Warum Elefanten nur an Weihnachten Kartoffelsalat essen


September, irgendwo in einer kleinen Ortschaft in Deutschland. Die Sonne ist vor Stunden aufgegangen, die Vögel lassen nur noch vereinzelt ein Zwitschern hören, in den meisten Gegenden sind die Sommerferien bereits vorbei und die Schule hat wieder begonnen. Nur einige ABC-Schützen fiebern ihrem großen Tag noch entgegen, freuen sich auf den erbettelten quietschpinken Einhorn-Schulranzen und auf die hoffentlich gleichfarbige Zuckertüte, die ihren Namen nicht von ungefähr hat. Vor dem Discounter stehen sie bereits in Startformation. Die Poleposition hat sich eine vollschlanke Frau mittleren Alters mit fettigen Haaren und einer runden Brille mit fleckigen Gläsern gesichert. Sie krampft die Hände um das Lenkrad … um den Einkaufswagen natürlich, und knirscht verbissen mit den Zähnen. Hinter ihr stehen ordentlich der Qualifikationsrunde folgend Omas, Hausfrauen, gestresste Halbtagsmütter und scharren mit Hufen, die in Flipflops stecken, weil der Sommer es gut mit ihnen meint und es am ersten Septembertag immer noch so heiß ist wie in der Sahara. Von Ferne erklingt der Countdown von der Kirchturmuhr, die Angestellte des Discounters nähert sich mit Panik im Blick und zögerlichem Schritt der Eingangstüre, um sie zu öffnen. Das Klingen des Schlüsselbundes mutiert zum unerbittlichen Countdown, die Motoren heulen auf, als die Einkaufwägen gegen die Türen geschoben und in die Hinterteile der anderen Damen gedrückt werden. Die Spannung steigt, man hält den Atem an, noch nie war eine Gruppe Frauen derart still – aber die Stille ist nicht minder bedrohlich wie jedes Schweigen einer Frau, in dem so viel Vorwurf steckt, als wäre das Gegenüber schuld an sämtlichen Kriegen seit Beginn der Zellteilung.

Die Türe geht auf, die Angestellte will noch fliehen, aber die Einkaufswagen rasen los, überrollen die Einzelhandelsfachkraft wie ein störendes Insekt, es wird gedrängelt und in der ersten Kurve starten die verzweifelten Überholversuche, aber die Dicke kann ihre Position erfolgreich verteidigen. Im Mittelfeld gibt es Bewegung, einige erfolgreiche Überholmanöver, nur ein Wagen bleibt auf dem Grünstreifen stehen, für ihn ist es aus, das Rennen gelaufen, null Punkte an diesem Tag.

Und da ist auch bereits die Ziellinie und die Poleposition kämpft noch einmal gegen die Verfolger, es wird spannend, auf den letzten Metern könnte es doch zu einem Führungswechsel kommen, aber sie legt noch mal zu, holt alles raus, schießt mit knappem Vorsprung über die Ziellinie und crasht mit voller Wucht in den Aufsteller mit den Lebkuchen. Sie hat gewonnen! Das ist der Titel! Wahnsinn! Lächelnd schaufelt sie die Packungen mit Weihnachtsgebäck mitten im September in den Einkaufswagen. Die schokoladige Süßigkeit wird in der Zuckertüte landen, wenn die Kinder quengeln wird es welche geben, zwischendurch wird es sie geben, zum Frühstück, zum Mittagessen, zum Abendrot, wenn Glitzervampire erscheinen, mitten in der Nacht wird der Wecker gestellt werden, damit man um 2 Uhr früh Lebkuchen verspeisen kann!

