Serie: Game of Thrones


Das größte Epos unserer Zeit ist vorbei – zumindest auf dem Bildschirm. Die letzte Folge Game of Thrones ist ausgestrahlt und wir wissen nun, wer König der sechs Königslande ist – und sogar noch ein bisschen mehr.

Die acht Staffeln der Serie haben unzählige Tote gezeigt, grausame Kriege, innige Liebe, lange Reisen zu sich selbst und zu Orten, an denen die Charaktere Niederlagen und Siege einstecken. Alles ist gesagt. Oder auch nicht.

Es hagelte Beschwerden, Petitionen wurden gegen das Ende und für eine Wiederholung der finalen Episoden gestartet, aber nichts ändert sich und für viele ist es wohl das Schlimmste, dass nun die Serie vorbei ist, die sie acht lange Jahre hindurch begleitet hat und zu einem Megaerfolg mutiert ist.

Doch befassen wir uns einmal mit den Staffeln. Tolle Bilder, imposante Kulissen und ganz viel Action, so kann man Game of Thrones beschreiben – und wird dem Epos doch nicht gerecht.

In der ersten Staffel lernt der Zuschauer Westeros kennen und bekommt einen Einblick in die verzwickten Verbandelungen der Oberschicht und den Machtkampf, der um den eisernen Thron schwelt. Der Thron selbst wurde aus 1.000 Schwertern der Feinde eines vergangenen Königs mittels Drachenfeuer geschmiedet. Dann geht es auch schon los mit der Familie Stark, diversen Meuchelmorden und öffentlichen Hinrichtungen und Intrigen, die von jedem gesponnen zu werden scheinen. Amüsant kommt dabei der zwergenwüchsige Tyrion Lannister rüber, der mit dem Geld seines Vaters um sich schmeißt und dem Wein und den Weibern sehr nahe steht. Der Lebemann wird im Verlauf der Geschichte zu einer tragenden Figur, die man plötzlich ernst nehmen muss, die etwas zu sagen hat und die Geschicke des Kontinents führt, wenngleich auch nie als König. Woanders wird ein junges Mädchen zwangsverheiratet mit dem Anführer eines Reitervolkes, der aber recht bald verstirbt. Dafür werden aus den Dracheneiern, einem Hochzeitsgeschenk, fälschlicherweise als versteinert deklariert, richtige Drachen, die letzten drei ihrer Art.

Tode und Kämpfe gehen weiter und werden erbitterter. Dabei scheut man nicht davor zurück, auch mal scheinbar tragende Rollen zu töten und neue auftreten zu lassen. Das Haus Stark scheint gebrochen und fast ausgerottet zu sein, das Haus Lannister mit allen Mitteln und Intrigen an der Macht zu bleiben. Und langsam merkt man, dass es keinesfalls eine Geschichte ist, die nur von starken Männern erzählt. Die Macher, vor allem George R. R. Martin haben gerade auch junge Mädchen und Frauen in den Mittelpunkt gerückt, die emanzipiert ihren Weg gehen, natürlich auch gerne mal lieben, leiden und leichtsinnig sind.

Bald schon passiert sehr viel an immer mehr Schauplätzen. Waren zu Beginn die meisten Familien noch zusammen und haben sich relativ direkt bekämpft, wird nun immer mehr alles in alle Himmelsrichtungen verstreut. Nun ja, eigentlich nur irgendwo zwischen Norden und Süden. Die Drachenmutter legt sich eine Armee zu, die Lannisters versuchen zu regieren und ihren Thron zu halten, die Starks sterben und kämpfen. Der Winter naht, kommt immer näher und Jon Schnee (im Original Jon Snow und ist es nur Zufall, dass der Name John Doe ziemlich ähnlich klingt, ein versteckter Hinweis der Ähnlichkeit mit den unidentifizierten Leichen, der auf die lange unbekannte wahre Herkunft Schnees hinweisen will?) ist jenseits der Mauer.

