CD: Beastö Blancö – Beasto Blanco


Beastö Blancö sind mir als Vorgruppe zu den umstrittenen Deutschrockern Böhse Onkelz aufgefallen. Wir waren noch nicht in der Halle, da hörten wir sie schon. Und verdammt, es klang gut! Also lag es nahe, dass ich mir die Band (angeblich benannt nach dem Hund des Gründers) einmal genauer anhörte, ohne die Show, ohne 15.000 Fans und ohne Vorurteile. Okay, die Vorurteile in diesem Fall: Shit, ihr habt eine echt gute Liveshow abgeliefert mit einer kleinen Rampensau, die mir teilweise too much war. Was erwartet mich also, wenn ich das Album Beasto Blanco anhöre, das im November 2016 in die Läden kam?

Zuerst fällt mir auf, was mir beim Konzert nicht aufgefallen war, dass die Schreibweise den schönen, deutschen Umlaut „ö“ enthält, was bereits Motörhead (I still miss Lemmy!) für ihren Bandnamen vereinnahmt hatten. Scheint so, als sei ein Umlaut gar nicht das Schlechteste.

Hinter der Formation stehen ein paar Namen, die man kennt und ein familiäres Band, das zeigt, warum Rock’n’Roll in den Adern fließt. Die Frontfrau Calico Cooper ist keine Geringere, als die Tochter von Altrocker-Ikone Alice Cooper. Was kann da schon schiefgehen, wenn sie in die Band des Cooper-Bassisten Chuck Garric aufgenommen wird? Genau, nix. Also geht da auch nichts schief und zusammen mit Brother Latham (Mitbegründer und Leadgitarrist), Jan LeGrow (Bassist) und Tim Husung (Drums) ist Beastö Blancö geboren und bereit, die Musikwelt ordentlich durchzuschütteln. Natürlich findet man auf der Homepage Lobeshymnen von Papa Alice Cooper, his best mate Johnny Depp (der zusammen mit Cooper bei den Hollywood Vampires spielt) oder auch Eric Singer (Drummer der legendären KISS), denn wenn man so jemanden im Rücken hat, nutzt man das auch.

Gut, lassen wir einmal die fiese kleine Zickenstimme aus dem Kopf: Wenn der Papa Alice Cooper ist, dann hat Calico es ja total leicht, im Musikbiz Fuß zu fassen und jeder küsst ihren durchtrainierten Hintern. Dabei ist es dann auch egal, was sie abliefert. Kann man denken, ist aber nicht so. Das Musikbiz funktioniert zwar über Connections, aber beweisen muss sich jeder einzelne selbst, auch eine Calico Cooper. Also weg mit Vorschusslorbeeren, her mit der scharfen Kritik zum aktuellen Album Beasto Blanco.

