Live: Online Musik Festival – 29. – 31.05.2020


Corona – Konzertabsagen, Festivalausfälle. Man kann es gar nicht mehr hören. Trotzdem ist es das Thema in der Musikwelt 2020 und natürlich steckt da mehr dahinter. Jammernde Veranstalter, klagende Locations, seltsame Vorgehen von Ticketverkäufern, kreative Künstler und die Leidtragenden von allem: die Fans. In dieser Zeit machen die Künstler das, was sie immer machen: Sie sind kreativ, beweisen Ideenreichtum und Köpfchen und suchen Auswege. Die Lösungen sind neben Autokinokonzerten Onlineauftritte. Umstritten auf allen Ebenen und doch ein Weg, der durchaus Potential auch für die Zukunft und das große Danach dieses Jahrhunderts hat.

Pfingsten ist normalerweise mit dem WGT besetzt, mit anderen Konzerten und Veranstaltungen. Natürlich trafen sich zig Anhänger des Wave Gothic Treffens trotzdem in Leipzig und feierten sich selbst. Andere aber stellten online etwas auf die Beine, so zum Beispiel das Online Musik Festival, das mit 13 Acts das tat, was sinnvoll ist: Musik und gute Laune verbreiten, die Kunst leben lassen und die Künstler unterstützen. Die Tickets kosteten zwischen 1 und 50 Euro, den Preis konnte man selbst aussuchen. Zusätzlich konnte man spenden. Das Geld wurde unter allen beteiligten Künstlern aufgeteilt. Fair, ehrlich und eine klasse Lösung.

Auf dem virtuellen Festivalgelände ging um Punkt 18 Uhr am ersten Tag gar nichts mehr. Der Server war überlastet und vermittelte dieses nervige Gefühl von jedem Festivalstart: Man steht am Einlass und muss warten, bis die Bändchen kontrolliert und jeder abgetastet ist und durch darf. Punkt 1 des Festivalfeelings abgehakt: Warten, grinsen, sich vorfreuen und nebenbei in den Sozialen Medien drüber ratschen.

Die Fressstände gibt es natürlich auch. Essen, Trinken, Selbermachen war hier das Motto. Elf Musiker haben ihre Lieblingsrezepte verraten, vorgekocht und zusammengemixt. Kurze Videos bieten tiefe Einblicke in die privaten Wohnungen und Küchen von Ingo, Rico Schwibs, Class Grenayde und Co. Mit dabei: Viel Spaß!

Jan von Eisfabrik backt einen kleinen Nachtisch. Schokoladenkuchen. Während er ein bisschen aus dem Nähkästchen plaudert, mixt er geschickt einen einfachen Becherkuchen zusammen und probiert den fertigen Schokokuchen vor laufender Kamera. Scheint zu schmecken und macht Lust, das Rezept mal nachzumachen. Wer lieber auf Herzhafteres steht, wurde in eine Landhausküche in Hamburg Altona entführt. Hier köchelte eine iranische Bohnensuppe vor sich hin, die Eklipse zusammenbraute. Nervig: Die Kamera wackelt und wackelt. Es ist nicht das normale leichte Schwingen, wenn man eine Kamera in der Hand hält, sondern richtiges Wackeln, scheinbar absichtlich produziert und irre störend. Da vergeht einem sogar die Lust auf die Bohnensuppe. Vielleicht doch lieber etwas Italienisches? Stefan von Fiddler’s Green meldet sich aus der Natur. Im ruhigen, wunderschönen Wald zählt er Zutaten und einzelne Kochschritte auf, während zwischendurch immer wieder kurze Einblendungen aus der Küche und schließlich vom fertigen Gericht Spaghetti Carbonara dargeboten werden. Subway to Sally haben Ingo an den Herd gestellt. Der hat ein Küchenfenster Richtung Garten und da sieht man ab und an einen Hund herumlaufen … darum geht es aber nicht, sondern um Paella. Wer das Spanische Gericht kennt, weiß, es gibt nicht das eine Rezept und das macht auch Ingo deutlich. Am Ende steht eine große Pfanne leckere Paella vor der Kamera. Guten Appetit!