***

Eine Woche später in der Kaffeeküche irgendeines namenlosen Büros hier auf diesem Planeten. Der Soja-Latte wird mit magersüchtigen Fingern umkrampft – „Bloß keinen Zucker! Weißt Du doch, ich mache Diät!“ -, während die ausgequetschte Kapsel aus dem Automaten genommen und achtlos in den Restmüll geworfen wird. Das Wochenende war großartig! „Wir waren auf einer PETA-Demo gegen Kunstpelz in Dieselfahrzeugen“, erzählt das Botox-verzerrte Gesicht und mit krallenartigen Gelfingernägeln werden die wasserstoffblonden Extensions aus der Schminkfratze gestrichen. „Tierumweltschutz ist ja so wichtig!“, stimmt die Kollegin zu und schiebt den SUV Schlüssel neben das Handy auf dem Tresen. „Hast Du schon gesehen“, wird in unnatürlich hoher Stimmlage geflötet, „hast Du schon gesehen, es gibt wieder Lebkuchen. Im September! Das wird jedes Jahr früher. Schrecklich! Wer isst das denn jetzt?“ Zustimmendes verständnisloses Kopfschütteln der anderen und Gemurmel, das im Schmatzen der fleißig kauenden Lebkuchenvertilgerinnen untergeht. „Fehlt nur noch der Glühwein“, empört sich eine Kollegin. Das Feierabendbier am Freitag, den 15. September findet bei 30°C Außentemperatur auf dem Raucherbalkon statt – mit dampfendem Glühwein.

***

Nur neun Tage später erzittert das Internet unter dem panischen Aufschrei: „NUR NOCH 3 MONATE BIS WEIHNACHTEN!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!“ – Die Ausrufezeichen stehen für jedes Geschenk, das noch nicht besorgt ist.

***

Oktober, noch zwei Monate bis Weihnachten. Die Geschenke sind noch nicht vollzählig. Die Panik wächst, was der Freund in diesem Jahr Einfallsloses anschleppen wird – wofür er auch noch das ganze Programm haben möchte: Tränen in den Augen, freudiges Quieken, stürmisches Umdenhalsfallen, ein überzeugtes: „Das habe ich mir schon immer gewünscht!“ – und am Ende als Belohnung für ein total bescheuertes Geschenk, für das er hoffentlich den Kassenbon für einen Umtausch noch hat, Sex. Um all das zu vermeiden werden in der Wohnung unauffällig Hinweise verteilt, was man denn schenken könnte, worüber man sich wirklich freuen würde. Kataloge, Fotos von Freundinnen, die das Lieblingsteil haben, Bilder von begehrenswerten Promis. Jeder zweite Satz beginnt mit Weihnachten, auf jedem gequälten Bummel durch die Stadt wird an zig Schaufenstern angehalten, mit den Fingern an die Scheiben getatscht und in der bittenden Kleinmädchenstimme geschwärmt, wie toll der Artikel sei. Der Freund schlurft desinteressiert und mit den Gedanken an das letzte Spiel des Lieblingsvereins neben seiner Angebeteten … neben der Frau her, die er irgendwie ganz gut findet, und versteht kein Wort, behält nur grobe Begriffe wie: Schmuck, Klamotten – wäre nicht mal so ein geiler BH was, wie Pamela Anderson im Playboy … oh, da hatte sie gar keinen an, ist auch schon eine alte Ausgabe, sehr alt, aber immer noch geil … Pamela mit den riesen Möpsen… „Doch, Schatz, natürlich höre ich Dir zu. Um was geht’s?“

***

„Was kriegt Deine Mutter denn von uns zu Weihnachten?“

„Keine Ahnung. Dir fällt schon was ein!“

„Aber es ist Deine Mutter und die ist immer so kompliziert.“

„Meine Mutter ist nicht kompliziert!“

„Ach nein? Und was schenken wir ihr dann?“

„Weiß ich nicht.“

„Zum Essen brauchen wir sie nicht einladen, dann isst sie wieder nichts, oder hat schon gegessen, weil es ihr zu spät ist.“

„Dann sagen wir ihr halt, dass…“

„Das hat ja vor zwei Jahren prima funktioniert und dann sagt sie: ‚Ich hab halt gedacht…!‘“

„Dann müssen wir das dieses Mal deutlicher sagen.“

„Was ist undeutlich an: Wir laden Dich zum Essen ein?“ Sie seufzt. Er seufzt.

