parolen und Alkoholanbetung, dass da sehr viel Tiefe und Bildung drinnensteckt.

Einziger Minuspunkt: Es gibt die Scheibe nicht auf Vinyl.

Nachtrag vom 30.01.17: Die Frankfurter nehmen mir auch noch meinen einzigen Minuspunkt! Ab 24.2. gibt es Memento auch auf Vinyl!

5/5

Böhse Onkelz – Memento
Label: Matapaloz, 2016
Böhse Onkelz – Memento CD: 16,99 €
Böhse Onkelz – Memento Vinyl mit Poster: 21,99 €
Böhse Onkelz – Memento Vinyl: 21,99 €

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