Mit einem Grundnahrungsmittel beschäftigt sich Rico Schwibs von Subway to Sally. Er referiert minutenlang über Wasser und kocht nebenbei welches auf. Dabei sagt er, er koche etwas, das jeder zu Hause habe und für jeden essentiell wichtig sei. Zudem gelänge es eigentlich fast immer. Aber auch Rico weiß, dass dieses Lebensmittel nicht für jeden so einfach verfügbar ist wie für uns hier. Während also das Wasser aufkocht, stellt er Viva con Agua vor und verdeutlicht die Wichtigkeit des Projekts, das auf vielen Festivals Spenden durch Pfand sammelt und von immer mehr Musikern unterstützt wird. Auch die Kollegen von Lord of the Lost bleiben bei flüssiger Nahrung. Sportskanone Class bereitet einen grünen Smoothie aus Spinat, Trauben und Melone zu.

Asiatisch wird es mit MajorVoice. Der Sänger steht in einer Küche, die genauso in einer der zahlreichen TV-Kochshows stehen könnte, und erzählt und köchelt vor sich hin. Viele Details zu den verwendeten Produkten und kleine Kochtipps führt er an, während die Asiapfanne Gestalt und ganz viel Geschmack annimmt. Auf der Arbeitsfläche steht ein Schild mit der Aufschrift: „Was ein richtiger Musiker sein will, der muss auch eine Speisekarte komponieren können.“ Der hat’s drauf, nicht nur musikalisch!

Mit viel Humor bereiten Manntra ein Kartoffelgericht mit Bacon zu, das sich Pole nennt. Natürlich darf ein Bierchen dazu nicht fehlen. Mr. Hurley und die Pulveraffen sind pragmatisch: Sandwiches gehen schnell sind individuell gestaltbar und kann man eigentlich immer essen, auch auf Tour. Wir lernen dabei, dass man die Toastscheiben auch mit Chips belegen kann und Babybel nicht in den Kühlschrank gehören. Amüsant wird es bei Patty Burdy. Vegan soll es sein und furchtbar kreativ: Rice and Beaaannz. Nun ja, Reis kochen, Dose Bohnen drüber, Pfeffer, Salz, fertig wäre die Geschichte, kann sogar schmecken. Etwas raffinierter wird es aber doch, denn süßer Senf und fertige Teriyaki Sauce kommen rein. Dummerweise ist beides nicht vegan, aber klingt halt besser, wenn man das behauptet. Gleich vier Rezepte schicken Storm Seeker ins Rennen beim Pirate cook off! Das ist im Stil vom Perfekten Dinner gestaltet, nur dass jeder in seinen eigenen vier Wänden das Rezept des anderen kocht und dann bewertet. Sandy kocht Timothys Lieblingsrezept und umgekehrt. Am Ende stehen selbstgemachtes Sushi auf dem einen und ein klassisches Reisgericht auf dem anderen Tisch sowie jeweils eine Nachspeise. Es ist ein bisschen langatmig, aber im Grunde eine witzige Idee. Tim hat manchmal Angst um seine Finger und würde vermutlich anders kochen, wenn da nicht der Kamerawinkel berücksichtigt werden müsste, Sandy könnte mehr lächeln, das steht ihr nämlich sehr gut.

Von der Fressmeile geht es zum Merch. Sechs Stände haben es auf das Gelände geschafft. Ananda Naturmode stellt ihre Kollektion vor, Kleider und mehr. Viel erfährt man weder auf Facebook noch auf der Webseite, beides anscheinend erst während Corona aufgebaut. Über den Abaddon Mystic Store erfährt man online erheblich mehr und hat eine große Auswahl für Kleidung und Accessoires für die Gothicszene. Beerenweine kennt man von zahlreichen Mittelaltermärkten und Festivals. Die große Auswahl an Met und Co birgt auch zahlreiche Specials, besondere Geschmacksrichtungen und wirbt mit über 50 veganen Artikeln. Kein Festival ohne Bandmerch, klar, dass da der Bravado Shop nicht weit ist und von unterschiedlichen Bands diverse Merchartikel anbietet. Nochmal Kleidung und alle möglichen Accessoires für Gothic und Steampunk gibt es auch beim Boudoir Noir Shop, der seine große Auswahl im Onlineshop präsentiert. Schließlich gibt es beim Mega Merch Shop Festival Merch, also die obligatorischen Bändchen, Shirts und Co. Für die meisten Shops gibt es einen Special Online Musik Festival Rabatt.

Auch ein kleines Artist Village wurde errichtet. Hier stellen fünf Künstler sich selbst und ihr Schaffen vor. Da sind lange und kürzere Texte und Links dabei, man verweilt nicht zwingend, wenn man als erstes auf etwas klickt, was sich als uninteressant entpuppt, schaut man nicht weiter, was sicherlich schade ist und den Ausstellern nicht gerecht wird, aber so ist das nun mal.

