Portrait: Roman Reigns – Fighting for remission


„I’m coming back because I wanna show all of you, the whole world […] that when life throws a curved ball at me, I am the type of man that was standing in that batter’s box, I will crowd the plate, I will choke up and I will swing for the fences every single time! Because I will beat this and I will be back so you will see me very, very soon.“

Am 22. Oktober 2018 macht der WWE-Superstar Roman Reigns nach einer kurzen Erklärung diese Kampfansage, lässt das Mikrophon fallen, legt seinen Universal-Champion-Titel ab und verlässt mit Tränen in den Augen die Halle. Plötzlich wird vor und hinter den Bildschirmen klar, dass hinter der gesamten Wrestlingshow echte Menschen stehen und die Storylines vom normalen Leben der Protagonisten abweicht. Der Vorhang fällt  für den 33-Jährigen an diesem Tag für eine unbestimmte Zeit.

Im Mai 1985 wurde Laeti Joseph Anoa’i, so der bürgerliche Name, in Pensacola, Florida geboren. Er entstammt einer Wrestlingfamilie, der sog. Samoan-Family, die eine der bedeutendsten und größten Familien dieses Sports darstellt. Sein Onkel ist Gataivasa Afa Anoaʻi, der die namhafte Profi-Wrestling-Schule The Samoan führt. Diese ebnete zahlreichen bekannten Superstars den Weg in den Ring, unter anderem dem düsteren Undertaker, Bret „Hitman“ Heart – dem Idol Reigns‚ – oder auch Billy Kidman. Doch obwohl Joe, wie der 1,91 m große Mann privat genannt wird, umgeben war von der Wrestlingwelt, schlug er eine andere Richtung ein und verschrieb sich dem amerikanischen Nationalsport Football. Bereits früh fing er damit an und war drei Jahre lang im Team der Pensacola Catholic High School, bevor er an die Escambia High wechselte. Mit ein bisschen Recherche findet man heraus, dass er ein herausragender Spieler war.

Das Pensacola New Journal verlieh ihm noch während dieser Zeit den Titel „Defense Player of the year“. Diese Auszeichnung sicherte ihm als Defensive Tackle einen Platz bei den Georgia Tech Yellow Jackets und es folgten seine Zeit am College und ein Abschluss in Management. Hier lernte er seine spätere Frau Galina Becker kennen, die er im Dezember 2014 heiratete und die heute als Fitness Model arbeitet. Der Ritterschlag erfolgte 2007.

(c) Getty Images

Joe Anoa’i bekam einen Vertrag beim NFL-Team Minnesota Vikings. Doch nach einem Monat wurde er entlassen – manche Quellen führen dies auf eine unbestimmte Verletzung zurück – und unterschrieb im August desselben Jahres bei den Jacksonville Jaguars, die er nach einer Woche schon wieder verlassen muss. Im Folgejahr stand er für die Edmonton Eskimos für fünf Spiele mit der Nummer 96 als Defensive Tackle auf dem Feld. Dann endete seine Karriere und bis Oktober 2018 denkt die breite Masse, dass Anoa’i einfach nicht gut genug für den professionellen Football war.

In einer der emotionalsten Ansprachen in der Geschichte der WWE erklärt der Champion, dass er 2008 vor dem Nichts stand, gerade Vater geworden, ohne Job und die angestrebte Footballkarriere. Es ist fast still in der Halle, selbst die Hater verstummen und merken schnell, dass diese Worte nicht einer perfekt vorgeschriebenen Storyline entspringen, sondern dass hier eine Lebensbeichte abgelegt wird.

Um wieder Fuß  zu fassen, beginnt Joe dann doch mit dem Wrestling, trainiert anderthalb Jahre hart, um vom Defense-Body wegzukommen und den muskulösen Körper eines Profiwrestlers zu erlangen. Trainert wurde er von seinem Vater und seinem Onkel, beides namhafte Wrestler der 1970er und 1980er Jahre, die den Mittzwanziger auf einen guten Weg brachten. Doch es ist nicht nur der Körper, der trainiert und geformt werden musste. Reigns lernte, sich zu präsentieren, mit dem Mikro knallharte Kampfansagen zu machen und spannendes Storytelling zu bieten. 2010 unterschrieb er einen Vertrag bei der WWE und stand als „Leakee“ im Ring. Sein Florida Championchip Wrestling Debüt gegen Richie Steamboat verlor er am 09. September 2010 allerdings. In diesem Jahr wurde er betrunken in der Öffentlichkeit in eine Schlägerei verwickelt und verhaftet. Nur 2016 gibt es noch einmal negative Schlagzeilen, ansonsten lässt er sich öffentlich nichts zuschulden kommen.