Man muss schon bis zur fünften Staffel warten, bis man endlich mal den Nachtkönig sieht und der hat auch nur recht kurze Auftritte, was schade ist. Der Winter naht erst und ist schließlich da und so richtig weiß man immer noch nicht, was es mit dem Winter nun auf sich hat. Handelt es sich schlicht um die Jahreszeit oder doch eher um die Bedrohung aus dem Norden, die alle Toten auferwecken kann und das Ende der Menschheit im Sinn hat?

Es bleibt stets viel Spielraum für Interpretationen. Die Charaktere werden fein gezeichnet, wachsen und verändern sich, was man vor allem an den Stark-Nachkommen erkennen kann. Nicht nur die bis dato unbekannten Schauspieler, teilweise noch in sehr jungem Alter, sind gewachsen und erwachsen geworden. Karrieren wurden geschmiedet, Nonames wurden zu internationalen Stars. Es war ein guter Schachzug, die Rollen nicht mit bekannten Gesichtern zu besetzen, sondern unverbrauchtes Fleisch zu nehmen. Als Zuschauer weint, lacht, leidet und hasst man mit den Charakteren und ist nicht immer ganz einverstanden, wer eine weitere Staffel überleben darf und wer viel zu früh aus der Serie geschrieben wird. Doch neben dem brillanten Epos steckt noch so viel mehr in den acht Staffeln Game of Thrones, das wilde Interpretation oder wohlüberlegter Feinschliff sein kann. Betrachtet man die Haupt- und Nebenfiguren, wird einem schnell klar, dass die Abgrenzung sehr verwaschen ist und dass gerade auch scheinbar unwichtige Nebendarsteller eine tragende und vor allem lenkende Rolle spielen. Auf einer Metaebene hat man mit Game of Thrones eine perfekte Darstellung unserer Welt mit ihrem politischen Geschehen vor Augen. Es gibt die Starken und Schwachen, die Unterdrücker, die Politik, das Geld, die Bank, die vielen Intrigen, die gesponnen werden, um Macht zu erlangen oder diese auszuweiten. Es gibt neben den eigenen Interessen, die immer im Vordergrund stehen, was nicht zuletzt in Staffel Acht deutlich wird, wenn es um die Bitte um Hilfe im Kampf um Winterfell und gegen den Nachtkönig (den vermeintlich unbesiegbaren Feind aus dem kalten Norden) geht. Zuerst will keiner helfen und von seinem eigentlich Streben ablassen. Daenerys schickt ihre Truppen nur nach langwieriger Erpressung und zeigt damit einmal mehr, dass sie keine bessere Herrscherin ist als Cersei oder Robert Baratheon. Selbstlos handelt dagegen Jon Schnee, der auf den Königstitel pfeift, endlich das Knie beugt und somit Westeros vor dem drohenden Untergang rettet.  Bezeichnend ist auch, wer den Nachtkönig besiegt: Niemand. Denn man muss einmal sehen, dass Arya Stark schon lange nicht mehr Arya ist, sondern Niemand, was sie immer werden wollte. Die Symbolik ist großartig. Eine Bedrohung, die scheinbar stattfindet, die niemand aber wirklich erklären kann oder will und mit der auch nie Verhandlungen versucht werden, kann durch niemanden besiegt werden. In Bran wird der Spruch personifiziert: Wer seine Geschichte nicht kennt, den wird sie einholen – vor allem aber wird er sie nochmals durchleben müssen. Stirbt die Geschichte eines Volkes, stirbt das Volk selbst – auch das ist etwas, was wir dieser Tage sehr gut miterleben können. König wird am Ende die Geschichte, die Weisheit, die Besonnenheit, derjenige, der nicht König sein will, der aber gerecht regiert und seine familiären Bande außer Acht lässt, eigene Emotionen und vielleicht sogar Vorteile nicht berücksichtigt. Dass die Drachenkönigin stirbt, ist vollkommen in Ordnung, denn was hätte sich geändert? Gar nichts. Sie beruft sich immer wieder darauf, rechtmäßige Königin zu sein durch ihr Geburtsrecht, aber das alleine macht keinen guten Herrscher aus. Auch nicht die etwas unüberlegte Befreiung von Sklaven, die man mit der vermeintlichen Befreiung von Völkern von ihren diktatorischen Herrschern gleichsetzen kann, die man danach ebenso wild und ungeführt zurückließ, so dass das Chaos sich ausbreitete. Man denke an so manchen Krieg der jüngeren Vergangenheit, (u.a. Lybien, Ägypten, Irak), der auch augenscheinlich zur Befreiung Unterdrückter geführt wurde und nichts weiter war als Machtgehabe eines arroganten Feldherrn. Die Aussicht auf Macht verdirbt den Charakter, das zeigt sich deutlich. Warum Jon nicht der bessere König geworden wäre? Emotionen sind ein schlechter Herrscher. Er zeigt sich zwar gnädig im Gegensatz zur Drachenkönig, die das Volk von Königsmund mitverantwortlich macht und zahlreiche unschuldige Tote in Kauf nimmt, lässt sich jedoch viel zu stark von der Liebe führen und wie Jeor Mormont so schön sagt: „Die Dinge, die wir lieben, sind auch stets die, die uns zerstören.“ – So hat am Ende die Drachenkönigin, Jons Liebe, Jon um den Thron und um ein Leben am Hofe oder zumindest bei seinen Geschwistern gebracht.  Tyrion Lannister ist am Ende derjenige, der eine ehrenvolle Aufgabe erhält, die er nicht haben möchte, die ihm als Strafe auferlegt wird, um all das, was er angerichtet hat, wieder zu kitten. Nur ein solcher Mensch kann ein guter Berater sein. Nebenbei führt er noch sowas wie eine Republik ein.