„Ins Theater muss man mit ihr auch nicht gehen. Was mag sie denn da? Dann ist es wieder zu spät und dann will sie wieder nicht fahren.“

„Wir können sie ja abholen.“

„Dann fahren wir rein in die Stadt, raus aus der Stadt, rein in die Stadt.“

„Das liegt doch auf dem Weg.“ Sie googlet und findet das Programm sämtlicher Theater in München. Während sie vorliest, was zur Auswahl steht, kommentiert er einsilbig.

„Zu blutig. Zu sexy. Den Schauspieler mag sie nicht. Das ist dienstags, da kann sie nicht. Zu modern. Das versteht sie nicht. Das kennt man schon. Zu böse. Ironie ist gar nichts für sie. Zu teuer. Wer geht denn da mit? Ich bestimmt nicht!“ Sie seufzt. Er seufzt.

„Dann schenken wir ihr ein Buch.“

„Welches?“

„Das weiß ich nicht. Was liest sie denn?“

„Sie liest nicht.“

„Sie hat doch gesagt, sie liest!“

„Ja, aber im Bett schläft sie immer ein.“

„Aber sie wacht doch morgens immer um fünf Uhr auf und kann nicht mehr einschlafen, aber zum Aufstehen ist es ihr zu früh. Da kann sie doch lesen.“

„Das will sie nicht.“

„Warum nicht?“

„Keine Ahnung.“

„Dann soll sie auf dem Sofa lesen.“

„Da schaut sie fern.“

„Immer?“

„Ja.“ Sie seufzt. Er seufzt.

„Jetzt denk doch auch mal nach!“

„Mach ich ja!“

„Und?“

„Ich weiß nichts.“

„Es ist doch Deine Mutter, das geht mich doch eigentlich gar nichts an!“

„Du findest schon was.“

***

Noch eine Woche bis Weihnachten. Es ist Samstag. Der Supermarkt hat einen Sicherheitsdienst engagiert und fünf Einweiser für den Parkplatz. Schusswaffen dürfen nicht eingesetzt werden. Die Männer haben bereits Hooligans auseinander getrieben, haben bei den düstersten Rockkonzerten ihren Mann gestanden und würden sogar Angela Merkel bei einer Wanderung durch deutsche Städte begleiten und alleine Syrien von ISIS befreien. Doch jetzt stehen sie hier, vor dem Supermarkt und zittern. Sie haben Angst. Die Augen sind weit aufgerissen wie bei scheuen Rehen, auf die eine Horde Lastwagen zufährt, die Knie schlottern, man kann hören, wie die Zähne aufeinander schlagen. Sie wünschen sich an einen anderen Ort, jeder einzelne von ihnen hat sein Testament gemacht, sich von Frau, Kindern, Geliebten und den Eltern verabschiedet, unwissend, ob er sie je wiedersehen wird. Als die ersten Autos wie Panzer auf den Parkplatz vordringen und die Task Force sich dem Eingang nähert, bewaffnet mit Einkaufswägen und Einkaufszetteln von der Länge der Chinesischen Mauer, beginnen die ersten Sicherheitsmänner vor Angst zu weinen und nach ihrer Mutter zu rufen. Irgendwo geht das Gerücht um, dass es nie wieder Lebensmittel geben wird. Nie! Wieder! Die ausgebrochene Panik ist da natürlich verständlich. Wenn Gott jemals wieder wütend auf die Ägypter sein sollte und sein Volk aus der Sklaverei befreien wollte, das hier ist besser als die Heuschrecken, die über das Land herfielen, das hier ist effizienter als der Hunger, die Krankheit, die blutigen Flüsse, das hier ist dramatischer als der Tod des Erstgeborenen! Es ist der Einkauf vor Weihnachten, an Dramatik nicht zu überbieten, die letzte, die schlimmste Plage, das Armageddon!

