Buch: Cornelius Peltz – Hesse trifft Hesse


Cornelius Peltz hat Ende der 1990er Jahre Parallelen zwischen Hermann Hesse und Stephan Weidner gefunden. Diese wollte er in einen Essay packen und hat sich dafür einige Texte der deutschen Band Böhse Onkelz näher angesehen. 2005 gab es die zweite Auflage und um ehrlich zu sein, warte ich auf eine dringend notwendige Überarbeitung. Bekanntlich hatten sich 2005 die Böhsen Onkelz aufgelöst – und 2014 wiedervereinigt – und Stephan Weidner einige Jahre später mit seinem Soloprojekt Der W weitergemacht. Es entstanden in knapp zehn Jahren (etwas weniger) vier Alben voller Weidner-Texte, die man nicht einfach außen vor lassen kann, wenn man denn einen Essay über den Musiker schreibt und ihn mit Hermann Hesse in Verbindung bringt.

Zunächst sei gesagt: Das Buch beginnt nach zwei Vorworten und einer Einleitung mit den Biografien der beiden. Bereits hier möchte man auf Biegen und Brechen Ähnlichkeiten finden. In meinen Augen wird man beiden Männern nicht ganz gerecht. Stephan ist der Rebell, unpolitisch, aber rechts, der irgendwie – überspitzt formuliert – außer Onkelz und Frauen keine Schwerpunkte hat. Hesse ist der Unverstandene, der sich gegen alles auflehnt und wenigstens etwas erreicht hat im Leben. Alleine das klingt schon gemein, auch wenn es nicht in dieser Härte ausgedrückt wird. Bereits hier kann man aber Parallelen erkennen, die nicht ganz herausgearbeitet werden. Musik, Literatur, Frauen – auf letzteres Thema will ich gar nicht weiter eingehen. Beide hatten die wichtigen Frauen in ihrem Leben, die Begleiter, bester Freund, Stütze und das alles ertragende Wesen gleichermaßen waren. Trotz aller Biografien wird man aber dennoch niemals wirklich dahinterblicken, was zwischen den Frauen und den beiden Männern war, welche Verbindung, Verbundenheit und Magie existiert (hat). Musik und Literatur ist beiden aber gleichermaßen wichtig, wie auch erwähnt wird, ob man in den kurzen Abrissen der Biografien nun unbedingt Gedichte von Hesse, aber nur einen einzigen – und leider nichtssagenden – Text von Weidner anbringen muss, ist fraglich. Mir fehlt im Gesamtwerk die Herausarbeitung von Hesses Anfangsjahren, die Rebellion gegen die Theologie bzw. die Kirche und kirchliche Erziehung, die man auch bei Weidner im Leben und in den Texten finden kann. Mir fehlt die wirklich kritische Auseinandersetzung mit beiden Protagonisten. Das Buch ist schwarz weiß und weicht auch keinen Millimeter davon ab, plakativ darzustellen, was man sich aus den Fingern saugt. Ganz nett ist dennoch, dass Peltz versucht, bestimmte Themen wie Wahrheit, Glaube, Politik usw. bei beiden zu finden und die Parallelen darzulegen. Allerdings mit wenigen Worten, meist werden nur die Texte nebeneinander gestellt, bitter wird es, wenn die Texte von Weidner als eins zu eins von Hesse kopiert dargestellt werden. Da fehlt es an so vielem.

