CD: Toxpack – Schall und Rausch


Seit 2001 mischen Toxpack die deutsche Musikszene auf. Ein bisschen Punk, ein bisschen Hardcore, ein bisschen NDH – kurzum ein Gemisch, das durchaus Potential hat. Am 31.03. brachten die Berliner ihr achtes Studioalbum raus: Schall und Rausch. Schon alleine das Cover zeigt, dass es ein bisschen ums Hirn gehen muss. Im Ernst, Toxpack heben gerne mal ihren moralischen Zeigefinger und reihen sich in die Linie von Broilers oder den Böhsen Onkelz ein. Kurzzeitig darf man gerne fragen, ob es ein Abklatsch solcher Bands ist, was Toxpack produzieren, aber selbst wenn, billig ist der nicht!

Schall und Rausch beginnt mit einem Intro, was ich mittlerweile immer mehr zu schätzen lerne. „Intrada“ ist zwar rein instrumental, erinnert aber an eine gewisse Frankfurter Band und ihr Intro zu „Ich bin in dir“ (für diesen Vergleich werden mich die Gitarristen und Bassisten beider Bands lynchen, weil er leicht hinkt, aber ich bin nicht hier, um mir Freunde zu machen). Nun geht es aber los mit „Kommerz (Die Geier kreisen weiter)“, ja nun, das ist ein Vorwurf, der doch jeder Band gemacht wird: Ihr seid kommerziell, ihr Schweine, ihr wollt wirklich mit eurer Musik Geld verdienen, euren Lebensunterhalt, böse! Da brüllt Schulle mal so richtig den Hass ins Mikro, man kann förmlich spüren, dass der Gute ganz schön angepisst ist. Die Melodie ist einfach und eingängig. Das Phrasenschwein treibe ich später durch das Review. „Willkommen im Club“ ist für alle da draußen, sie einen ähnlichen Weg gehen wie Schulle und Co. Erinnert ein bisschen an ein Frankfurter Quartett, schafft ein Zusammengehörigkeitsgefühl. Schöner Part ist bei knapp der Hälfte des Songs ein eher gesprochener Teil. „Auf alte Tage“ ballert mal gut rein und ist für Fans vom Gitarrengeschrabbel hörenswert. Auch wieder so ein Song, der ein bisschen zusammenschweißt, die Fans zusammenbringt und einer dieser Songs ist, den alle Bands haben: Wir haben eine gemeinsame Geschichte und darauf trinken wir mal einen! Übrigens ist der Refrain eine Hymne! Ja, erinnert an Die Toten Hosen, ist aber gut, sehr gut sogar. Den Song muss man mal live feiern, glaube ich. „Bis zum letzten Ton“ ist so ein typischer Punktakt, der ins Blut geht. Das können sie, das macht Toxpack richtig gut. Kein verkopftes Musikthema, dem man gedanklich und emotional nicht mehr folgen kann, wenn man einfach die Augen schließen und feiern will. Um was es bei „Reden, lästern, lügen“ geht, kann man sich denken. Auch hier im letzten Drittel ein herrlicher Gitarrenpart, der gerne länger sein könnte. Ich kann mir vorstellen, dass Schulle mit seiner Art vielen aus der Seele spricht. Da geht das Punkherz auf – von Oi! mag ich nicht so sprechen, auch wenn es die Ursprünge sicherlich voll in den Bann zieht. Bevor wir hier ins Politische abdriften, wenn wir wieder von Punk, Oi!, Skinheads und Randgruppierungen sprechen, muss man Schulle trotz seines Alters (Jahrgang 1974) zugestehen, dass er sicherlich weniger von der Politisierung dieser Gruppen beeinflusst wurde, als vielmehr vom eigentlichen Grundgedanken dahinter. Kein politischer Skin würde solche Musik machen – also hören wir mal auf, die Sau durch’s Dorf zu treiben. „Die Letzten, die sich noch dagegen stellen“ ist wieder ein Schlachtruf, der zum Umdenken und zum Aufstand aufrufen möchte. Ob er das schafft, ist fraglich, weil ich mittlerweile einfach glaube, dass sich die Gesellschaft nicht mehr in einer Phase befindet, in der sie zum Umdenken fähig ist. „In Trümmern“ sorgt für Gänsehaut. Macht, Geld, Religion, wer hat den Längsten. Schwanzvergleich mit Waffen und Unschuldige müssen die Konsequenzen tragen. Eine Kampfansage an die Religionsfanatiker, die Menschen töten, um zu beweisen, dass ihr imaginärer Freund der Stärkste ist. Ein Statementsong, ich find ihn klasse, wenngleich er sehr traurig stimmt. „Komm mit mir“ – danke für den Einstieg, ich mag ihn! Ansonsten zieht der Song aber ziemlich an mir vorbei, so ganz greifbar ist er für mich nicht. „Wenn Du willst“ ist der Lovesong für Punks. Klingt komisch? Nun ja, es ist der Song, den man seinem Mädchen vorspielt, damit sie einen ranlässt und es großartig wird. Ernster wird es mit „Narben der Vergangenheit“. Ein langes Intro, ein ruhiger Song, der ab der zweiten Strophe Mut macht und den verzweifelten Seelen da draußen sagt: „Glaub an dich selbst und du wirst siegen.“ Solche Lieder braucht man und die muss man auch nicht zerreden. Guter Song, gefälliger Rhythmus.
„Gib mir Dein Geld“ ist gegen die Bonzen gerichtet, den Staat, die, die immer nur mehr und noch mehr haben wollen und andere dafür ackern lassen, die für ihrer Hände Arbeit kaum mehr etwas bekommen. Punk pur und eine Nummer, die unbedingt auf der Platte sein musste, weil diese dadurch in meinen Augen komplettiert wird. „Nichts geht mehr“ muss ich mir mehrfach anhören, erst dann wirkt der Text so richtig. Ein Trennungslied, ja, schmerzhaft, aber gut. Da kommen schon Tränen und Erinnerungen hoch. „Unbelehrbar“ hat ein bisschen was Balladenartiges. Es ist im Grunde der Song, der „Junge“ von den Ärzten ähnelt. Du bist anders, aus dir wird nie was, bla blubb, Vorturteil, Verurteilung, keine Chance. Aber es ist gut. Wenn man mit sich selbst zufrieden ist und seinen Weg geht, sich nicht anpasst und trotzdem was erreicht, dann kann man irgendwann aufstehen und sagen: „Alles ist gut so, wie es ist!“ Ein Lied für alle Außenseiter, die sich gegen den Zwang und die Konformität der Gesellschaft stellen wollen oder müssen. „Alles auf Anfang“, der vorletzte Song, ist ein Aufbruch und bringt so einen gewissen Auftrieb in die Platte, einen Schlachtruf, ein „geht mit unseren Songs gestärkt in die Welt hinaus“. „Profectio“ ist das instrumentale Outro, das die Platte beendet. Schöne Nummer, wie das Ende eines Konzerts, wenn man rausgeht.

