Es gibt Alben, die man hört. Und es gibt Alben, in denen man sich aufhält. Small Change, Tom Waits’ viertes Album aus dem Jahr 1976, gehört zur zweiten Kategorie. Es ist ein Album über Bars, billige Hotels, verlorene Nächte, Alkohol, Einsamkeit, Sehnsucht und gescheiterte Existenzen. Aber vor allem ist es ein Album über Menschen. Menschen, die irgendwo zwischen letzter Hoffnung und endgültiger Resignation leben. Menschen, die Waits nicht aus sicherer Entfernung beobachtet, sondern denen er seine Stimme leiht. Dabei ist Small Change viel mehr als die Platte, auf der Tom Waits seine berühmte Whisky-und-Zigaretten-Stimme perfektionierte. Es ist der Moment, in dem aus dem eigenwilligen Singer-Songwriter endgültig jene Kunstfigur wird, die später zwischen Beat-Poet, Bluesman, Theaterfigur, Schauspieler und musikalischem Außenseiter changieren sollte.
Das Album erschien im September 1976 bei Asylum Records und wurde im Juli desselben Jahres in den Wally Heider Studios in Hollywood aufgenommen. Produzent war Bones Howe, der bereits die vorherigen Asylum-Alben Waits’ produziert hatte. Die musikalische Begleitung ist erstaunlich klein: Waits am Piano und als Sänger, dazu der Bassist Jim Hughart, der legendäre Jazz-Schlagzeuger Shelly Manne und der Saxophonist Lew Tabackin; auf einigen Stücken kommen Streicher hinzu.
Um Small Change zu verstehen, muss man ein paar Jahre zurückgehen. Tom Waits wurde 1949 in Kalifornien geboren und wuchs in San Diego auf. Seine musikalische Sozialisation war von Anfang an ungewöhnlich breit. Jazz, Blues, Beat-Literatur, Broadway, Tin Pan Alley, Country und die amerikanische Songwriter-Tradition flossen bei ihm zusammen. Besonders wichtig waren Schriftsteller wie Jack Kerouac, Charles Bukowski und Raymond Chandler. Waits interessierte sich weniger für die glamouröse Seite Amerikas als für dessen Nebenstraßen. 1972 kam er nach Los Angeles und unterschrieb bei David Geffens Asylum Records. Sein Debüt Closing Time erschien 1973. Das Album klingt im Vergleich zu dem, was später kommen sollte, beinahe sanft: ein melancholischer, jazziger Singer-Songwriter mit erstaunlichem Gespür für Melodien.
Danach ging die Entwicklung schnell. The Heart of Saturday Night (1974) vertiefte die nächtliche amerikanische Mythologie. Nighthawks at the Diner (1975) machte aus Waits endgültig den Geschichtenerzähler der Nacht: ein Doppelalbum, das zwar im Studio aufgenommen wurde, aber bewusst die Atmosphäre eines verrauchten Jazzclubs simulierte. Die Zuschauerreaktionen waren echt, die gesamte Situation jedoch sorgfältig inszeniert. Waits war inzwischen selbst zu einer Figur geworden. Er lebte zeitweise im legendären Tropicana Motel in Los Angeles, einem heruntergekommenen Treffpunkt für Musiker und Künstler. Er spielte ständig Konzerte, trank, schrieb und beobachtete. Seine Geschichten kamen aus einer Welt von Tankstellen, Diners, Bars, Prostituierten, Taxifahrern, Nachtwächtern und gescheiterten Liebhabern. Und dann kam Small Change. Waits selbst erzählte 1976 in einem Interview, das Album sei in nur wenigen Wochen entstanden und innerhalb von fünf Nächten aufgenommen worden. Er beschrieb die Aufnahmen als ausgesprochen direkt: Praktisch ohne Overdubs, auf einer Zweispurmaschine und unmittelbar während der Aufnahme. Das erklärt viel von der Atmosphäre.
“Tom Traubert’s Blues (Four Sheets to the Wind in Copenhagen)” ist der Einstieg und gleichzeitig vielleicht eines der bekanntesten Lieder von Waits. Allein bei Spotify hat der Song 10 Millionen mehr Aufrufe als andere. Alles, was in einem Blues stecken kann, steckt auch tatsächlich drin. Verzweiflung, die rauchige Stimme, die sanfte, traurige Melodie – irgendwo zwischen zu später Hoffnung und endgültiger Resignation. Das australische Volkslied „Waltzing Matilda“ wurde hier eingebaut und ist damit vermutlich bekannter geworden als das Original. Zwischen alkoholischem Absturz und sinnloser Liebe in Kopenhagen angesiedelt, ist nie richtig deutlich geworden, wie, wo und warum der Song entstanden ist, aber das ist auch egal.
„Step up right“ erscheint dann fröhlicher. Mit einer sentimentalen, zerstörerischen Nummer anzufangen, muss man sich trauen, vor allem wenn das Album nicht komplett deprimierend ist. „Step up right“ ist die Tanznummer, bei der man mindestens mitwippt oder gleich auf die Tanzfläche zieht. Man stellt sich irgendwas zwischen Kneipe und Saloon vor, alter Holzfußboden, gezeichnet von schlurfenden Füßen und verschüttetem Bier. Darüber flinke Füße, Lachen, balzende Arbeiter und hoffnungsvolle Jungfrauen. Textlich gegen Werbung und Marktschreier gerichtet, die das verkaufen wollen, was irgendwie gar nicht gibt. Und wer ist der Dumme – der Verkäufer oder Kaufende? Einer weiß, dass er lügt, der andere fällt darauf rein.