Die harte Arbeit sollte aber belohnt werden. Joe avancierte in den Folgejahren zu einem der bekanntesten Gesichter des Wrestlings. Als die FCW in WWE NXT umbenannt wurde, wurde sein neuer Name Roman Reigns.

(c) WWE

Das NXT Debüt am 31. Oktober 2012 markierte den endgültigen Beginn seiner fulminanten Wrestlingkarriere. Noch unbekannt, kaum wahrgenommen oder bejubelt, konnte Reigns in diesem Match mit seiner außergewöhnlichen Beinarbeit überzeugen – für einen ehemaligen Footballer vielleicht nicht ganz so erstaunlich. Doch nach dem Pin prophezeite der Kommentator: „Roman Reigns is special. Roman Reigns has it. Roman Reigns is gonna be a huge superstar. It’s just simple as that.

Doch nach dem Pin prophezeite der Kommentator: „Roman Reigns is special. Roman Reigns has it. Roman Reigns is gonna be a huge superstar. It’s just simple as that.“ Damit sollte er absolut recht behalten. Zusammen mit Seth Rollins und Dean Ambrose, die bald auch privat zu seinen Freunden wurden, bildete er das Team The Shield. Der Sprung in die Hauptshows war damit geschafft. Seine Auftritte wurden besser, Roman überzeugender. Er begann, sich vollends dem Sport hinzugeben, lebte die Storylines aus, nahm jeden Angriff an, simulierte, hart getroffen zu sein, krachte durch die Kommentatorenpulte, litt, lag am Boden, war sichtlich getroffen über Niederlagen – und freute sich so sehr über gewonnene Matches und Titel, dass man sich einfach mit ihm freuen musste. Man sah auch nicht oft, dass ein Superstar nach seinem ersten Solo-Mainevent Tränen der Rührung in den Augen hatte.

Sich selbst und den Wrestlingfans hat er ein großes Versprechen gegeben: Jede Woche in den Ring zu steigen und eine großartige Show zu liefern. Das schaffte er. Er wurde zum umstrittensten Superstar der WWE, manche warfen ihm vor, mehr Chancen als andere auf Titel bekommen zu haben. Doch von den großen Solotiteln war er noch entfernt, als sich 2014 The Shield durch eine Fehde zwischen Rollins und seinen Teamkollegen auflösten. Das gespannt erwartete Match zwischen Reigns und Rollins musste jedoch ausfallen. Roman musste sich einer Notoperation unterziehen, nachdem er längere Zeit über Schmerzen geklagt hatte. Grund für die OP war ein Eingeweidebruch und er trug eine große Narbe quer über seinen Bauch davon, was ihn dazu brachte, bis vor Kurzem mit bedecktem Oberkörper zu kämpfen.

Dennoch wurde er im gleichen Jahr zum „Superstar of the Year“ gewählt. Am 25. Januar 2015 gewann Reigns den Royal Rumble, doch sein ehemaliger Kollege machte ihm das dadurch erworbene Anrecht auf den Titelkampf gegen Brock Lesner streitig. Später in diesem Jahr erlangte The Big Dog den WWE World Heavyweight Champion Titel.