Toxpack haben mit Schall und Rausch ein gutes Album auf den Markt gebracht, das mitreißt, nachdenklich stimmt, aufwühlt und einen manches vergessen lässt. Der Longplayer ist kraftvoll und powert ordentlich rein – textlich wie musikalisch. Ja, man kann ihnen vorwerfen, dass der ein oder andere Part ein bisschen an die Böhsen Onkelz angelehnt ist. Wobei man da bereits früher bei „Was und verbindet“ (stark angelehnt an „Auf gute Freunde“) oder ähnlichen Songs hätte angreifen müssen. Vielleicht liegt es nur daran, dass ähnliche Wurzeln vorhanden sind und die Themen sich dadurch gleichen.

Schall und Rausch bekommt von mir die volle Punktzahl, weil mich das Album mitgerissen und überzeugt hat. Es hat seine absolut harten Powernummern, die Hymnen, die Mitsinglieder, die Balladen und die Nachdenklichkeit, die man von Toxpack erwartet. Ein starker Longplayer.

5/5

Toxpack – Schall und Rausch
Napalm Records, 2017
CD: 16,99 €

Tracklisting:
Intrada
Kommerz
Willkommen im Klub
Auf alte Tage
Bis zum letzten Ton
Reden, lästern, lügen
Die Letzten, die sich noch dagegen stellen
In Trümmern (feat. Gunnar Schröder)
Komm mit mir
Wenn Du willst
Narben der Vergangenheit
Gibt mir Dein Geld
Nichts geht mehr
Unbelehrbar
Alles auf Anfang
Profectio

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