#BleibDu – Bodyshaming


Bodyshaming. Was das ist, ist schnell klar und die meisten kennen diese Selbstzweifel, den prüfenden Blick auf das Spiegelbild, dem man enttäuscht und frustriert die Zunge heraussteckt, weil man eben Makel hat. Zu dick, zu dünn, zu groß, zu klein, der Hintern zu flach, die Brüste zu spitz, die Nase zu breit, die Lippen zu schmal – und wenn das doch alles stimmig ist, dann sitzen die Haare nicht oder man hat hässliche Zehen. Es gibt immer etwas zu kritisieren, von anderen oder uns selbst. Niemand ist kritischer als das eigene Ich, das niemals zufrieden ist mit dem, was es sieht. Total blöd eigentlich, denn auf diese Weise sucht man erst nach Fehlern, die eigentlich gar keine sind – und dann beginnt der Psychofuck, dieses ewige Karussell im Kopf, das sich dreht und dreht und nie zu einem positiven Ergebnis kommt, immer zum negativen: Ich bin hässlich!

Die Gesellschaft und die Medien sind daran nicht unschuldig, wenn nicht gar überhaupt die Wurzel allen Übels. Schließlich definieren wir uns nicht über uns selbst, sondern hangeln uns an dem entlang, was wir sehen – durchgekaute, ausgekotzte Bilder, die wieder und wieder bearbeitet wurden. Das Hashtag #noFilter steht dabei abseits und kugelt sich vor Lachen: No Filter, aber ganz sicher viel Bildbearbeitungsprogramm oder sonstige kleine Tricks, um perfekt auszusehen. Schließlich will man das doch, so sein wie die großen, schlanken, wunderschönen, begehrten Models aus Film, Fernsehen, Zeitschriften, YouTube und den Instagramaccounts. Das Social Web hat es noch schwieriger gemacht, perfekt zu sein, weil man noch mehr Vergleichsmöglichkeiten hat und mittlerweile nicht nur die Topmodels und die Schauspieler super aussehen, sondern Selbstdarsteller, sogenannte Influencer den Ton angeben. Was aber macht das mit jungen Menschen und mit der Gesellschaft?

Es zerstört sie systematisch, physisch und psychisch. Zuerst mag das schleichend beginnen, kaum wahrnehmbar, ein kleiner, gar nicht böse gemeinter Kommentar, ein kleines Bild des neuen Idols. Man nimmt sich beides zu Herzen und beginnt ein teuflisches Spiel, bei dem man selbst nur verlieren kann. Wer anfängt, sich mit anderen zu vergleichen, hat bereits verloren, denn im Spiegel sieht man nie so aus, wie man wirklich ist. Der Spiegel sollte an sich ein ehrliches Bild abgeben, aber das eigene Gehirn nimmt etwas anderes wahr und die Gedanken werden immer selbstkritischer, immer zerstörerischer und machen den Menschen kaputt.

Bin ich selbst Schuld daran? Ja und nein. Nein vor allem deswegen, weil Bodyshaming in den meisten Fällen dadurch beginnt, dass andere einem sagen, dass man falsch ist. Aber wie kann man falsch sein? Das beginnt mit Blicken, die abschätzig und arrogant sind. Das geht über zu Bemerkungen, die verletzen und mündet schließlich in fiesem Mobbing, das einen Menschen sogar in den Suizid treiben kann. Anstatt dass sich andere mal hinstellen und sich und ihre eigenen Makel ansehen und nicht von ihnen ablenken, indem sie mit dem Finger auf andere zeigen! Oder sich schützend vor die Mobbingopfer stellen und sie verteidigen. Natürlich ist man selbst schuld daran, weil man ja nicht hinhören soll – und das ist der Ratschlag, den man als Opfer am häufigsten bekommt und der so wenig hilfreich ist, wie ein Eiswürfel in der Arktis. Natürlich hört man hin und bekommt mit, was über einen gesagt wird – und das ist eben nicht nett, sondern sehr verletzend und wirft einen mitten rein in einen Teufelskreis, aus dem es fast kein Entrinnen mehr gibt. Diese Worte und Wortspielchen treffen ganz tief und machen alles nur noch schlimmer. Hinzukommen die Blicke, die Gesten und bald schon traut man sich als Opfer kaum mehr auf die Straße, weil man so fett und hässlich und unmöglich ist, dass man sich in Grund und Boden schämt. Das Gedankenkarussell dreht wilde Kreise, der Spiegel wird missachtet, das Kissen wird nachts von verzweifelten Tränen durchnässt und nicht selten kommen sinnlose und zerstörerische Fressattacken, weil man sich einen Schutzpanzer anfrisst, weil das Essen das Ventil ist, um all die Gefühle loszuwerden, zu verdrängen, zu unterdrücken, bevor sie einen erdrücken. Wenn es ganz schief läuft, kotzt man vor lauter Selbsthass und Ekel alles wieder in die Toilettenschüssel, gemeinsam mit dem letzten Rest Würde, das man noch hatte.