***

„Tante Hildegard.“ Das Handy klingelt, es ist die Schwester und da geht man ran, natürlich, auch wenn man mit 180 km/h über die Autobahn rast. Man geht ran und hört diese zwei Worte.
„Tante Hildegard“, wiederholt er und möchte noch etwas hinzufügen, aber er hat gegen den Redefluss keine Chance.
„Tante Hildegard, also warte mal, ich telefoniere gerade mit Mama, hörst Du das?“ Nein. „Ich stell jetzt mal sie und Dich, also euch beide, auf Lautsprecher.“ Sinnvoll. „Hörst Du was?“
„Ja. Aber ich bin in ein paar Minuten bei der Mama und dann können wir das doch direkt besprechen.“
„Hallo Dieter, hier ist Mama.“ Äh… ja. „Ich telefoniere gerade mit Deiner Schwester.“ Nicht ihr Ernst?! „Die Tante Hildegard ist Weihnachten alleine.“
„Stimmt doch gar nicht, der Gustav ist doch da.“ Seine Schwester.
„Ja, aber die Marlies kommt ja nicht.“ Seine Mutter.
„Das weiß ich schon. Ich wollte schon…“ Nicht unterbrechen, Dieter.
„Wir haben uns gedacht, dass wir die Tante Hildegard zu Weihnachten einladen. Damit sie nicht alleine ist.“
„Und den Gustav“, fügt seine Schwester eilig hinzu.
„Also ich wollte das auch schon vorschlagen…“
„Hast Du was dagegen?“ Hatte er gerade etwas gesagt?
„Nein. Das wollte ich ja auch schon vorschlagen.“
„Dann laden wir sie ein.“
„Gut.“
„Wer ruft denn an?“
„Ich telefoniere gerade“, sagt seine Mutter. Man sollte einen Pantomimen danebenstellen, der dieses Gespräch darstellt.
„Ich bin jetzt gleich bei Dir, Mama, dann rufe ich Tante Hildegard an.“
„Ja, aber das muss heute sein, weil ich noch die Würstchen bestellen muss.“
„Ja, Mama, ich bin fast da.“

Keine fünf Minuten später ist Dieter mit seiner Verlobten, die Weihnachten nicht mit ihm und seiner Familie zusammen verbringen wird, bei seiner Mutter angekommen. Diese telefoniert immer noch mit seiner Schwester. Es geht um eine existentielle Frage: Es geht um die Wurst!

„Hallo.“
„Hallo. Du, ich telefoniere gerade mit Deiner Schwester.“
„Immer noch?“
„Ja. Also, wie viel Würstel?“
„Ich mag Schweinswürstel.“
„Ja, die mögen wir ja alle. Oder? Mag der Oli was anderes?“ Oliver ist der Enkel.
„Nein, der isst die schon mit.“
„Aber letztes Jahr hatte er Wiener.“
„Aber er mag beides. Wenn wir alle Schweinswürstel essen, isst er mit.“
„Und wenn er keine mag?“ Dieters Verlobte starrt mit versteinertem Blick auf die geklöppelte Tischdecke und lernt das Muster auswendig.
„Ich frag ihn.“
„Aber bitte heute noch, ich muss morgen die Würstel bestellen.“
„Ja, Mama.“
„Und dazu?“
„Wie immer, Sauerkraut und Kartoffelsalat.“ Wenn man ganz genau hinhört, kann man das Summen, dieses eklige, hohe Bssss einer Mücke hören, die durch das Zimmer schwebt.
„Ja, aber wenn wir alle Schweinswürstel essen, dann brauchen wir doch keinen Kartoffelsalat!“
„Natürlich“, mischt sich Dieter ein.
„Zu Schweinswürstel kann man keinen Kartoffelsalat essen!“ Es gibt Gesetze, die sind irgendwo aufgeschrieben und verstauben in den Katakomben der Regeln.
„Natürlich kann man, das haben wir doch auch schon. Das schmeckt gut.“
„Also nein!“ Die Empörung ist greifbar.
„Dann machen wir eben auch ein bisschen Kartoffelsalat. Der kommt schon weg“, behauptet die Schwester.
„Aber das geht doch nicht!“
„Warum denn nicht?“
„Also wenn das ein Problem ist, dann mach ich noch eine Schüssel, bevor ich zu meinen Eltern fahre“, flüstert die Verlobte.
„Nein, das macht meine Mutter schon.“ Dieter wendet sich wieder seiner Mutter zu.
„Der kommt doch weg.“
„Aber zu Schweinswürsteln passt das nicht.“
„Dann machen wir halt eine kleine Schüssel. Oli isst da bestimmt auch was.“
„Ja, aber…“ Das Bssss der Mücke ist verendet und klebt nach einem schmatzenden Geräusch unter einem grauen Elefantenfuss. Das Rüsseltier steht mitten im Wohnzimmer, flattert einmal kurz mit den Ohren und tastet nach dem Weihnachtsbaum, den wir hier nicht näher beschreiben wollen. Der Elefant weiß, dass der Baum schief stand, dass die Lichterkette natürlich von Dieter falsch angebracht worden war, dass die Kugeln nicht richtig hingen, dass es ein großes Loch gab und man wieder alles umdekorieren musste, dass die Spitze zu dick ist für den Stern und der Baum anders ist als der letzte und dass es früher mehr Lametta gab.

