CD: Ottorn – Little Red Riding Hood


Ottorn, eine unbekanntes Dreigestirn, das mit Little Red Riding Hood sein Debütalbum rausgebracht hat. Aufgenommen in Neyron, Frankreich, wird ein episches Album versprochen, eine Mischung aus Epic, Barock Folk und einem gewissen Metaleinfluss, denn die beiden weiblichen Parts haben anscheinend einen Metalhintergrund. Es ist nichts vorweggenommen, wenn man verrät, dass man davon gar nichts hört. Der dritte im Bunde, Valfeu, ist ein mittelalterlicher Lautenspieler, der auch Gitarre spielt, singt, Percussion spielt und das Programming macht. Ja, man hört ein wenig Abneigung und Langeweile, das ist aber dem Umstand geschuldet, dass Ottorn nichts von sich verrät, keine Geschichte, kein Hintergrund, eine halbherzig bestückte Facebookseite ohne jeglichen Informationsgehalt, ein leerer Pressetext und selbst die Googlerecherche bringt nicht viel. Es sind also Musiker, die vermutlich vorher mal was gemacht haben, vermutlich aus Frankreich stammen, vermutlich … es fehlen die hard facts und das ist schade. Wenn beim Debüt schon die Vorstellung fehlt und das Album sich selbstbeweihräuchernd anpreist, dann ist da eine gewisse Enttäuschung. Man möchte doch wissen, mit wem man es zu tun hat.

Ottorn haben sich für das Debüt das beliebte Märchen Rotkäppchen ausgesucht und dies in sechs mittelalterliche Folkloresongs verpackt. Die sind zu 2/3 über sechs Minuten lang und bieten dabei durchaus eine gewisse Abwechslung. Beginnend mit „The Moral“ wird jedes zentrale Element des Märchens behandelt. „The Moral“ beginnt typisch epic-folkig mit Lautenspiel, ruhig, eine klare weibliche Stimme, die erzählt. Der Gesang ist gut, schnörkellos, hell. Zwischendurch gibt es längere instrumentale Passagen. Nicht, dass der Text jetzt sonderlich auf Rotkäppchen zugeschnitten wäre, eine gewisse Tiefgründigkeit könnte man finden, wenn man es denn unbedingt wollte. Es geht um Isaak, das Feuer, den dritten Tag, also um das Zusammenspiel aus Altem und Neuen Testament, man erwartet etwas anderes vielleicht, aber man muss auch gar nicht auf den Text hören. „The Girl“ mutet etwas spanisch an, aber nur die ersten zehn Sekunden. Dann setzt der Gesang ein, die Stimmung verändert sich ein wenig. Wenn man die Augen schließt, kann man das Mädchen durch das Leben spazieren sehen. Irgendwann wird es zu lang. Sicherlich ist es nicht verkehrt, den Weg Rotkäppchens lange zu beschreiben, in bunten Farben auszuschmücken, mit der tiefen, growlingen Männerstimme dann die Bedrohung darzustellen. Aber wenn man vier Songs hat, die sechs Minuten lang sind, muss man sich sehr tief in diesen Folk begeben. Von „The Wolf“ hätte ich mir etwas ganz anderes erwartet. Mehr Düsternis, mehr Power, mehr Aggression, Boshaftigkeit. Aber es ist eine leichte Nummer, die – das muss man leider sagen – einfach nicht stört, aber auch nicht hängenbleibt. Dafür ist „The Grandmother“ sehr düster, lauernd, zwischenzeitlich fast schon stampfend mit französischem Text. Eigentlich gar nicht das, was man erwarten würde. Auch „The Mother“ ist nicht zwingend vorhersehbar. Vielleicht muss man sich einfach vom Märchen lösen und die Ankündigung, dass es eine Adaption von Rotkäppchen ist, ignorieren. „The Forest“ erscheint wie eine Zusammenfassung des Märchens. Nett, bedrohlich, mit Kinderstimme, einem fröhlichen Ende.

Schwieriges Album. Man weiß nichts über die Band und das, was man weiß, irritiert mehr, als dass es ausschlaggebend wäre. Zudem lässt man sich zu sehr vor den Ankündigung leiten, dass es eine Adaption des bekannten Märchens Rotkäppchen sei, denn nur die Songtitel zielen wirklich darauf ab und kleinere Textpassagen. Es wird ein bisschen krampfhaft versucht, eine mittelalterliche, mystische Stimmung aufzubauen, auch in Kleidung und Videoclips, aber alles passt nicht recht zusammen. Das Album ist dabei gar nicht schlecht. In die Kategorie Epic passt es sehr gut rein, bietet Abwechslung, lebt von den klaren Singstimmen und den unterschiedlichen Instrumenten. Aber das, was das Drumherum aufbauen möchte, bringt alles in eine gewisse Schieflage und macht das Debüt unrund, was sehr schade ist. Die Songs sind teilweise zu lang, wollen etwas erzählen, malen aber eine andere Geschichte. Wohl dem, der das Märchen nicht kennt oder gar nicht so sehr darauf hört, was die Texte erzählen. Eine Bewertung unter Berücksichtigung der Ankündigung, eine Adaption Rotkäppchens zu sein, würde sehr schlecht ausfallen, das wäre lediglich 1 Punkt. Lässt man das außenvor, sieht es deutlich besser aus.

3/5

Ottorn – Little Red Riding Hood
Autoproduction, 2022
Download: € 4,99

Tracklist:
The Moral
The Girl
The Wolf
The Grandmother
The Mother
The Forest

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