Neben dem politischen Aspekt, darf man eigentlich auch nicht den theologischen ignorieren, gibt es doch zahlreiche Verbindungen zu heiligen Schriften und Legenden, viele Seitenhiebe auf religiöse Symbolik. Bleibt man, was schwer fällt, nur im christlichen Bereich, macht man fast einmal die komplette Bibel durch, chronologisch leicht abgewandelt. Aber es gibt es den Zwist zwischen Kain und Abel (Bluthund und Berg), den Exodus (Daenarys zieht durch die Wüste), die Josefsgeschichte, natürlich immer wieder die Berufung auf Numeri, weiterführend die Bücher der Könige, Chroniken und sehr schön auch die Propheten. Wer dann allerdings die Schlüsselrollen des Neuen Testaments übernimmt, ist nicht ganz eindeutig. Jon Schnee als Pendant zu Jesus? Schließlich ist auch Jon auferstanden von den Toten und wird von vielen als Heilsbringer angesehen. Paulus könnten sowohl Tyrion als auch Ser Davos sein. Die einzelnen Fakten aus den Briefen sind dann wieder in der Geschichte verwoben, bleibt nur noch die Apokalypse, die geteilt ist in die Schlachten um Winterfell und Königsmund.

Die Serie Game of Thrones detailliert zu analysieren und zu interpretieren würde jeglichen Rahmen eines solchen Artikels sprengen. Es bleibt am Ende der Reise eine Lücke, die man mit einer anderen Serie füllen wird. Versprochen ist bereits eine Reihe über die Ereignisse etwa 8.000 Jahre vor dem Spiel der Throne. Aber es bleiben auch Begeisterung, Faszination und jede Menge Gesprächsstoff über das, was George R. R. Martin erschaffen hat, denn: „Nichts auf der Welt ist mächtiger als eine gute Geschichte. Nichts kann sie aufhalten, kein Feind vermag sie zu besiegen.“

5/5

Game of Thrones
Produktion: David Benioff, D. B. Weiss
USA, 2011 – 2019
Darsteller: Sean Bean, Kit Harington,  Mark Addy, Nikolaj Coster-Waldau, Lena Headey, Peter Dinklage, Emilia Clark, Sophie Tuner, Maisie Williams u.a.
FSK: 16 Jahre
Episoden: 73 in 8 Staffeln
Spielzeit: 50 – 80 Minuten pro Episode

 

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