An der Bar bleibt man dann wieder länger hängen, wie im richtigen Leben auch. Hier gibt es wieder kurze  oder auch längere Videos mit Getränken und Interviews. Delva ist gleich mit einem Interview zur Stelle, Eisfabrik mixen einen Jellyfish, Eklipse einen Duschcoktail, naja, der wird eben in der Dusche getrunken, kann man zu Hause ja auch machen. Havana Express mit Tobi heißt es bei Fiddler’s Green; den all time favourite cocktail Cuba Libre mixt Subway to Sally-Ingo. Mr. Hurley und die Pulveraffen machen das, was man von Piraten erwartet: Sie stellen kurzum ihre Rumsammlung vor und erzählen zu den einzelnen Sorten ein wenig. Ganz spannend. Einmal durch die Bar zweier Mitglieder von Storm Seeker, nebenbei werden die Top 10 der besten Trinksprüche runtergebrochen. Ich hab echt keine Ahnung, ob das witzig ist, es wirkt ein bisschen gekünstelt und zu gewollt, aber vielleicht hätte ich auch einfach Alkohol trinken sollen beim Anschauen. Schließlich noch mal Subway to Sally mit einem Long Island Icetea, kann man nichts falsch machen.

Dann geht es endlich zur Bühne. Schön: Man ist nicht auf nervige Timelines angewiesen, wird nicht angerempelt, mit Bier, Asche, Kotze übergossen, riecht nicht den ungewaschenen Nebendivers, hat besten Blick auf die Bühne, guten Sound, kann abspacken … äh … völlig ungehemmt tanzen oder bequem auf dem Sofa chillen und sich berieseln lassen. Zwischendurch gemütlich Pause gedrückt und saubere, intime Toiletten aufgesucht, geduscht, einkaufen gegangen und das schöne Wetter sinnvoll genutzt. Das Handy kann auch unbeobachtet auf dem Wohnzimmertisch liegen und wird nicht geklaut. Unschön: Wenn man falsch mitsingt, kriegen das die Mitbewohner und schlimmstenfalls die Nachbarn mit.

Die meisten Mitschnitte dauern etwa 30 Minuten. Man kann sich natürlich einen Auftritt auch  zehnmal anschauen und andere dafür gar nicht oder vorspulen in der Hoffnung, dass da noch gute Musik kommt.

Delva spielen alle zusammen im Wohnzimmer oder Proberaum. Hauen mich nicht um, sind aber auch nicht schlecht. Geboten wird Folkrock aus München. Gesungen wird auf Deutsch mit klarer, heller Stimme. Wie so viele bitten auch Delva um Geld, um ihr neues Album Spuren veröffentlichen zu können. 8.000 € sind das Ziel, das längst erreicht ist und sogar überschritten wurde. Es ist gefällig, ein bisschen abkupfernd, ganz vieles ist aber doch eigen und das macht Delva dann doch wieder besser. Wer also auf deutschen Folkrock steht, der überhaupt nicht aus Rock, dafür aus viel Folk besteht, reinhören und bestenfalls die Band unterstützen. 

Mit einer Mischung aus Electronic und Futurepop geht es weiter. Eisfabrik haben Anfang des Jahres ihr neues Album Kryothermalmusik auf den Markt gebracht. Für dieses Wochenende haben sie verschiedene Konzertvideos zusammengeschnitten und ihre Musik drüber gelegt. Da kommt schon ein bisschen Stimmung auf, aber so ganz zieht es nicht. 40 Minuten dauert der Auftritt und den Anfang möchte ich unbedingt mal live erleben, der ist richtig geil gemacht. Schade ist übrigens, dass auf YouTube nur wenige Videos auf dem Eisfabrikkanal zur Verfügung stehen und das letzte auch schon wieder 2,5 Jahre alt ist. Auf dem OMF bekommt man einen sehr guten Eindruck, wie mitziehend, düster und vor allem tanzbar die Konzerte sind und könnte glatt ein Ticket für den nächsten Liveauftritt kaufen. Der Vorteil zu Hause: Keiner kriegt mit, wie der Wohnzimmertisch in die Ecke wandert und man absolut abspackt! Licht aus, Rollos runter, dann hat man nur noch das Flimmern des Bildschirms und ein richtig gutes Konzertfeeling. Gefällt.

