Buch: Daniel Kehlmann – Tyll


Zu Beginn des 17. Jahrhunderts befindet sich das Land im Krieg. Das arme Volk hat mit den Folgen zu kämpfen, mit Hunger, Vertreibung und der Pest. Nur einem scheint all das nichts anhaben zu können: Tyll Ulenspiegel, dem Gaukler, der immer dort ist, wo man ihn nicht vermutet, handelt, wie man es nicht erwartet und sich einst vorgenommen hat, niemals zu sterben.

Daniel Kehlmann hatte bereits mit der Vermessung der Welt ein wahres Meisterwerk geschaffen, denn nur wenige können Geschichte, Fakten und Fiktion so eng miteinander verweben, dass man das Buch nicht mehr aus der Hand legen kann und nebenbei noch etwas lernt. Mit Tyll greift er nicht etwa die Figur auf, die vielen als Till Eulenspiegel bekannt ist, die man aus Kindertagen kennt, von Erich Kästner etwa, der in seinem Buch die Streiche kindgerecht ausgearbeitet hat. Bei Kehlmann geht es um den Krieg, um die Irrungen und Wirrungen, die Verheerung und die Pest. Es geht um das Volk, das sich mit den Umständen abfinden muss und um die Großen, die das Sagen haben und doch schweigen. Nach und nach erlebt man den Krieg hautnah und dann doch wieder fernab in einer Art Nebenerzählung, die einen anderen Schauplatz, einen anderen Aspekt der Zeit beleuchtet. Zwischen Politik und Religion, Aberglaube und Wissenschaft schlängelt sich Kehlmann hindurch, verleiht seinen Figuren einen Charakter, der als Sinnbild für eine Gesellschaftsschicht oder auch eine Meinung der damaligen Zeit gilt. So ist Tylls Vater augenscheinlich ein Müller, vertreibt sich aber gerne die Zeit mit philosophischen, ketzerischen Gedanken, die ihn schließlich an den Galgen bringen. Er wird als Hexer verurteilt und durch ihn lernt der Leser die Absurdität der Hexenverfolgung kennen, die mit Hilfe von Folter Geständnisse erzwang und Zeugen bestach. Tyll geht fort nach diesem Urteil, zusammen mit der Bäckerstochter Nele, die er eigentlich nicht mag und schließlich doch so sehr in sein Herz schließt. Der nachdenkliche Henker Tilmann veranschaulicht, wie aussätzig Henker leben mussten und wie sehr sie unter dem Joch der Kirche standen und um das eigene Seelenheil bemüht waren. Zwielichtige Wissenschaftler werden dargestellt, Kriegsberichterstatter, Richter, Königsleute, die nichts mehr sind als einfache Leute und betteln müssen um ihr Land, ihren Stand und ihr Leben.

Zwischen ihnen allen ist Tyll, der Gaukler, der wie kein anderer geradeheraus seine Meinung sagt und seine Streiche spielt, die Menschen an der Nase herumführt. Tyll, der als kleiner Junge bereits etwas Besonderes war und dem Tod in jungen Jahren mitten ins Gesicht blicken musste. Eigentlich ist dieser extrovertierte Gaukler aber nichts anderes als ein gebrochener Mensch, psychisch stark belastet durch verschiedene Traumata. Er ist der Typ, den man zigfach kennt, der auffällt, meistens negativ, der vorlaut seine Welt gestaltet und sich durch nichts aufhalten lässt, an keine Regeln hält und sich nicht einfangen lässt. Dabei versteckt aber nur sein wahres Ich, sein Inneres, seine Gefühle. Es ist ein Selbstschutz, der aufgebaut wurde, um nicht zugrunde zu gehen – und Tyll hat sich vorgenommen, niemals zu sterben, nicht durch Pest und Kugelhagel, nicht durch Räuber oder Gift. So kann er den pestkranken Winterkönig begleiten und lässt ihn nicht alleine sterben, und auch der Hunger ringt ihn nicht nieder. Dass er seine treue Gefährtin Nele gehen lässt, beweist wahre Größe und tiefe Liebe, denn nur wer einen Menschen liebt, kann ihn ziehen lassen, wenn es für diesen besser ist. Und Tyll selbst berührt die Menschen, bringt sie zum Nachdenken und lässt sie sich erinnern oder bereuen.

Am Ende bleibt ein fader Beigeschmack von Blut und Grauen, Tatsachen eng vermischt mit Fiktion – und ein Gaukler, der doch so ernst ist, doch so vergnügt und immer genau das, was das Gegenteil der Situation ist. Kehlmann entführt seine Leser in die Schrecken des vergangenen Krieges und führt mit der Figur des Tylls die Absurdität deutlich vor Augen des Lesers.

5/5

Daniel Kehlmann – Tyll
Rowohlt, 2017
480 Seiten
Hardcover: 22,95 €

Ein Kommentar

  1. Oooh ja, eines meiner Lieblingsbücher!
    Ich liebe Kehlmann generell, doch mit diesem Buch hat er beinahe einen Klassiker geschaffen, möchte ich sagen. Das Buch ist so viel, es birgt so viel Bedeutung und Inhalt und kommt doch so leichtfüßig wie ein seiltänzer daher! Kehlmanns Witz ist unbeschreiblich 😊
    Habe übrigens auch eine Rezension geschrieben, falls du Interesse hast ^^
    Ganz liebe Grüße von der Luna ❤️

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