Ich bin ich – Alles gleich (Liebe zwischen Heterosexuellen Paaren und Homosexuellen ist genau gleich)


„Kann denn Liebe Sünde sein?“ –  Diese Zeile kennt wohl jeder. Meist wird sie nur mit dem letzten Atem gesungen, bevor man aus vollen Kräften den Sternenhimmel besingt. Doch denkt man einmal über diese Frage nach, steht man vor einem großem Topf, der kurz vorm Überkochen ist. Kann Liebe Sünde sein? Was ist Liebe, was ist Sünde und wieso ist Liebe verkehrt, falsch, bei manchen Konstellationen weniger wert?

Man muss zuerst zwischen Liebe und sexuellem Begehren unterscheiden, denn das kann Sünde und absolut falsch sein. Daher muss man sich bei Diskussionen über „Homo-Ehe“ und ihren Stellenwert, die Positionen und Argumente sehr genau ansehen und die Positionen auf die gleiche Ebene der Voraussetzungen bringen, sonst diskutiert man aneinander vorbei und verurteilt Liebende und Gegner zu Unrecht mit falschen Argumentationen. Aktuell geht es vor allem in der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) heiß her, wurde doch die Debatte angestoßen, dass Eheschließungen gleichgeschlechtlicher Paare ermöglicht werden sollen. Was nun in manchem Sozialen Netzwerk herumgeistert, ist ein alter Hut, denn Segnungen sind schon längst beschlossene Sache und nur in zwei Landeskirchen noch immer nicht möglich. Mancherorts mag es dennoch Verweigerer geben, die sich klar gegen die „Homo-Ehe“ aussprechen und das ist vollkommen in Ordnung. Die Debatte muss geführt werden und das wird sie seit Jahren. Es darf Befürworter und Gegner geben, sonst wäre es keine Debatte mehr. Man muss das aber weder hochschaukeln noch eine der beiden Seiten verurteilen. Es ist vollkommen in Ordnung in einem sachlichen Kontext gegen gleichgeschlechtliche Partnerschaften zu reden. Das Schlüsselwort auf beiden Seiten lautet: Toleranz! Niemand muss das Ehe-, Familien- oder Liebeskonzept eines anderen annehmen, aber er muss akzeptieren, dass ein anderer differente Ansichten hat und diese auslebt. Dabei ist unbedingt zu berücksichtigen, dass dieses Konzept nicht die Freiheit und das Wohl eines anderen einschränkt oder gefährdet, womit man sich klar gegen Pädophilie, Vergewaltigung und Zwangsehen ausspricht und abgrenzt (Achtung, hier haben wir wieder eine deutliche Vermischung zwischen Liebe und sexueller Begierde!). 

In diesem Zusammenhang wird gerne eine rückständige Kirche als Negativbeispiel gewählt, die in den Augen mancher Homosexuelle am liebsten auf dem Scheiterhaufen sehen würde. Mitnichten! Die Hannoversche Landeskirche hat just in dieser Woche die kirchliche Trauung gleichgeschlechtlicher Paare beschlossen. Damit geht sie als Vorreiter einen Schritt weiter, indem sie die Paare nicht mehr „nur“ segnet, wie das bisher der Fall war, sondern sie genauso behandelt wie heterosexuelle Paare. Es ist nicht nur ein Nachgeben und sich Beugen, sondern ein ehrlicher Fortschritt gegründet auf den Grundsätzen des Glaubens.

Warum ist das wichtig? Weil gerade die Kirche immer wieder als Negativbeispiel hervorgeholt wird, wenn es um Fortschrittlichkeit und die Akzeptanz von Homosexualität geht. Dabei haben vor allem haltlose Unterstellungen Platz, aber es gibt wenig Raum für (theologisch) fundierte Argumente, die das Für und Wider abwägen, geschweige denn wird auf die Praxis Bezug genommen. Segnungen gibt es in der EKD schon seit vielen, vielen Jahren. So sehr Theologen selbst darunter gelitten haben, sich verstecken zu müssen, so inbrünstig haben sie für ihre Liebe und deren Anerkennung gekämpft – teilweise mit drastischen beruflichen Folgen, aber am Ende haben sie gewonnen. Es gibt sogar homosexuelle Pfarrer, die eine Gemeinde führen – und das ist auch gut so. Die Kirche öffnet sich damit nicht dem Zeitgeist, sondern ihren Grundsätzen und besinnt sich auf das, was sie vermitteln möchte: Da sein, für alle und jeden, mit offenem Ohr die seelsorgerlichen Pflichten erfüllend.

