Flashback 50 – The Alan Parsons Project – Tales of Mystery and Imagination – Edgar Allan Poe – Juni 1976


Alan Parsons wurde im Dezember 1948 in London in eine regelrechte Künstlerfamilie hineingeboren. Beide Eltern Musiker, die Mutter und sein Großvater Herbert Draper Beerbohm Tree Schauspieler, ebenso wie sein Cousin Oliver Reed. Als Kind lernte Alan Flöte, Klavier und Gitarre, so war sein musikalischer Weg schon vorgegeben. 1969 nahm er mit seinen Kumpels Ian Harris und Barry Mitchell unter dem Namen Earth eine LP auf, die aber erst 2015 veröffentlicht wurde. Mitchell war übrigens der Bassist von Queen, bevor John Deacon dann den Job übernahm. Seinen ersten Businessjob bekam Alan Parsons 1967 in den Abbey Road Studios in London. Dort arbeitete er sich rasch hoch, so dass er bei den Beatles Alben Abbey Road (1969) und Let it be von 1970 schon als Assistenz-Toningenieur aufgeführt wurde. Sein Wirken war anscheinend so prägend, dass er im gleichen Jahr bei Pink Floyds Atom Heart Mother als Chef hinter dem Mischpult saß. Seinen endgültigen Durchbruch schaffte er mit dem Meisterwerk The Dark Side of the Moon von Pink Floyd. In den folgenden Jahren war er Chief-Engineer bei den Alben von Pilot, Al Stewarts Year of the Cat, Steve Harley und Cockney Rebels Psychomodo Album oder John MilesMusic. Bereits 1974 lernte Alan Parsons bei seiner Arbeit in den Abbey Road Studios den Songschreiber Eric Woolfson kennen. Der war dort als junger Produzent tätig und schrieb Hits für Chris Farlowe und Marianne Faithfull. Da beide Liebhaber der Werke von Edgar Allan Poe waren, beschlossen die Freunde, ein eigenes Konzeptalbum aufzunehmen, welches die Literatur von Poe als Grundlage hatte. David Paton am Bass, Stuart Tosh an den Drums, Billy Lyall an den Tasten und Ian Bairnson an der Gitarre spielten schon bei Pilot zusammen und bildeten den Grundstock vom Alan Parsons Project. Der Name Alan Parsons Project war eigentlich nur als Projektname für dieses eine Album vorgesehen. Parsons und Woolfson übernahmen den Gesang und ebenfalls die Keyboards. Zusammen mit mehreren Musikern, die sie aus der Studioarbeit kannten, unter anderem Joe Puerta, John Miles, Arthur Brown und Christopher North, die von Ambrosia kamen, nahmen sie dann zwischen Juli 1975 und Januar 1976 in den Abbey Road Studios ihr Album Tales of Mystery and Imagination – Edgar Allan Poe auf. Parsons und Woolfson mixten und produzierten das Album selbst. Nach einer kleinen Vorabversion im Mai 76 kam Tales im Juni weltweit in die Läden. Das in grün gehaltene Klappcover wurde vom legendären Hipgnosis Team und Colin Elgie entworfen und zeigt in mehreren Varianten eine Bänderung, die um das ganze Album reicht und eine Mumie. Die ersten Pressungen des Covers beinhalten ein achtseitiges Booklet mit Illustrationen und Bildern, die am Bahnhof St. Pancras in London aufgenommen wurden.