(c) WWE

Joseph Anoa’i kämpfte, siegte, verlor, verzweifelte und stand immer wieder auf. Den Fans wurde gewaltig was geboten, wenn das neue Aushängeschild auftauchte. Gekonnt zog er die Massen in seinen Bann, ob sie in liebten oder hassten – dazwischen gab es nichts -, die Menschen in den ausverkauften Hallen und vor den Bildschirmen tobten. 2016 wurde er – nach einer etwas undurchsichtigen Dopingaffäre und einer darauffolgenden einmonatigen Sperre – zum „Most hated Wrestler of the Year“ gekürt. Auch ein Titel, den man sich durch geschickt konstruierte Storylines erarbeiten muss. Wrestling ist Show und Reigns beherrschte sie. Vollends die Tradition vertretend, die ihm in die Wiege gelegt worden war, trägt er sein samoanisches Tribal auf dem Arm – man kennt ähnliches von Dwayne „The Rock“ Johnson, der eine Art Cousin von ihm ist -, hat den Move „Samoan Drop“ übernommen und lässt seine Gegner gerne einen schmerzhaften Running Apron Dropkick spüren, bei dem er mit viel Schwung seitlich in den Ring springt. Seine Markenzeichen sind jedoch der Spear und der Superman Punch geworden, mit dem er an seinen 2017 verstorbenen Bruder erinnert. Matthew Anoa’i war ebenfalls Wrestler und trat unter dem Namen Rosey auf. 

Bis hierhin ist die Geschichte von Leati Joseph „Roman Reigns“ Anoa’i recht trivial. Ein gescheiterter Footballspieler, der sich dem Wrestling verschreibt und zum Superstar avanciert. Ein kleiner amerikanischer Traum, der nur dadurch getrübt wird, dass er zu schlecht für die NFL gewesen ist. Eine Wunde, die nie geschlossen wird? Doch dann spürt er Müdigkeit, fühlt sich schlapp und an ihm nagt eine wachsende Angst, die durch einen Bluttest bestätigt wird und alles gewaltsam niederreißt, was über die letzten Jahre so hart und mit so viel Leidenschaft aufgebaut worden war. Als Reigns die Halle betritt, merkt man, dass etwas anders ist, die Kleidung, seine Stimmung, er kommt nicht zum Kämpfen oder zur knallharten Herausforderung eines Gegners. Alles beginnt mit einer Entschuldigung, das Versprechen nicht einhalten zu können, jede Woche in den Ring zu steigen und eine tolle Show abzuliefern. Die Buh-Rufe und Schreie verstummen langsam und der Universal Heavyweight Champion Roman Reigns setzt zu einer Lebensbeichte an, die vielen Wrestlingfans die Tränen in die Augen treibt.

(c) WWE

„My real name is Joe“, er macht eine Pause und man sieht, wie schwer die nächsten Worte fallen, „and I’ve been living with Leukemia for 11 years.“ Der Blick nach unten, man hält den Atem an und spürt den immensen Druck auf der Brust, den der Wrestler in diesem Moment gespürt haben muss. „And unfortunatly it’s back.“

In dieser emotionalen Rede wird plötzlich bekannt, dass der gefeierte Superstar seine Footballkarriere nicht freiwillig an den Nagel gehängt hat und dass es alles andere die Lobbyarbeit einer Wrestlingfamilie ist, dass dieser Mann jede Woche eine Show im Ring abliefert. Harte Arbeit, Willen und der Kampf für das Leben haben ihn an die Spitze gebracht. An diesem Abend weiß niemand, ob und wann Joe zurückkehren wird, auch wenn er verkündet, dem Krebs in den Arsch zu treten. Tränen gibt es schließlich auch, nicht im Ring, sondern am Rande, als die ehemaligen The Shield-Kollegen Reigns in die Arme schließen und ihm Trost spenden. Denn hinter jeder Fehde und aller Show stecken Menschen und auch Freunde.

Der zu besiegende Gegner heißt CML – chronische myeloische Leukämie. Sie gehört zu den sogenannten myeloproliferativen Neoplasien, einer Gruppe seltener und bösartiger Erkrankungen des Knochenmarks. Die nichterbliche oder ansteckende Krankheit tritt als Folge einer genetischen Veränderung der blutbildenen Zellen im Knochenmark auf. In den meisten Fällen kann man nachweisen, dass es zu einer Translokation von Teilen der Chromosome 9 und 22 gekommen ist. Männer erkranken häufiger an CML als Frauen und in den meisten Fällen zwischen 50 und 60 Jahren. Joe Anoa’i war 22, als er die Diagnose bekam. Bis 2001 starb etwa die Hälfte aller an chronischer myeloischer Leukämie Erkrankten. Durch eine gezielte Behandlung mit Medikamenten und in den meisten Fällen ohne Chemotherapie, kann die Krankheit zurückgedrängt werden. Pro Jahr werden „nur“ bis zu zwei Fälle auf 100.000 Einwohner neu diagnostiziert. Meistens entdeckt man die Symptome frühzeitig in der sogenannten chronischen Phase, in der mit der richtigen Medikamentierung die Erkrankung in Remission geht. Eine Heilung ist derzeit nicht möglich.