In der Bibel gibt es keinen einzigen Vers, der sich gegen Homosexualität ausspricht. Verwunderlich? Ganz und gar nicht. Homosexualität hat es schon immer gegeben. Das ist keine Krankheit, die irgendwann mal über die Menschheit hereingebrochen ist. Homosexualität ist keine Folge von Degeneration oder mangelnder Erziehung, keine Verweichlichung der Gesellschaft. Die Liebe zum gleichen Geschlecht hat es immer schon gegeben und kann auch in der Tierwelt beobachtet werden. Sie ist etwas ganz Natürliches und wird bei den Tieren im Gegensatz zu den Menschen akzeptiert.

Zurück zur Bibel. Gerne bezieht man zwei Stellen besonders in die Argumentationen ein, um sich gegen Homosexualität auszusprechen. Interessant ist dabei, dass es immer nur um Männer geht – was in der Bibel recht klar ist, in der heutigen Debatte jedoch etwas seltsam erscheint. Warum ist es denn okay, wenn sich zwei Frauen lieben, aber bei zwei Männern soll das falsch sein?

Schauen wir aber kurz in die Bibel selbst. Im Alten Testament steht in Levitikus 18, 22: „Du sollst nicht bei einem Mann liegen wie bei einer Frau; es ist ein Gräuel.“ (Übersetzung nach Martin Luther, 2017). Hierbei geht es um Analverkehr und um einen ganz bestimmten Grund: Damit wird nicht gesagt, dass sich zwei Männer nicht lieben und zusammen sein dürfen. Zu der Zeit, aus der diese Gesetze (Levitikus ist das „Gesetzbuch“ des Pentateuch, also der fünf Bücher Mose) stammen, geht es rein um Stammeserhalt. Nomadische Stämme waren darauf bedacht – und man kann das sehr schön im weiteren Verlauf der Bibel rein auf den geschichtlichen Aspekt reduziert, sehen -, ihre Gemeinschaft zu erhalten und wenn möglich zu vergrößern. Analverkehr war eine Verschwendung des Samens, der zu einer Schwangerschaft und damit zu Nachkommen zum Erhalt des Stammes gebraucht wurde. Lieben konnte man aber, wen man wollte – und hat man auch.

Die Bibel in gerechter Sprache sollte die Übersetzung der alten Texte gendergerecht(er) darstellen, aber bei diesem Vers wurde weiterhin nur auf die Männer Rücksicht genommen: „Mit einem männlichen Partner sollst du nicht wie mit einer Frau Geschlechtsverkehr haben, ein Tabu ist dies.“ Allein das zeigt, worum es eigentlich geht, dass es nicht eine Verurteilung von Homosexualität als solches ist, die hier als verwerflich angesehen wird, sondern rein um die Fortpflanzung. Frauen durften demnach machen, was sie wollten, denn sie verschwendeten nichts, bedrohten dadurch den Stamm nicht (vereinfacht gesagt).