„Buried Angels“ ist der erste Song auf der Scheibe. Mit einem guten Gitarrenintro wird man eingestimmt auf die kommende Rocknummer, die nach einer halben Minute Fahrt aufnimmt und mit einem guten Riff überzeugen kann. Garric stellt sein Gesangstalent unter Beweis und rotzt dem geneigten Hörer mal eben den Text entgegen. Ist das Rock? Ja. Ist er gut? Ja! Stellenweise wird Calico eingebunden und ihre Stimme fügt sich ganz gut in das Klangbild ein. Schließlich gibt es noch den notwendigen Gitarrenpart, den ich persönlich gerne mal in Endlosschleife hören würde. Kehren wir zurück zum guten, alten Rock’n’Roll, zu den Headbangparts, die gegen Ende des Songs kommen und einfach überzeugen.
Die zweite Nummer „Grind“ ist für alle, die auf eben jenen guten, alten Rock stehen. Musik an, Welt aus, ist das Motto. Die Melodie ist eingängig und konnte das deutsche Publikum auch live überzeugen. Die Nummer reißt einfach mit, weil sie Power hat und wieder gegen Ende einen tollen Sologitarrenpart.
1991 brachte Alice Cooper auf der Hey Stoopid „Feed my Frankenstein“ unter die Leute. Dass die Tochter 25 Jahre später den Song covert, liegt jetzt nicht ganz fern. Sie singt die Strophen, lässt lauernd, verführerisch und wild den Text aus den Boxen klingen, bis Garric für die Bridge übernimmt. Live war das nicht der beste Song des Abends in meinen Augen, weil die Cooper-Tochter zwar lasziv ihre Show abgezogen hat, aber der Sound ihrer Stimme zu kraftlos war. Auf dem Album schafft sie es dafür, mich zu überzeugen. Zwar nicht mein Lieblingssong, aber ein würdiges Cover.
„Caracosa“ besticht mal wieder mit der Gitarre. Nun, da Garric die Band gegründet hat und vermutlich die meisten Songs schreibt, ist es wohl wenig verwunderlich, dass auf Gitarrensound und genügend Soloparts großer Wert gelegt wird. Mich stört es nicht.
„Death Rattle“ beginnt schon wie diese alten „Wir brauchen einen bedrohlichen Song zu Halloween“-Nummern. Dazu ein rauer Gesang und kratzige Gitarre. Das passt. Das ist ein stimmiger Song, der musikalisch nicht ausrastet, aber gut im gleichmäßigen Midtempo dahinzieht.
Ein bisschen an alte Elektroniknummern erinnernd, ist „Dark Matter“ wie eine kurze Pause zum Luftholen für den Rest des Albums. Er ist langsam, besticht durch verzerrte Stimme und wenig instrumentalem Schnickschnack. Das ist die Schmusenummer des Albums, auch Rocker brauchen das! Ich kann mich nicht gegen die Assoziation zu Guns’n’Roses wehren, Axls Stimme dazu, passt.
„Sadhana“ ist eine Art Einführung zu den kommenden Songs. Es geht um den Text, um nichts anderes, viel mehr ist ja auch nicht da.
Dann geht es aber an die Auferstehung mit „I Rise“, das wieder herrlich schnell, rockig, gitarrenlastig ist. Eine gute Nummer mit rauem Sound.
Auch auf dem Konzert wurde „Machine Girl“ gespielt. Natürlich gesungen von Calico, die ein bisschen abgehakt ihre Stimme dem Titel anpasst, dann aber wieder ganz die alte Rockgöre ist. Hört man den Song, hat man direkt ihr Gesicht vor Augen, ihre Mimik und die Gestik, die ihr Tun untermalen. Hallo Mädels, das ist unser Song! Hierzu können wir abgehen, ihn rausbrüllen, hinrotzen und die Nummer tottanzen!
Das nächste Stück muss süß werden, sollte man meinen, wenn sie schon „Honey“ heißt. Mit einem lauernden Gitarrenintro und leicht verzerrten Stimmen beginnt aber eine wenig süße, dafür ziemlich scharfe Rocknummer. Stellt euch das live und laut vor. Ihr werdet es lieben! (Nein, haben sie nicht gespielt.)
„Blind Drive“ schlägt in die gleiche Kerbe. Noch einmal richtig reinholzen, gute Riffs, während der Strophen die Stimme im Vordergrund stehen lassen, danach wieder gescheit reinpowern.
Kennt ihr diese schönen Gothic-Nummern, die so langsam in dunklen Klängen dahinwälzen? „Damnation“ fängt auch so an. Erinnert stellenweise ein bisschen an Marilyn Manson und zieht es durch.

Ihr mögt Rock’n’Roll? Dann werdet ihr Beastö Blancö lieben! Eine Neuentdeckung, die mit ihrer Supportingtour wohl zahlreiche Fans im DACH-Areal dazugewinnen konnte – und es ist noch lange nicht Schluss. (Ein kleiner Tritt in die Hintern der Kritiker: Auch wenn die Onkelz für euch Abschaum sind, sie haben uns hier eine brillante Band über den großen Teich geholt!) Wenn ihr je die Chance habt, die Formation live zu sehen, schaut sie euch an, denn sie ist es wert. Calico Cooper ist eine Drecksau auf der Bühne, die man anbeten muss, Garric weiß, wie man eine Gitarre anfassen muss und gesamt betrachtet bringen Beastö Blancö den Rock’n’Roll von „damals“ zurück auf die Bühne und auf euren Plattenteller. Niemand kann Motörhead ersetzen oder sie übertrumpfen, aber wer noch auf der Suche nach dem verklungenen Rock’n’Roll ist, könnte hier eine neue Heimat finden.

5/5


Beasto Blanco – Beasto Blanco
Rat Pak, 2016
CD: 21,38 €
MP3: 8,49 €
Amazon
Webseite Beastö Blancö

Tracklist:
Buried Angels
Grind
Feed my Frankenstein
Carcosa
Death Rattle
Dark Matter
Sadhana
I rise
Machine girls
Honey
Blind drive
Damnation

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