Los geht es mit einer weltbekannten Stimme. Kein geringerer als der amerikanische Regisseur und Schauspieler Orson Welles leitet in einem gesprochenen Prolog zu „A Dream within a Dream“, welches 1844 zum ersten Mal in den Marginalia veröffentlicht wurde, das Album ein. Das Gedicht beschreibt die Grenze zwischen Wachzustand und Schlaf, die schwer fassbaren „Schatten von Schatten“, die einen unruhigen Geist heimsuchen. Der musikalische Teil des Songs wird vom Wechselspiel zwischen Piano und Gitarre bestritten. Gegen Ende vom Song hört man nur eine einzelne gezupfte Note auf dem Bass, welche zugleich das Intro zum zweiten Song „The Raven“ bildet. Die roboterhafte verfremdete Stimme von Alan Parsons erklingt und bringt einen sphärischen Touch einher. Parsons singt hier durch einen EMI-Vocoder, einem Gerät, welches früher in der militärischen Telefontechnik benutzt wurde. Laut Booklet ist „The Raven“ der allererste Rocksong, bei dem ein Vocoder zum Einsatz kam. Die Singstimme neben Parsons wurde vom Schauspieler Leonard Whiting beigesteuert. Während die beiden ersten Songs auf dem Album in einem gemäßigten Mid-Tempo daherkamen, galoppiert das folgende „The Tell-Tale Heart“ aus den Lautsprechern. Mit einem gekrächzten heiseren Schreien beginnt die Sause. Kein geringerer als der God of Hellfire Arthur Brown wurde hier als Sänger rekrutiert, und der passt zum Song wie die Faust aufs Auge. Mit viel bombastischen Paukenschlägen und Gitarrenorgien gibt der Song richtig Gas. Richtig elegisch wird’s kurz drauf bei „The Cask of Amontillado“. Ein Teppich aus Streichern, auf dem die flehende Stimme von John Miles obenauf gesetzt wurde. Im letzten Drittel fährt Alan Parsons ein komplettes Orchester inklusive eines klassischen Chors auf, welche dem Song einen pompösen Anstrich verpassen. Wir bleiben bei der Leadstimme von John Miles, denn dieser darf bei „(The System of) Doctor Tarr and Professor Feather“, dem letzten Track der ersten Albumseite, den Gesang übernehmen. Wieder im bombastischen Gewand gekleidet und dem bekannten Wechselspiel von Gitarre und Keyboards.

Die zweite Seite des Albums beginnt wie schon Seite A mit einem Prolog von Orson Welles. „The Fall of the House of Usher“ ist eine fünfzehnminütige instrumentale Orchestersuite in fünf Sätzen, an deren Anfang Welles Poes „Mechanismen der Kunst mit existenzieller Sehnsucht verbinden“. Für Parsons passte Welles Stimme perfekt zur musikalischen Umsetzung, da er dessen Philosophie der unbestimmten Schönheit perfekt abbildet. Im ersten Teil „Prelude“ verwendet Parsons Fragmente aus dem Werk La Chûte de la maison Usher, welches zwischen 1908 und 1917 von Claude Debussy komponiert wurde. Mit dem etwas lieblichen „To one in Paradise“, in welchem Terry Sylvester von den Hollies den Leadgesang übernehmen durfte, schließt das Album.

Das Album war auf dem weltweiten Markt äußerst erfolgreich, so dass das Alan Parsons Project bis zum Album Gaudi aus dem Jahr 1987 noch weitere neun Alben aufnehmen sollte. Nach dem Musical Freudiana im Jahre 1990 trennten sich Parsons und Woolfson und gingen musikalisch eigene Wege, die aber im Gegensatz zu ihrer gemeinsamen Zeit nur mäßig erfolgreich waren. Tales of Mystery and Imagination – Edgar Allan Poe wurde bis heute weit über eine Million mal verkauft. Alan Parsons veröffentlichte mit einigem Abstand immer wieder Alben, wurde 2019 mit einem Grammy ausgezeichnet und war im gleichen Jahr auch mit der Konzertreihe Night of the Proms unterwegs. Eric Woolfson starb bereits 2009 an Nierenkrebs.

Das Alan Parsons Project war über die Jahre gesehen mit einigen ihrer Alben erfolgreicher als mit ihrem Debut, aber an Intensität und Dichte kommt kein Nachfolger des Projekts an Tales of Mystery and Imagination – Edgar Allan Poe heran. Auch nach mehrmaligem Hören entdeckt man immer wieder neue Feinheiten, die faszinieren.

The Alan Parsons Project – Tales of Mystery and Imagination – Edgar Allan Poe
A1 – A Dream within a Dream
A2 – The Raven
A3 – The Tell-Tale Heart
A4 – The Cask of Amontillado
A5 – (The System of) Doctor Tarr and Professor Feather
B1 – The Fall of the House of Usher
– a – Prelude
– b – Arrival
– c – Intermezzo
– d – Pavane
– e – Fall
B2 – To one in Paradise

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