Auch im Neuen Testament geht es um Homosexualität, oder? In seinem Brief an die Römer schrieb Paulus: „Darum hat sie Gott dahingegeben in schändliche Leidenschaften; denn bei ihnen haben Frauen den natürlichen Verkehr vertauscht mit dem widernatürlichen; desgleichen haben auch die Männer den natürlichen Verkehr mit der Frau verlassen und sind in Begierde zueinander entbrannt und haben Männer mit Männern Schande über sich gebracht und den Lohn für ihre Verirrung, wie es ja sein musste, an sich selbst empfangen.“ (Röm 1, 26-27 Übersetzung nach Luther 2017); und gendergerecht: „Infolge dieser Übertretung überließ Gott sie verachtenswerten Leidenschaften. Frauen unter ihnen tauschten nämlich ihre naturgemäße passive Rolle gegen eine außerhalb der natürlichen Ordnung ein. Ebenso gaben auch Männer den naturgemäßen Gebrauch von Frauen auf und entbrannten in Lust füreinander. Männer verletzten die Ehre anderer Männer, die Konsequenzen für ihren Irrtum haben sie am eigenen Leib zu tragen.“ Das ist der Schlag ins Gesicht der Homosexuellen, oder? Nein. Natürlich kann man dieses Zitat als frauenverachtend ansehen – und die Bibel in gerechter Sprache hat das auch sehr negativ ausgedrückt, wie so vieles. Aber bleiben wir mal bei der Lutherübersetzung und dem Sinn. Homosexualität ist widernatürlich. Punkt. Dem kann man nicht widersprechen, denn Sexualität dient der Fortpflanzung und das funktioniert auf rein natürliche Weise bei Homosexuellen eben gerade nicht. Insofern ist es nicht falsch, gleichgeschlechtliche Sexualität (sic!) als gegen die Natur zu bezeichnen. Die Menschheit würde aussterben, jede Spezies würde aussterben, wenn sie auf die Fortpflanzung durch die Vereinigung von zwei Exemplaren unterschiedlichen Geschlechts angewiesen ist. Gleichzeitig gibt das niemandem das Recht, Homosexualität abzuwerten und als verwerflich und schlecht darzustellen, denn es gibt immer noch genügend sich fortpflanzende Menschen, die für den Erhalt der Spezies sorgen und diese vor dem Aussterben bewahren. Nur eine komplett homosexuelle Gesellschaft könnte nicht fortbestehen (auf natürlich Weise). Liest man das Bibelzitat weiter, könnte man sich aufregen: Wenn Männer in Begierde zueinander entbrennen, bringen sie noch lange keine Schande über sich! Stimmt, das ist damit auch nicht gemeint. Hier muss man wieder zwischen der synchronen und asynchronen Auslegung unterscheiden. Paulus spricht sich hier gegen Vorfälle aus, die absolut verwerflich sind: Gegen Vergewaltigungen! Da geht doch jeder konform mit ihm, oder? Die Schande besteht nicht in der Homosexualität, sondern im erzwungenen, ungewollten Geschlechtsakt.

Homosexualität. Verwerflich? Falsch? Frevelhaft? Nein. Liebe an sich ist nichts, wofür man sich schämen, verstecken oder mit Ausgrenzen rechnen müssen sollte. Liebe ist das schönste, reinste und ehrlichste Gefühl, egal zwischen wem sie besteht. Man muss nicht jede Liebe verstehen und für sich nachvollziehen und annehmen können. Man muss sie nur akzeptieren, tolerieren, genauso wie die Menschen, die sie empfinden, denn:

„Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle.  Und wenn ich prophetisch reden könnte und wüsste alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, sodass ich Berge versetzen könnte, und hätte der Liebe nicht, so wäre ich nichts. Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe und meinen Leib dahingäbe, mich zu rühmen, und hätte der Liebe nicht, so wäre mir’s nichts nütze. Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie bläht sich nicht auf, sie verhält sich nicht ungehörig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu, sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit; sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles. Die Liebe höret nimmer auf, wo doch das prophetische Reden aufhören wird und das Zungenreden aufhören wird und die Erkenntnis aufhören wird. Denn unser Wissen ist Stückwerk und unser prophetisches Reden ist Stückwerk. Wenn aber kommen wird das Vollkommene, so wird das Stückwerk aufhören. Als ich ein Kind war, da redete ich wie ein Kind und dachte wie ein Kind und war klug wie ein Kind; als ich aber ein Mann wurde, tat ich ab, was kindlich war. Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, gleichwie ich erkannt bin. Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.“ (1. Kor 13) – und gleich.

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