Buch: Jon Savage – Sengendes Licht, die Sonne und alles andere – Die Geschichte von Joy Division


Joy Division gelten bis heute als einflussreichste Protagonisten des Post-Punk und Bezugspunkt für nachfolgende Entwicklungen wie Gothic Rock, Dark Wave oder Indie-Rock. Obwohl die Band nur zwei offizielle Studioalben aufnahm, sorgten diese und einige legendenumwitterte Liveauftritte dafür, dass Joy Division zur aufregendsten Undergroundband ihrer Zeit aufstiegen. Doch kurz vor der ersten großen Amerika-Tour nahm sich Sänger Ian Curtis das Leben.
Der Musikjournalist Jon Savage hat zahlreiche Interviews mit zentralen Figuren der Joy-Division-Geschichte zu einer umfassenden Oral History zusammengestellt. Entstanden ist die beeindruckende Geschichte einer Band, die eine ganze Generation bewegte und das Bild der Stadt Manchester entscheidend prägte. Und es ist auch der niederschmetternde Bericht über Krankheit und innere Dämonen, die einen charismatischen Sänger und visionären Texter dazu brachten, der Welt zu entfliehen. (Quelle: Heyne Hardcore/Amazon)

„Es ist mein Glück, dass ich schließlich mit ihnen arbeiten durfte, und auch mit Rob. Das war wie Tag und Nacht. Da war dieses sengende Licht, die Sonne, und alles andere war Düsternis.“ – Dieser Satz, aus dem Munde von Tony Wilson, einem Radiomoderator von Granada Television und Mitbegründer von Factory Records, steht wie in Stein gemeißelt als Synonym für den Ruf, den Joy Division in der Musikwelt bis heute noch inne hat. Mit Rob ist übrigens Rob Gretton gemeint. Manager der Band und ebenso Mitbegründer von Factory Records. Der Satz versinnbildlicht die Ausnahmestellung der kleinen Band aus Manchester, die als Wegbereiter in Richtung Gothic-Rock diente, und warum der tragische Selbstmord ihres jungen Sängers Ian Curtis seitdem immer noch die Gemüter von zig Musikfans bewegt. Der britische Musikjournalist Jon Savage, der zur damaligen Zeit für die Musikzeitschriften Sounds, New Musical Express und den Melody Maker schrieb, war Zeitzeuge der Geschichte der Band und hat uns mit diesem Buch schlichtweg ein sensationelles Werk vorgelegt. Eine Geschichte oder Biographie einer Band schreiben, kann sicherlich nicht jeder, aber es ist durch Zusammentragen vieler Fakten und Geschichten schon möglich. Dann aber besteht eine solche Geschichte immer nur aus der Deutung des betreffenden Autors. Hier hingegen kommen sehr viele damals involvierten Personen selbst zu Wort. John Savage hat aus hunderten von Interviews die zentralen Aussagen extrahiert und in chronologischer Form geordnet und aneinandergereiht.

Als ich von der Existenz dieses Buchs erfuhr, war für mich sonnenklar, dass ich es lesen musste. Hatte ich doch schon Anfang der 80er „Love will tear us apart“ gehört, noch bevor ich den Namen der Band wusste und die Nachfolgerband New Order live gesehen. Die beiden Studioalben der Band, sowie einige weitere Veröffentlichungen wie Singles, Maxis und auch LPs stehen gehegt und gepflegt in meiner Sammlung. Die komplette Geschichte hinter der Band war bis auf die grobe Richtung aber bisher im Dunkeln. Darum also jetzt dieses Buch. Schon beim Anblick desselben fiel mir die eigenartige Art des Hardcovers auf, welches sich doch arg vom Rest der Bücher unterschied. Aha … zwei dicke Kartons mit rasiermesserscharfen Kanten in gebundener Form. Seltsam. Genauso seltsam, was ich da auf den ersten Seiten lesen durfte. Absatz für Absatz mit dem jeweiligen Urheber des Geschriebenen vorangestellt. Na, ob das flüssig zu lesen war…