Übergewicht ist im Übrigen nicht das einzige, für das man sich schämt, wie oben bereits erwähnt. Wer anfängt an sich selbst zu zweifeln und sich für sich zu schämen, hat verloren, weil er vollkommen verlernt und vergisst – oder eher übersieht -, wer er selbst ist. Homosexuell, dick, dünn, zu große Nase, zu spitze Ohren, zu grüne Augen, zu rote Haare … das alles spielt überhaupt keine Rolle – und doch leben zahlreiche Menschen in Scham über sich selbst. Kehren wir den Blickwinkel, hat eine Studie ergeben, dass man nicht bei Kindern und Jugendlichen anfangen muss, sondern bei den Erwachsenen. 71 Prozent von ihnen empfinden Fettleibigkeit für unästhetisch, etwas mehr als Hälfte empfindet so gegenüber Dicken – womit wir wieder beim Gewicht wären und irgendwie ist das auch ein ganz großer, böser Punkt. Vielerseits gelten Dicke als undiszipliniert, obwohl sie es gar nicht sind, weder das, noch faul. Bei manchen ist es Krankheit, bei manchen sind es Schwangerschaftspfunde, die einfach nicht mehr wegzubekommen sind, bei manchen sind es alte Sportverletzungen, die zu einer erzwungenen Unsportlichkeit führen, bei manchen sind es Medikamente – und bei vielen ist es ein Schutzpanzer, ein psychischer Grund, der sich verstärkt, je mehr Ablehnung erfahren wird. Was ist denn dick, wo beginnt das? Size Zero und selbsternannte Influencer tragen nicht gerade dazu bei, ein gesundes Körpergefühl und Gewicht zu erlangen, eher im Gegenteil. Nur leider orientiert sich eine stupide Gesellschaft an den ausgekotzten, bearbeiteten Fotos, die sie täglich in den Medien vorgesetzt bekommt. Vernunft ist schon lange ausgeschaltet und das Konkurrenzdenken, das Besser-sein-wollen ist Ziel Nummer eins geworden. Bei Frauen kann man das stärker beobachten als bei Männern. Die Zickigkeit und Stutenbissigkeit ist verletzend, mit etwas Abstand betrachtet jedoch wahnsinnig amüsant. Die gleiche Studie belegt übrigens auch, dass Übergewichtige Nachteile im Job haben. Wer dick ist, kann nicht gut und zuverlässig arbeiten, der ist nicht voll einsatzfähig, fällt oft aus, ist krank, isst lieber. Falsches Denken, das nicht nur in den Köpfen vieler Personaler sitzt, sondern gerne auch von der Agentur für Arbeit weitergegeben wird.