***

Weihnachten. Endlich. Die ganze Familie hockt zusammen, vollgestopft mit Lebkuchen, Plätzchen, Stollen, Schokolade, Schweinwürsteln, Kartoffelsalat, Kraut, Rotwein, Bier, Wasser, Schnaps und Frust. Die Bescherung ist schon längst vorüber, die erwachsenen Kinder haben sämtliche Handy- und Computerprobleme gelöst und das gelöschte Internet wiedergefunden, es sind Helden, Weltretter, man schaut bewundernd zu ihnen auf, betet sie an…
„Ich hab die Sigrid getroffen“, sagt seine Mutter gerade.
„Welche Sigrid?“
„Weißt Du doch, die kennst Du“, der Blick ist vorwurfsvoll. Wie kann man nur Sigrid vergessen? SIGRID!
„Die wohnt da in der Alpenstraße 13  … oder 15? Das kleine Haus mit dem roten Balkon, da hat früher die Lindemann drinnen gewohnt, bis ihr Mann gestorben ist und dann ist die Sigrid da eingezogen mit ihrem Mann. Bei dem Umzug ist ja so viel kaputt gegangen. Die hatten so eine Uhr für’s Wohnzimmer, die ist aus dem LKW gefallen und war kaputt. Das war ein Schaden! Die schöne Uhr!“ Sigrid aus der Alpenstraße mit der kaputten Uhr. Aha.
„Und woher kenne ich die jetzt?“
„Ja, das ist doch die Mutter vom Hans-Bert!“ Weihnachten ist vorbei. Hans-Bert. Der Streber, mit dem man neun verdammte, lange Jahre in einer Klasse gegessen ist und der …
„Der Hans-Bert, Du, aus dem ist was geworden!“ Was denn? Aus dem kleinen Arschloch ein großes Arschloch? Hans-Bert ist die Hassfigur Nummer Eins!
„Der macht richtig Karriere. Aber der war ja schon immer gut in der Schule.“ Weil er abgeschrieben hat. Von allen, von Spickern, Banknachbarn, von allem.
„Der war nicht gut in der Schule.“
„Natürlich, der hat doch immer Einser geschrieben. Nicht so wie Du!“ Oha. Jetzt kommt’s.
„Du hast damals in der Schulaufgabe einen Sechser gehabt und der Hans-Bert eine Eins.“ Die Schulaufgabe! Bis heute ist ungeklärt, warum Hans-Bert noch lebt.
„Die hatte er nur, weil er von mir abgeschrieben hat!“
„Ach was, das stimmt doch nicht. Du hast abgeschrieben und die Lehrerin hat Dich erwischt und Dir eine Sechs gegeben!“
„Nein, er hat abgeschrieben und mein Blatt weggenommen und als ich es mir wieder holen wollte, hat die Lehrerin das gesehen und dachte, dass ich abgeschrieben hätte, dabei war es Hans-Bert. Der hat immer nur abgeschrieben!“
„Das kann nicht sein!“ Die Entrüstung ist greifbar. „Davon weiß ich nichts. Das war bestimmt nicht so. Warum sollte der Hans-Bert denn abschreiben, wenn er eine Eins hat.“
„Weil er die nur hat, weil er bei mir abgeschrieben hat!“
„Du hattest aber einen Sechser!“ Er möchte aufstehen, schreien, unter Brüllen mit Wahnsinn in den Augen, Speichel um sich schleudernd mit einem Maschinengewehr um sich schießen, den Baum durch das Fenster schmeißen und zu Hans-Bert in die Alpenstraße rasen, wo er heute Abend sicherlich bei Sigrid sitzt, und ihm die Fresse polieren.
„Ist ja auch egal, Mama.“ Er bleibt sitzen, versucht die Wogen zu glätten.