Es fing an mit den damaligen Verhältnissen in der Stadt Manchester, in der unsere Kumpels aufwuchsen. Mit dem Erwachen der dortigen Szene und Subkultur und dem Aufwachsen und Werdegang der beteiligten Personen; insbesondere von Bernard Sumner, Peter Hook, Stephen Morris und Ian Curtis, die sich später zu einer der legendärsten Bands dieses Planeten formieren würden. Bereits nach den ersten Seiten war meine anfängliche Skepsis in Bezug auf den Schreibstil komplett verflogen. Es war einfach fließend zu lesen, und das Bewusstsein, dass das die eigenen Worte der beteiligten Personen selbst waren, ließen einen so manche Begebenheit anders verstehen. Einen großen Teil des Buches nimmt die Wahrnehmung der düsteren Seele und Stimmung von Ian Curtis durch die ihn umgebenden Personen ein. Mittlerweile wissen viele um die Krankheit Epilepsie von Curtis, die teilweise seinen eigenartigen Tanzstil und die rudernden Bewegungen ansatzweise erklärt. Komplett in die Psyche eines Menschen hinschauen, kann man eh nicht – man kann nur versuchen es zu verstehen.

Joy Division waren für damalige und auch heutige Zeit düster. Gitarrist Bernard Summer meint dazu im Buch: „Ian wollte immer das Extreme haben: Extreme Musik, manische Auftritte. Die Musik war daher auch extrem düster. Nachdem wir Unknown Pleasures aufgenommen hatten, fiel es mir schwer, die Platte anzuhören, weil sie so düster war.“ Das sagt einiges über Joy Division aus, genauso wie der Satz von Bob Dickinson, einem Schreiber bei der Manchester Review: „Joy Division klangen wie Geister und wirkten damals gespenstisch. Ihrer Musik haftet dies immer noch an, wie von etwas Totem, dabei ist es lebendig, es ist da, aber dann auch wieder nicht“. Sätze wie diese erklären sehr viel von dem, was man bisher über Joy Division wusste oder auch nur zu verstehen versuchte. Jon Savages Buch bringt einiges an Klarheit in die Geschichte.

Joy Division ist immer noch ein Rätsel für viele, damals wie heute. Dave Simpson, einer der Zeitzeugen sagte zum Beispiel: „Joy Division haben mich absolut sprachlos gemacht – mir gefiel das Geheimnisvolle daran“. Etwas Licht in diese „Sprachlosigkeit“, in das Geheimnisvolle zu bringen, daran machte sich Jon Savage mit Akribie und man muss ihm Anerkennung dafür zollen, in diese Düsternis, diese Blindheit, etwas Licht gebracht zu haben. Dieser Gegensatz von der Düsterheit und dem sengenden Licht zieht sich durch die komplette Geschichte der Band: Haben sie doch im März 1980 eine limitierte Single auf dem kleinen französischen Label Sordide Sentimental herausgebracht, welche den Namen Licht und Blindheit trägt. Eine englische Band auf einem französischen Label mit einem deutschen Titel. Übrigens ein wahrer Schatz in jeder Sammlung mit den Songs „Atmosphere“ und „Dead Souls“ drauf. Aufgelockert wird das Buch durch einige unbekannte Bilder der beteiligten Personen, Abbildungen von Plakaten der damaligen Konzerte oder Flyer ihrer Plattenfirma Factory Records aus der Feder des großartigen Peter Saville.

Die Geschichte von Joy Divison und insbesondere ihres charismatischen Sängers Ian Curtis wird immer geheimnisvoll bleiben, aber Jon Savage hat eine wahre Bibel geschaffen. Nicht nur für Joy Division Fans – nein, auch für jeden Musikfan oder Anhänger der damaligen Subkultur. Zurecht die volle Punktzahl für dieses Werk.

5 / 5

Jon Savage – Sengendes Licht, die Sonne und alles andere – Die Geschichte von Joy Division
Heyne Hardcore, 2020
384 Seiten
Gebundene Ausgabe: 20,00 €

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