Im Buch Das Mädchen aus der 1. Reihe beschreibt die Autorin ihren eigenen Kampf und eigene Gedanken und Gefühle, die eine gewisse Stutenbissigkeit verschleiert durch maßlose Eifersucht – grundlos – und eine krasse Selbstunterschätzung in den Begriff  Psychofuck zusammenfassen. Hier wird deutlich, wie dämlich und stupide die Gedanken, Worte und Taten der holden Weiblichkeit sein können. Was die Autorin auf ihrem Abiball erleben muss, ist widerlich und absolut zu verurteilen. Aber auch das Gezicke auf Konzerten von neidischen Weibchen, die sich durch die Betten ihrer kurzzeitigen Angebeteten wühlen möchten, ist für viele unvorstellbar – und könnte kaum besser dargestellt werden. Man muss sich doch fragen, was es diesen Menschen gibt, andere herunterzuziehen und fertigzumachen, sie psychisch zu terrorisieren, um von eigenen Fehlern, Hässlichkeiten und Unzulänglichkeiten abzulenken.

Den Test kann man außerhalb einer Konzerthalle ganz einfach selbst machen: Gerade bei schönen Wetter einfach mal rausgehen und Leute beobachten. Wie reagieren sie aufeinander und wie reagiert man selbst auf sie? Tut es einem wirklich weh, einem anderen mal ein Kompliment zu machen? Die Frau, der die Männer hinterher schauen, erntet von anderen Frauen meist böse Blicke und verächtliche Kommentare. Warum denn? Aus Neid, Eifersucht, weil eine Henne dem anderen Huhn nichts gönnt? Anstatt sich auf sich selbst zu konzentrieren und die eigenen Vorzüge hervorzuheben, ohne dabei billig den Rock nach oben und den Ausschnitt noch tiefer zu ziehen.

Bodyshaming ist das Ding mit der Dunkelziffer, das überhand nimmt, über das aber nicht gesprochen wird. Stattdessen mehren sich die Opfer, verziehen sich hinter ihre festen unüberwindbaren Mauern und kasteien sich selbst dafür, dass sie sie sind. Ein größeres Armutszeugnis kann es eigentlich für eine Gesellschaft kaum geben, in der man sich dafür schämt und sich dafür selbst hasst, weil man ist, wie man ist, während da draußen die wirklich Schlimmen, Hässlichen, Dummen gewinnen und ihr Leben leben. Dank den Sozialen Medien kann man aber zumindest eine Fassade aufrecht erhalten und in die Welt hinausposaunen: Hey, mir geht es prima! – während man vereinsamt innerlich stirbt.

Gibt es einen Appell? Ja, an jeden einzelnen. Öffnet eure Augen, schaltet euren Verstand ein. Für die Bodyshamer ganz klar: Lernt euch selbst zu sehen und zu lieben, auch wenn das das Schwerste, ja geradezu unmöglich zu sein scheint. Jeder von euch ist hübsch und liebenswert und vor allem: etwas wert! Schön zu sein bedeutet nicht, dass man Size Zero trägt und ohne Hirn auf High Heels durch die Welt stolziert. Macht euch selbst mal ein Kompliment, denn ihr könnt ganz viel Tolles entdecken, wenn ihr nur richtig hinschaut. Und ihr anderen: Schaut doch auch mal richtig hin und lernt wieder, weg von aufgesetzten Oberflächlichkeiten zu kommen und wahre Werte zu erkennen und diese zu schätzen.

Traut euch doch auch mal, einfach so eine wildfremde Person anzusprechen und ihr ein Kompliment zu machen. Das tut euch nicht weh, das kostet euch vielleicht bei den ersten zwei Malen ein bisschen Überwindung, aber es wertet euer Leben auf und macht den Tag für die andere Person ein bisschen schöner.
Es gibt eine Zeile aus einem Kinderlied, das ich jedem ans Herz legen möchte:
Ich bin ich und das ist richtig!“ – Genau das sind wir alle, dick, dünn, dunkel, hell, homo, hetero, groß, klein, mit den abstehenden Ohren und den X-Beinen. Wir sind alle liebenswert.

Literatur und weitere Beiträge dazu findet man unter dem Hashtag #BleibDu, eine Kampagne, die sich gegen Mobbing einsetzt. Wir verweisen auf die Rezensionen von Stage Reptiles zu Ich bin ich und jetzt, Das Mädchen aus der 1. Reihe – Unzensiert sowie den YouTube Account des Autors Nico Abrell und den schonungslos offenen und ehrlichen Blog von Jana Crämer.

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