Meine Notizen zu Eklipse sind lediglich: Spielen in einer Kirche, mit Ansagen. Es ist ein Anblick, an den ich persönlich mich wenig gewöhnen kann, wenngleich ich in die Nutzung der alten Gemäuer für Konzerte absolut gut finde. Für manche Band mehr oder weniger geeignet. Eklipse bauen sich im Altarraum auf und legen los. Ehrlich gesagt haut mich der Beitrag so wenig um, dass ich den nur durchzappe – und das ist schade. Allerdings fehlen mir ganz gewaltig der angekündigte Rock und die Metalelemente. Es ist ein Streichquartett bestehend aus vier Damen, die ihre Instrumente beherrschen, aber irgendwie nicht so richtig aus sich rausgehen. Tanzende Melodien, gerne auch mal an Mozart erinnernd, hallen durch die Kirche, aber erreichen mich leider gar nicht. Der neue Titel „Fallen Leaves“ hat zwar etwas Beat drinnen, scheinbar aus der Konserve, aber das wirkt eher wie ein verzweifelter Versuch, interessanter für eine breitere Masse zu werden. Ein Ticket würde ich mir nicht kaufen, um die Songs mal nebenher lauf zu lassen, reicht es.

Unter dem Motto „3 cheers for 30 years“ sollte die Tour 2020 stattfinden. Doch auch Fiddler’s Green müssen ihre Pläne ändern. Auf dem OMF gibt es einen Mitschnitt eines Auftritts vom Summer Breeze. Die Formation muss man nicht mehr vorstellen, klar, in 30 Jahren hat sich die Irish-Speedfolk-Gruppe einen Namen gemacht und eine Fangemeinde aufgebaut. Man kommt gut rein, die Stimmung springt über und dadurch, dass es ohnehin ein Liveauftritt war, kriegt man auch die Möglichkeit, mitzusingen, mitzuklatschen und einfach so mitzumachen, als stünde man vor der Bühne – ohne Moshpit, aber da wird die erste Reihe auch mal angenehm. Knapp 40 Minuten wird gefeiert. Kann man sich auch gleich noch mal reinziehen.

Ingo Hampf. Nicht nur bekannt von Subway to Sally, sondern auch Musiker mit Herz und Geschick. Ihm haben wir das OMF überhaupt zu verdanken und alleine dafür gehört er gefeiert und zum Top Act des Wochenendes erhoben. Aber Ingo präsentiert natürlich auch seine Musik. Klasse! 20 Minuten gibt es im Wohnzimmer und einer Kirche (mal wieder) Ansagen, Anekdoten, Beschreibungen, Erklärungen und unterschiedliche Instrumente. Gerade weil es nicht nur pure Musik ist, sondern auch diese Backgroundgeschichtchen, ist der Auftritt anders und besonders.

Die Letzte Instanz sind ein Urgestein und natürlich beim OMF dabei. In den letzten Wochen haben sie Lieder aus der Quarantäne veröffentlicht, Mut machend, kritisch, ehrlich, wie man sie so kennt. Für das Festival haben sie anscheinend ein Konzert nachgestellt und aufgezeichnet. Irgendwas ist komisch, die Art der Kameraführung, der Aufnahme, der Gesang, das Spiel. Es fehlt vielleicht das Publikum, Stimmung will nicht so recht aufkommen, obwohl die altbewährten Gassenhauser geboten werden. 30 Minuten lang frage ich mich, was komisch ist und komme null rein in die Musik. Vielleicht liegt es an der gedrückten Stimmung, an der allgemeinen Situation, die dieses Festival überhaupt ermöglicht hat. Ehrlich gesagt müsste ich den Auftritt ziemlich schlecht bewerten und das ist mir bei LI noch nie passiert.

Balladen können sie – und richtig dreckigen Gothrock auch. Lord of the Lost haben sich in den letzten Jahren immer weiter entwickelt und verändert. Stillstand gibt es nicht für die Band. Mit ihren Swan Songs haben sie auch die ruhigere Schiene ausführlich bedient. Der Erfolg gibt ihnen recht. Natürlich darf auch der Spaß nicht zu kurz kommen, was das Quintett auch bei seinem OMF Auftritt beweist. Die 40 Minuten bestehen aus jeweils 9 kleinen Bildern, auf denen immer anderes zu sehen ist. Verschiedene Räumlichkeiten und Situationen zeigen Chris Harms und Co im Bad, auf dem Klo, an der Spülmaschine in lustigen Kostümen – und gerne mal die holde Weiblichkeit in aktuellem Merch. Gelungen, spaßig, anders und doch typisch Lord of the Lost. Da kann man nicht auf dem Sofa sitzen bleiben!