Am 26. Februar 2019 tritt ein strahlender, sichtlich glücklicher Roman Reigns den Weg zum Ring an. Er umarmt Fans und wird mit lautstarkem „Welcome back“-Chants empfangen. „I miss you!“, sind die ersten Worte, gefolgt von einer Dankesrede für all den Zuspruch und die Gebete, für die Stärke, die man ihm gab. „I’m in remission!“ sind die Worte, die in lautstarkem Jubel untergehen. Reigns lächelt und es ist sein größter Sieg, den er errungen hat. Roman Reigns ist wieder zu Hause.

(c) WWE

Mittlerweile steht Reigns wieder jede Woche im Ring, mit Ausnahme einer Auszeit 2020 aus berechtigter Angst vor Corona. Er feiert Siege, Erfolge, ist das sympathische Gesicht der WWE und hat noch sehr viel vor. 2019 war er im Kinofilm Hobbs & Shaw zu sehen, einem Spin-off der Fast and the Furious-Reihe. Die Dreharbeiten haben viel Spaß gemacht, stand er doch als dessen Film-Bruder an der Seite von The Rock und durfte in den Actionszenen auf Hawaii ordentlich die Sau rauslassen, wie man nicht zuletzt zu Film selbst, aber auch in Interviews sehen und hören kann. Dass er dabei einen Kameramann verletzte, tut ihm heute noch leid. In der Disney-Serie Elena of Avalor leiht er der Figur Kizin seine Stimme. Eine kleine Rolle besetzte er 2020 auch in der Netflix-Serie The Wrong Missy. Für sein Comeback erhält er im gleichen Jahr den ESPY Award in der Kategorie „Bester WWE Moment“. Eine Auszeichnung, die nur dem Wrestler Roman Reigns gilt, sondern vor allem dem Menschen dahinter, der Mut bewiesen hat, offen mit seiner Krankheit umzugehen und diese erfolgreich ein weiteres Mal in ihre Schranken gewiesen hat.

Seit diesem dunklen Tag im Oktober 2018 geht er offen mit seiner Krebserkrankung um und unterstützt diverse Kampagnen zur Aufklärung über CML, besucht krebskranke Kinder und macht all jenen Mut, die gerade diesen schweren Kampf bestreiten müssen.

Es geht nicht um Mitleid, das ging es Reigns auch nie. Aber der WWE-Champion hat einen Kampf, eine Krankheit und einen schweren Weg, den Tag für Tag viele Menschen gehen müssen, öffentlich gemacht und Aufmerksamkeit auf eine relativ unbekannte Erkrankung gelenkt. Die Versinnbildlichung von Fallen und Aufstehen, der Defensive Tackle, der nicht die Yards verteidigt, sondern sein eigenes Leben – das jederzeit zerbrechen kann. Die scripted opponents im Ring kann er sehen, einschätzen, wenn sie Anlauf nehmen, kann er bereits zur Verteidigung ansetzen, die Moves sind abgesprochen, der Sieger steht fest. Aber sein wahrer Feind wohnt unsichtbar in ihm und ist ein Teil von Roman Reigns. Man muss bewundern, welche körperliche Leistung dieser Mann im Ring erbringt, wenn er seine Titel verteidigt, sich gegen 29 Kontrahenten im Royal Rumble durchsetzt, in versperrten Käfigen ausharrt, um seinen Gegner zu den Worten „I quit!“ zu bringen. Bis Laeti Joseph Anoa’i diese Worte dem Leben gegenüber sagen muss, dauert es hoffentlich noch eine sehr lange Zeit, in der er Fans und Hater begeistern und seine Kinder aufwachsen sehen kann. Bis dahin heißt es immer wieder:

„The Big Dog is back!“

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