Man mag nicht abstreiten, dass Hesse von Weidner gelesen und rezipiert wurde. Aber es bedarf doch etwas mehr, als nur wörtliche Übereinstimmungen zu sehen. Weidner hat viel gelesen und man kann spätestens ab Beginn der 1990er Jahre bis heute immer wieder über ihn lesen, dass philosophische Werke (um einen groben Überbegriff zu geben) zu seinem regelmäßigen Lesestoff gehören. Darunter fallen aber auch Miller, Castaneda, Robbins und andere. Dass Lesen für ihn wichtig ist, kann man auch auf seinem linken Arm erkennen. Deutlich wird auch, dass Weidner sich an älteren philosophischen Lehren orientiert und scheinbar auch die Chakralehre studiert hat. Das Dritte Auge, auch das Stirnchakra genannt, wird wörtlich in „Ohne Mich“ erwähnt, aber die Lehre dahinter findet sich auch in weiteren Texten von den Onkelz oder auch von Der W. Liest man Interviews mit dem Musiker, kann man immer wieder feststellen, dass diese Intuition, die Menschenkenntnis, Gedankenkraft und vor allem die Visualisierungsstärke in Werk und Leben Weidners eine große Rolle spielen. Peltz übersieht diesen Zusammenhang, den es auch bei Hesse gibt. Etwa in Narziß und Goldmund: „Er sah in ihren Augen den Tod, aber nicht das Sterbenmüssen, sondern das Sterbenwollen, das Sterbendürfen, die stille Hingabe an den Ruf der Erdenmutter.“ Von hier aus würde sich auch gleich ein weiterer Bogen spannen lassen, wenn man weg von der Hellsichtigkeit geht und hin zum Thema Tod und Sterben, zur Erdenmutter (die bei Hesse eine große Rolle spielt, man denke an Mutter Eva aus Demian) und zur Geborgenheit. Hesse beendet Narziß und Goldmund mit einer relevanten Frage: „Wie willst du einmal sterben, Narziß, wenn du keine Mutter hast? Ohne Mutter kann man nicht lieben. Ohne Mutter kann man nicht sterben.“ Lässt man sich auf Peltz‚ Vorgehensweise ein, kann man diese Frage auf Weidner und seine Biografie anwenden und ihm unterstellen, dass der Drang nach Familie – sei es, was seine private Familie, als auch die immer betonte Familie der Fans betrifft – aus der alles anderen als heilen Kindheit resultiert. Hesse hat diesen Muttergedanken immer wieder aufgegriffen, Weidner greift den Familiengedanken immer wieder auf – also wäre es einfach, hier genauso interpretatorisch zu wirken, wie Peltz es teilweise mit anderen Themen tut.

Weidner auf Hesse zu beschränken, halte ich für etwas zu kurz gegriffen. Betrachtet man Weidners Werk und Wirken, gelangt man zu Platon und dessen Höhlengleichnis. „Ihr seid blind geboren, genau wie ich, doch was ich lernte, lernt ihr nicht.“ Diese – und nicht nur diese – Zeilen passen zu Platon und rezipieren den Philosophen, tragen ihn in eine moderne Welt. Einen Schritt weiter kann man gleichermaßen Hesse und Weidner in die Tradition von Nietzsche, Hegel und Feuerbach stellen. Freilich ist eine Ablehnung von Kirche bei beiden Protagonisten aus den Biografien heraus zu verstehen. Beiden jedoch kann eine gewisse geistige Reife und Bildung nicht abgesprochen werden. Die Theothanatologie, also das berühmte „Gott ist tot!“, kann man nicht immer wörtlich, aber sinngemäß in den Werken von beiden finden. Feuerbach hat Gott stets als eine Projektion des Menschen betrachtet und erläutert, dass Gott als die Summe aller menschlichen Wünsche anzusehen ist, also beispielsweise dem Wunsch nach Unsterblichkeit, Allwissenheit, Vollkommenheit, Glückseligkeit und Allmacht. Da der Mensch aber diese Omnipotenz nicht erlangen kann, erdenkt er ein Wesen, das über ihm steht und mit all diesen Eigenschaften ausgestattet ist. Feuerbach setzt aber den Menschen über Gott, der ein von Menschen gemachtes Gedankenkonstrukt ist, und stellt klar: Der Mensch muss für den Menschen das Höchste sein. Diese Ansicht vertreten sowohl Hermann Hesse als auch Stephan Weidner. Da Peltz auf den Persönlichkeitsgedanken der beiden eingeht und diesen ins Zentrum des Buches stellt, fehlt mir hierbei entscheidend, dass er kein Novum ist, sondern Auslegung und Interpretation alter Traditionen.

