Flashback 50 – Bachman-Turner Overdrive – Same – Mai 1973


R.I.P. Rob Bachman ✝ 13.01.2023 – R.I.P. Tim Bachman ✝ 28.04.2023

Die Geschichte um Kanadas Vorzeigerocker beginnt Anfang der 60er Jahre, als der junge Randolph Charles Bachman, genannt Randy, sich seine ersten musikalischen Sporen als Mitglied bei Chad Allan & The Expressions verdiente. Chad Allan alias Allen Peter Stanley Kowbel war bereits seit den späten 50er Jahren ein musikalischer Tausendsassa, der in den 60ern auch Moderator der kanadischen Rock’n’Roll-TV-Show „Let’s Go“ war. Bereits auf den ersten Platten stand die Frage „Guess Who?“ auf dem Cover. Mit dieser rätselhaften Frage wollte die Plattenfirma mehr Aufmerksamkeit für die Formation erlangen, was auch gelang. Namensgeber Chad Allan stieg bereits 1966 aus und mit der Zeit änderte die Formation ihren Namen komplett in The Guess Who. In den Jahren 1969 bis 1972 waren The Guess Who die Speerspitze im kanadischen Rock und international erfolgreich. 1970 schafften sie mit „American Woman“ sogar die Chartspitze in den USA. Kurz nach dem Superhit verließ Randy Bachman seine alten Mitstreiter, um 1971 zusammen mit seinem alten Kumpel Chad Allan und seinem jüngsten Bruder Robbie Bachman die Gruppe Brave Belt zu gründen. Bei denen stieß später im Jahr Charles Frederick Turner als Bassist dazu. Nach zwei unbetitelten Alben (Brave Belt & Brave Belt II) stieg Chad Allan wieder aus und wurde durch den mittleren Bachman Bruder Timothy Gregg Bachman an der Gitarre ersetzt. War in den 60er Jahren noch eine gehörige Portion Country und Country-Rock in ihrer Musik zu finden, mäanderte der Sound Anfangs der 70er in Richtung Hard-Rock. Um diese Richtung auch namenstechnisch zu vertreten, änderten Brave Belt ihren Namen aufgrund des Titels einer Zeitschrift für LKW Fahrer in Bachman-Turner Overdrive. Die Jungs gaben richtig Gas und schalteten sozusagen in den Overdrive.

Ende 1972 fanden sich die Bachman Brüder mit Fred Turner in den RCA Studios in Toronto ein, um ihr neues Material einzuspielen. An den Reglern des Mischpultes saß Mark K. Smith, der in den Sixities die Posaune bei den Mid-Knights geblasen hatte und später bei der Band Charlee mitmischte. Richtig bekannt wurde Smith, als er später Bob Seger, Trooper oder Rick Springfield abmischte. Für das Mastering und den Schnitt war Alan Moy verantwortlich, für den Lackschnitt die Koryphäe Gilbert Kong, der sich mit seiner Arbeit für Morgen, Beast, Savoy Brown, Moody Blues und Harvey Mandel einen Namen gemacht hatte. Im Mai 1973 stand dann das Debutalbum von B.T.O. in den Läden. Das Cover ganz in grau/silber gehalten, zeigt Zahnräder mit dem Namens-Schriftzug, den Initialen BTO und dem unvermeidlichen kanadischen Ahornblatt im stählernen Design und wurde von Rob Bachman höchstpersönlich entworfen.

Los geht’s mit dem treibenden Opener „Gimme your Money please“, der von der Gitarrenarbeit lebt. Zum Großteil besteht der Song nur aus den Gitarrenriffs aus den beiden Gitarren, lediglich ein Solopart von Randy gegen Ende steigert den Track etwas hoch. Die kehlig rauen Vocals von Fred Turner passen perfekt zum Riff-Rock des Songs. „Hold back the Water“ fährt im gleichen Fahrwasser. Mehrstimmige Riffs aus den Sechssaitern der Bachmans bestimmen den im Mid-Tempo gehaltenen Rocksong. Ein instrumentaler Mittelteil bestimmt gut ein Drittel des Tracks. Das folgende „Blue Collar“ könnte auch gut auf einer Platte von Carlos Santana zu finden sein. BTO untypisch ist der Song relativ zahm und bringt sogar ein wenig lateinamerikanische Rhythmen ins Spiel. Santana meets Osibisa, gewürzt mit einer Prise Jazz … so könnte man „Blue Collar“ am besten einordnen – eine willkommene Abwechslung. Hier hat der in Philadelphia geborene Wahlkanadier Barry Keane die Congas beigesteuert. Zurück ins bewährte Fahrwasser führt uns „Little Gandy Dancer“ … ein Song über eine Tänzerin. Riff-Rock, aber im Vergleich zum Rest ein wenig belanglos dahingespielt. Den ersten Song auf der B-Seite werden vielleicht einige in der Heavy-Rock Version der Schweizer Band Krokus kennen. Die hatten in den 80ern mit „Stayed awake all Night“ einen Tanzflächenfüller in sämtlichen Rockclubs im kontinentalen Europa. Hier ist aber das Original zu hören. Schwerer heavy Riff-Rock im mittleren Tempo. Klasse die gedoppelten Leadgitarren im Soloteil. Richtig schwerer sumpfiger Rock und bis jetzt mein Highlight auf dem Album. Mehrstimmig wird im folgenden „Down and Out Man“ gesungen. Der typische, stampfende Rhythmus fällt zum vorigen „Stayed…“ gehörig ab. Hier sucht man den Overdrive leider vergeblich. Etwas tiefer in der Tonlage angesiedelt schiebt aber „Don’t get yourself in Trouble“ gleich wieder vorwärts. Die kernigen Lead-Vocals passen hervorragend zu den Riffs. Der kurze Soloteil an der Gitarre wird von beiden gleichzeitig gespielt … aber in unterschiedlichen Melodien. Die Platte endet mit „Thank you for the Feelin'“. Dessen Intro wurde ein wenig bei Janis Joplin abgekupfert, aber schon nach gut zehn Sekunden wird daraus wieder der typisch stampfende Riff-Rock unserer kanadischen Freunde.

Das selbstbetitelte Debutalbum von Bachman-Turner Overdrive dauert nur knapp 36 Minuten und ist im musikalischen Kosmos jetzt nicht unbedingt ein „Must-have“ für jeden Plattensammler. Es ist einfacher und gradliniger Riff-Rock mit tanzbaren Tracks für jeden Freund, der auf satte Gitarrenarbeit steht. Den Rock-Olymp erklommen haben Bachman-Turner Overdrive erst 1974 mit ihrem dritten Album Not Fragile und dem darauf enthaltenen „You ain’t seen nothing yet“, welches heute noch in vielen Rock-Diskotheken und Radiosendern weltweit gespielt wird. Fraglos ist Randy Bachman einer der Superstars im kanadischen Musikzirkus, wenn es um Rock geht – egal ob mit The Guess Who, B.T.O. oder später mit Ironhorse und Union. Ehre, wem Ehre gebührt.

Bachman-Turner Overdrive
A1 – Gimme your Money please
A2 – Hold back the Water
A3 – Blue Collar
A4 – Little Gandy Dancer
B1 – Stayed awake all Night
B2 – Down and Out Man
B3 – Don’t get yourself in Trouble
B4 – Thank you for the Feelin‘

Randy Bachman – Lead Guitars, Vocals
Tim Bachman – Rhythm Guitar, Vocals
C.F. Turner – Lead Vocals, Bass
Rob Bachman – Drums, Percussion

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