Die Kirche zu Kuddewörde ist die Bühne von MajorVoice. Der Bass hat sich mit zwei Musikern zusammengetan, einer von ihnen ist Corvin Bahn und somit kein Unbekannter. Sie spielen Coverversionen und zwischendurch wird immer ein bisschen erzählt, warum gerade dieses Lied, was man damit verbindet, eine lustige Anekdote. An sich ein sehr schöner Auftritt, entschleunigend, man bleibt sitzen und lauscht, kann gerne auch die Augen dabei schließen und genießen. Großes Minus: Zu viel von Mono Inc.

Weiter geht es mit den Kroaten Manntra. Hier wurde sich ebenfalls Folk auf die Fahnen geschrieben, allerdings gepaart mit Industrial und Gothic. Auf Festival lernt man immer Neues kennen, so auch auf dem OMF. Hier ist wirklich mehr Schmackes drinnen, eine dunkle, raue Stimme, die noch etwas mehr Whiskey und Tabak vertragen könnte, um so richtig dreckig zu werden. Aber auch so definitiv hörbar und etwas kurz. Gerade mal 23 Minuten lang sieht man die fünf Künstler in Einzelbildern über den Bildschirm musizieren. Man kann mittanzen, reißt durchaus auch mal die Arme nach oben und stimmt in Refrains ein.

Patty Gurdy ist wieder ein deutscher Act. Die Künstlerin kommt aus Hannover und lädt ins heimische Studio ein. Der Auftritt dauert 30 Minuten und besteht aus viel Gegrinse, Erzählungen, Langeweile. Leider. Hätte ich das live erlebt, wäre ich gegangen, so kann ich skippen. Wo ist das Problem? Das viele Gerede kommt nicht so super gut an, das ständige Coronagejammere mag man irgendwann nicht mehr hören. Nicht nur die Künstler sind davon betroffen, nicht nur Locations und Veranstalter, sondern auch diejenigen, die dazu aufgefordert werden, Geld zu spenden, Tickets verfallen zu lassen, das Geld, das sie derzeit nicht verdienen, auszugeben. Bei mir fällt Patty Gurdy schließlich durch. Dennoch lohnt es sich, Alben und einzelne Songs anzuhören – auf Platte.

Piraten! Mr. Hurley und die Pulveraffen treten auf. Alle zusammen, ohne Masken und Abstand, was mir persönlich sofort den Eindruck vermittelt: Ihr scheißt auf alles – und deshalb kann ich auf euch verzichten. Aber es geht hier ja um Musik, meistens zumindest, daher werden die 32 Minuten durchgezogen, könnte ja auch vor Corona aufgenommen worden sein. Tja, es gibt Grog’n’Roll, wie nicht anders zu erwarten. Da der Tisch ja sowieso schon in der Ecke steht, springt man auch gerne mal im Takt durchs Wohnzimmer, klatscht mit und singt natürlich an den passenden Stellen mit. Keine Stimmung? Doch! Wer trinkfest ist, kann sogar mit Rum anstoßen und das Konzert noch mal ganz anders miterleben.

Ein Akustikkonzert spielen Storm Seeker. 23 Minuten lang. Es sind neue Songs dabei, die es noch nicht auf Platte gibt, die Aufnahmen entstanden im vergangenen Jahr live. Auch diese Formation kannte ich vorher nicht und bin überrascht. Das Mitsingpotential ist groß. Bemerkenswert sind aber die Stimmen von Timothy und Sandy. Die haben feste, kräftige Stimmen, kein Gepiepe oder Partylaunengesang, sondern ernstzunehmende Sänger. Dieser Eindruck wird dann etwas geschmälert, denn in manchen Songs wird doch nur rumgegrölt. Dennoch lohnt es sich, reinzuhören.

Den längsten Auftritt haben natürlich Subway to Sally. Aber für welche Songauswahl soll man sich denn auch entscheiden? Nun, die Mannen rund um Eric Fish haben kurzerhand einen Originalkonzertmitschnitt ausgewählt und lassen zu Beginn die Fans ihren Blutgesang auspacken. Da singt man selbst auf der Couch mit und kommt in die richtige Stimmung für das Konzert. Neues kommt freilich nicht ins Wohnzimmer, aber man kann in tollen Erinnerungen schwelgen.

