Buch: Regina Schleheck – Der Kirmesmörder Jürgen Bartsch


Im Nachkriegsdeutschland verschwinden immer wieder Kinder von Kirmesplätzen. Während das Land versucht, wieder auf die Beine zu kommen, hat Jürgen Bartsch, Adoptivsohn aus reichem Hause, andere Dinge im Kopf, als die Arbeit oder gar die Übernahme der väterlichen Metzgerei. Er fällt immer wieder negativ auf – und wird schließlich als Entführer und Mörder entlarvt.

Regina Schleheck hat sich mit der Geschichte von Jürgen Bartsch beschäftigt. Diese bereitet sie ganz geschickt auf, so dass alles andere als eine trockene Abhandlung der Ereignisse entstanden ist. Sie erzählt, wie der kleine Jürgen von seiner Mutter im Krankenhaus zurückgelassen wurde, der Vater ist unbekannt, das Kind fasziniert die Schwestern, die es sofort ins Herz geschlossen haben. Auch die kinderlose Metzgersgattin ist ganz vernarrt in den Buben und adoptiert ihn schließlich. Aus der Sicht einer Schwesternschülerin, die später in das Haus der Bartschs kommt, um sich um den Jungen zu kümmern – was die neue Mutter zu verhindern weiß -, aus Sicht von Schulkameraden, den Opfern und sogar eines Geistlichen wird der Fall geschildert. Dadurch bekommt man verschiedene Perspektiven geboten, die die Spannung steigern und einen umfassenden Einblick in das Leben Jürgens geben. Man erlebt ihn von außen, wie er auf andere wirkt, wie die Menschen auf ihn reagieren, auch diejenigen, die ihn gar nicht kennen und nur von den schrecklichen Verbrechen aus der Zeitung etwas wissen.

Man schwankt ein bisschen zwischen Mitgefühl und Abneigung, zumindest in den ersten Lebensjahren des Kindes, das sozial abgeschottet wurde. Die Gründe hierfür sind wenig bekannt, weshalb man nur spekulieren kann. Aber ein Weg ist vorgezeichnet. Dass Bartsch später Probleme haben wird, Anschluss und Freunde oder sogar eine Frau zu finden, ist wenig verwunderlich, darf er doch in seiner Kindheit keinen Kontakt zu Gleichaltrigen haben und auch nur ganz spärlich zu Fremden. Der Fall Jürgen Bartsch – und das wird während der Lektüre deutlich – hat Deutschland in mehrerlei Hinsicht geprägt. Die Rechtssprechung wurde natürlich tangiert, aber auch die Psychologie. Man interessierte sich plötzlich viel stärker für die Vergangenheit und das Seelenleben der Täter, man wollte wissen, warum Menschen zu Untaten fähig sind. Sogar Therapien sind daraus erarbeitet worden.

Der Kirmesmörder Jürgen Bartsch ist ein mitreißendes und zugleich schockierendes Buch. Wenn man sich immer wieder bewusst macht, dass es sich hierbei um einen wahren Fall handelt und nicht um reine Fiktion, wird das Grauen auf eine andere Ebene gehoben. Man kann nicht mehr einfach abschalten und das Buch weglegen, wenn es zu viel wird. Eine gelungene Aufarbeitung eines erschütternden Falls.

5/5

Regina Schleheck – Der Kirmesmörder Jürgen Bartsch
Gmeinder Verlag, 2016
242 Seiten
Taschenbuch: 12,99 €

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