Zuletzt noch ein Thema, das bei Weidner und den Böhsen Onkelz seit Beginn der Band Thema Nummer Eins ist: Das rechte Gedankengut. Peltz druckt freimütig „Türken raus“ ab und bezeichnet die Onkelz als rechts, stellt aber zwei Dinge fest: Eine Wandlung in dieser Einstellung ist möglich, sonst hätte er sich auch gar nicht mit dieser Band befasst; außerdem waren die Onkelz zum Zeitpunkt seiner Recherche, den er in der Einleitung mit 1994 angibt, keine rechte Band. Gut, das nehmen wir so hin. Ein Wort zu „Türken raus“, einem Lied, auf das weder Stephan Weidner selbst stolz ist, noch dass es schön geredet werden müsste. Aber eines muss man sagen und der Band zugestehen: Die Onkelz sind in Frankfurt und der Umgebung aufgewachsen oder haben dort einen nicht unerheblichen Teil ihres Lebens verbracht, der prägte (Gonzo schließe ich hierbei mal mit ein). Gerade Stephan kennt die Straßen, kennt Frankfurt und hat miterlebt, dass die Türken in der Stadt ihre Viertel und damals – nicht immer ganz zu Unrecht – den Ruf hatten, sofort mit dem Messer dabei zu sein. Später, in einer Talkrunde in Live aus dem Alabama, berichten Kevin und er, dass sich der Song auf ihre persönlichen, negativen Erfahrungen mit den gewaltbereiten Türken bezieht und keinesfalls kollektiv eine Abneigung gegen Ausländer darstellt. Wer Frankfurt und die Umgebung aus den 1980er und 1990er Jahren kennt, kann unmöglich bestreiten, dass die Bevölkerung durchaus skeptisch auf diese Entwicklung blickte, dass es zu gewalttätigen Übergriffen kam und die Bandenbildung durchaus Angst verbreitete. Wege wurden gemieden, man drehte um, wenn eine solche Bande entgegenkam, nahm Umwege und Unannehmlichkeiten in Kauf, wenn man auf die teilweise sichtbar bewaffneten und grölenden Gruppen traf. Auch wurde man immer wieder Zeuge von Ausschreitungen, Schlägereien und Sachbeschädigung. Das heißt nicht, dass dieses Verhalten auf bestimmte Landsmänner reduziert ist. So agieren Menschen aus allen Ländern der Welt. Es fiel nur damals deutlich auf und da Weidner und die Band aus diesem Umfeld kommen, ist es nur verständlich, wie es zu einem derartigen Text kommen konnte. Das beschönigt ihn nicht und ändert nichts an Weidners Reue, den Text geschrieben zu haben, noch an dessen Verwerflichkeit!

Hierbei möchte ich einen Haken zu Hermann Hesse schlagen. Unterstellt man einem Stephan Weidner, rechts (gewesen) zu sein, kann man das einem Literaturnobelpreisträger ebenso. Dabei lassen sich Parallelen in der Argumentation finden, die mir im Buch komplett fehlen – weil Peltz Hesse aus diesem Thema komplett heraushält. Den Böhsen Onkelz wird unter anderem vorgeworfen, der rechten Szene anzugehören bzw. angehört zu haben, da die ersten drei Alben auf dem (später) rechten Label Rock-O-Rama veröffentlicht worden sind. Als der Plattenvertrag unterzeichnet wurde, war das Label allerdings ziemlich unpolitisch und hat sich erst später aus finanziellen Gründen in diese Richtung entwickelt. Hermann Hesse seinerseits schrieb – neben Thomas Mann oder auch Rainer Maria Rilke und anderen – immer wieder für den Simplicissimus, eine satirische Wochenzeitung, die großen Wert auf niveauvolle Beiträge legte. Immer wieder stach das Blatt mit obszönen Darstellungen von Juden heraus, machte geschmacklose Witze auf ihre Kosten und brillierte mit schlechten Karikaturen – aus finanziellen Gründen. Dass Hesse sich für ein solches Blatt hergab, kann ihn genauso in eine nationalsozialistische Ecke drängen, wie man die Onkelz aufgrund des Plattenvertrags mit Rock-O-Rama in diese stellen kann. Ebenso kann man ihm, der immer auf das Anderssein, das Sich-Abheben Wert legte, auch gerne einen Hang zur „Herrenrasse“ unterstellen. Man denke an Demian, auch an den Steppenwolf, vielleicht an das Glasperlenspiel. Wenn man wollte, könnte man hier genauso viel hineinlesen, wie es bei den Texten Weidners getan wird.

Über beide kann man jedoch sagen, dass ihr „Lebenswerk […] für das Vernünftige, Notwendige, Lebensfreundliche und Menschenwürdige“ plädiert, wie Volker Michels über Hermann Hesse anlässlich dessen 50. Todestages urteilte.

Zurück zu Cornelius Peltz, einem Hesse-Liebhaber, einem Onkelz-Hörenden, jemandem, der halt einen Essay geschrieben hat. Nicht mehr und nicht weniger. Mir fehlen Recherchen und Tiefe, mir fehlt Stephan Weidner – interessant wäre ein Statement des Musikers gewesen -, mir fehlt ein Weiterdenken, ein wirkliches Vergleichen. Mir fehlen die Fortführungen und Bezugnahmen auf Der W – zumal Peltz Der W live miterlebt hat und sogar im Tourvideo „Von A nach W“ dabei ist. Kurz: Es fehlt mehr, als dass man aus dem Buch Nutzen ziehen kann. Ein Liebhaber hat sachlich sein wollen und sich hinreißen lassen, seine Lieblingstexte zu zitieren.

2/5

Cornelius Peltz – Hesse trifft Hesse
Archiv der Jugendkulturen e.V., 2005
122 Seiten
Taschenbuch: 10 € (im Shop Archiv der Jugendkulturen)

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