Den Abschluss bilden Versengold. 35 Minuten lang spielen sie vor einer leeren Halle, als wäre es ein richtiges Konzert, nur eben ohne Publikum. Das wird dann von der Crew gebildet, bei der man sich bedankt. Ich fange nicht schon wieder mit dem Abstandsthema an. Versengoldfans müssen auch gar nicht so lange auf ihre Lieblinge verzichten, am 26. Juni startet die Autokino-Tour. Mal was Neues.

Was bleibt? Nach einem musikalischen Pfingstwochenende voller Musik und toller Videos bleiben Plus- und Minuspunkte. Natürlich sieht und hört man sich das Festival meistens drinnen an. Die wenigsten werden wirklich nach draußen gegangen sein mit ihren Handys, um in der Sonne die Musik zu genießen. Warum eigentlich nicht? Der Vorteil ist klar: Man kann hingehen, wo immer man will, muss nicht lange fahren, spart sich immense Kosten und ist an keinen Zeitplan gebunden. Ein bisschen Ruhe, keine Alkoholleichen, keine schwitzenden Körper, Warteschlangen vor den Toiletten … Es gibt so viele Vorteile. Natürlich kann man immer das Totschlagargument bringen, dass es an der Stimmung mangelt. Stimmt. Aber man kann auch umdenken und sich umstellen. Es hat durchaus seinen Sinn, wenn man nicht durch die halbe Republik fährt, um ein Wochenende lang die Sau rauszulassen. Wer freitagmittags auf die Straße geht für das Klima, kann sich danach nicht ins Auto setzen und 350 Kilometer zu einem Festival fahren. Auf der anderen Seite kann sich auch keiner beschweren, dass er Verdienstausfälle hat – wie sehr viele andere auch – und Geld aus reiner Solidarität verlangen, sondern muss kreativ werden und endlich in 2020 ankommen.

Das OMF hat gezeigt, welche Chancen es geben kann. Weder wird Corona die Kunst zerstören, noch wird der Lockdown das Ende aller Festivals und Konzerte bedeuten. Stattdessen sollten alle Beteiligten über Chancen nachdenken neue Wege finden. Es hat wahnsinnig Spaß gemacht, von zu Hause aus ein Festival zu erleben, so seine Bands zu unterstützen und dennoch Herr über den Terminkalender zu sein. Die Fahrt- und Übernachtungskosten habe ich mir gespart. Ich wäre auch niemals auf ein Festival mit dem Lineup gefahren. Online hingegen habe ich gerne zugesehen und mitgefeiert. Wenn ich an meine Pinnwand schaue und fast 20 Tickets für Veranstaltungen sehe, stöhne ich jetzt schon auf. Ich hab mich auf jeden Termin gefreut, bis auf bisher zwei sind alle verschoben oder abgesagt worden. Jedes Mal bin ich schon im Vorfeld genervt von der Anfahrt, der Warterei, den Securitys, den hohen Kosten für Getränke und Essen, den Alkoholleichen, den Rauchern, die trotz Verbot am Glimmstängel ziehen müssen und ihre Glut dann noch irgendwo in meiner Haut versenken, der Enge, dem Gedränge, der schlechten Sicht, dem miesen Sound, wenn man ein bisschen zu weit rechts oder links steht… und dann natürlich noch mitten unter der Woche, wenn ich ohnehin schon einen stressigen Tag im Büro hatte. Bin ich damit alleine? Nein. Auf YouTube suche ich mir trotzdem keine Mitschnitte raus und schaue sie an. Aber sich ein Ticket kaufen und ein Zeitfenster zu haben, wann man sich das Konzert anschauen kann, das ist für mich perfekt. Zwischendurch Pause drücken und auf Toilette gehen, Getränke, die ich mag und die nicht fast so hoch sind wie der Mindestlohn. Ein Traum.

Das OMF hat vieles gezeigt. Engagement, Wille, Kreativität, dass man etwas machen, auf die Beine stellen, bewegen kann und dass es die Leute da draußen sehr wohl interessiert. Es war eine tolle Idee von Ingo Hampf und super, dass so viele Bands mitgemacht haben und sich so viel haben einfallen lassen. Wer nicht dabei war, hat definitiv was verpasst. Gerne mehr, gerne öfter! Und vielleicht lässt sich ein Mittelweg finden, mit dem Veranstalter, Künstler, Politik und Fans leben können. Ich mag Konzerte und sie erleben, aber die Gesundheit steht immer im Vordergrund. Ich mag mich nicht 2020 in eine dichte, enge Halle stellen, ohne Maske, Sicherheitsabstand und Vernunft. Es gibt Lösungen für alle Beteiligten, man muss es nur endlich anpacken, sie zu finden.

5/5

 

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