„Also der Hans-Bert, das hat mir die Sigrid erzählt, weil wir gehen ja mittwochs immer zum Kaffeetrinken zum Pfarrer. Da sitzen wir normalerweise gar nicht nebeneinander, aber die Helene war krank. Die hat sich erkältet, eine richtige Grippe mit Fieber und Schüttelfrost. Die hat sie sich bestimmt beim Christkindlmarkt geholt, als sie mit dem Hubert da war, weißt Du doch, unten in Ding.“ Helene. Hubert. Ding. Das sind so brandwichtige Informationen, dass CNN anscheinend darüber eine Sondersendung auf allen Kanälen weltweit ausstrahlt.
„Mama, ich kenne die doch alle nicht.“
„Natürlich kennst Du die, die Helene ist die geschiedene Frau vom Seppi, der hat sie doch immer geschlagen. Sie war eigentlich eine hübsche Frau, aber der Seppi hat ihr nicht gut getan. Zwei Kinder haben die, oder drei? Ich weiß es jetzt nicht mehr. Den Christopher, der ist 76 geboren, und die Marion, die ist 78 geboren. War da nicht noch ein Kind?“
„Mama!“ Mittlerweile sind die Topmeldungen über umgefallene Reissäcke in Chinadingens verschwunden und keiner erinnert sich mehr an sie ob der neuen wichtigen Informationen.
„Ja, also die Helene war krank und dann hat sich die Sigrid zu mir gesetzt. Die ist ja auch alt geworden. Krank war die, die hatte Krebs, hat sie gesagt. Aber der ist weg. Aber von der OP hat sie noch eine Narbe.“ Das ist verwunderlich.
„Die Sigrid hat mir dann erzählt, dass der Hans-Bert jetzt Manager ist! Stell Dir vor!“ Kann er nicht. Er kann sich nicht vorstellen, dass Hans-Bert irgendwo in einer Firma im Management sitzt und dieses Unternehmen noch nicht mit Pauken und Trompeten in den Ruin gesprungen ist.
„Aha.“
„Ja, bei einem ganz großen Unternehmen!“
„Aha.“
„Ja, aus dem ist richtig was geworden, nicht so wie aus Dir.“ Irgendwo hatten seine Eltern Schnaps, starken Schnaps, selbstgebrannt von einem rumänisch-polnischen Bauern. Wenn man den trank, wurde einem alles egal. Wo war der nur?
„Mama, ich habe eine Firma gegründet und leite die. Ich hab 25 Angestellte und wir expandieren nächstes Jahr ins Ausland.“
„Ja, schon, aber der Hans-Bert, der ist Manager in einem weltweiten Unternehmen! Du bist nur Zeo.“
„Was?“
„Na, was da auf Deiner Karte steht, die Du mir mal gegeben hast. C-E-O. Das ist doch nichts. Manager hättest Du mal werden sollen. Wie der Hans-Bert. Ist da für alle Gebäude verantwortlich. Der hat da richtig viel Arbeit und verdient gut. Als Manager.“ Er seufzt, wischt sich über das Gesicht.
„Was für ein Manager ist er denn?“
„Das weiß ich nicht. Die Sigrid hat da was gesagt. Fazily Manager. Der ist für die Gebäude verantwortlich!“ Das ist bestimmt der allerwichtigste Job in dem Unternehmen.
„Facility Manager vielleicht?“
„Ja, kann sein, dass das so heißt. Manager, ist das nicht super? Was aus Dir hätte werden können, aber Du hast ja nichts aus Dir gemacht.“

In der Ecke des Zimmers, gleich neben dem Weihnachtsbaum sitzt ein Elefant und schaufelt Kartoffelsalat in sich hinein. Ohne Schweinswürstel.

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