“Jitterburg Boy (Sharing a Curbstone with Chuck E. Weiss, Robert Marchese, Paul Body and the Mug and Artie)” – nach aufregendem Saxophongeplapper, kommt ruhiges Piano, begleitet von einer eher betrunkenen, abgefuckten Stimme. Zigarettenschwaden, Whiskey und speckige Hosen mit Pisseflecken auf heruntergekommenen Barhockern.
Dann wird es wieder so tragisch wie beim ersten Lied: „I Wish I Was in New Orleans (In the Ninth Ward)“. Träume, Hoffnungen, klare Melodie mit Piano und Streichern. Dazu die unverkennbare Stimme, die deutlich macht, dass von Besserem geträumt wurde, es ein Leben lang aber nur für das Schlechtere gereicht hat. Für harte Arbeit, schmutzige Hände, ein Zimmerchen und unerfüllte Träume, ertränkt und Tabak und Alkohol.
Wer ist eigentlich der Säufer hier? Das Piano oder ich? Tom Waits gibt die Antwort: „The Piano Has Been Drinking (Not Me)“. Wobei das Piano sehr nüchtern und er sehr betrunken klingt.
Der Zenit wird überschritten mit einer „Invitation to the Blues“. Der Gesang erinnert an Amy Winehouse in männlich – zumindest zu Beginn. Allerdings mit sehr viel Promille im Blut. Manchmal muss man sich schon fragen, wie betrunken Waits gewesen ist bei den Aufnahmen. Andererseits ist es eben seine Art, diese dreckige Verzweiflung in seine Stimme zu legen. Und trinkt man nicht einfach, wenn man sich trennt und die Gefühle noch da sind? Perfekter Song für verlassende Männer, die den Mond anheulen.
Auf komplett andere Gedanken bringt einen das folgende „Pasties and a G-String (At the Two O’Clock Club)“. Ein bisschen Getrommel und eine Stimme, die von Louis Armstrong sein könnte. Man denkt einfach an eine Bar mit kleiner Bühne und einen Schwarzen mit Zahnlücke am Ende eines Auftritts, den Kragen bereits geöffnet, der noch einen zum Abschluss singt. Und die Menge trommelt und stampft mit.
Was bleibt bei gebrochenem Herzen und angegriffener Leber? Nix irgendwie. Aber sprechen wir das doch mal an, scheint sich Waits zu denken und nimmt „Bad Liver and a Broken Heart (In Lowell)“ auf. Nach dem fetzigen Vorgänger wir trübes Piano und nichts wird beschönigt. Das Leben ist nicht Glitzer und Glamour, Taylor Swift Märchen. Das Leben ist dreckig, hart mit Herzschmerz, Rückschlägen und Stürzen. Keiner kann das so treffend besingen wie Tom Waits.
Bassgezupfe leitet „The One That Got Away“ ein. Eine Stimme, ein Saxophon. Blues vom Feinsten. Keine Märchenhochzeit, kein Liebesgesülze, sondern das Danach, das meist verschwiegen wird. Einer geht, einer bleibt, einer lebt weiter, einer bleibt irgendwo zurück mit Gefühlen, Fragen und der Liebesschlacke. Das Saxophon weint dazu.
Wir kommen zum Namensgeber des Albums, „Small Change (Got Rained on with his own .38)”. Das Saxophon wird der Erzähler. Ein Mord wird angedeutet, gesehen von einigen, ignoriert von vielen. Kleine Änderungen ändern nichts, eine Stadt lebt weiter, ohne innezuhalten. Waits könnte hier mit einem Saxophonisten an einer Straßenecke stehen in abgewetzten Kleidern, mit einem Hut und milde Gaben bettelnd und singen.
Am Ende will man nach Hause. Tom Waits auch irgendwie. „I Can’t Wait to Get Off Work (And See My Baby on Montgomery Avenue). Nach Zerstörung, Liebesleid, verpassten Leben und zu vielen Zigaretten ertränkt in Alkohol wird es fast liebevoll. Heimwärts strebt man nach getaner Arbeit zum Wichtigsten – der Frau.
Puh. Keine leichte Kost, kein Album, das man auflegt, wenn man gerade den Deal des Lebens feiert. Ein Album, ehrlich hingerotzt, den Finger auf die dunklen Wunden der Gesellschaft legend. Kein Glitzer und Glamour, ehrliche Gefühle, tägliches Scheitern. Einblick in Kneipen und leere Seelen. Und doch: Viel Gefühl, viel Liebe, viel Aufmerksamkeit liegen zwischen den Zeilen und Noten. Der Blick gerichtet auf das, was da ist, zwischen uns, ins uns – und ignoriert und übersehen wird, weil man sich damit nicht auseinandersetzen will. Tom Waits ist irgendwas zwischen Hunter S. Thompson und Charles Bukowski in musikalischer Form – besonderer Kult und herrlich ehrlich.
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Tom Waits – Small Change
A1 – Tom Traubert’s Blues (Four Sheets to the Wind in Copenhagen)
A2 – Step Right Up
A3 – Jitterbug Boy (Sharing a Curbstone with Chuck E. Weiss, Robert Marchese, Paul Body and The Mug and Artie)
A4 – I Wish I Was in New Orleans (In the Ninth Ward)
A5 – The Piano Has Been Drinking (Not Me) (An Evening with Pete King)
B1 – Invitation to the Blues
B2 – Pasties and a G-String (At the Two O’Clock Club)
B3 – Bad Liver and a Broken Heart (In Lowell)
B4 – The One That Got Away
B5 – Small Change (Got Rained on with His Own .38)
B6 – I Can’t Wait to Get Off Work (And See My Baby on Montgomery Avenue)
