Buch: Hanna Reichel – Wann, wenn nicht jetzt?


„Was können wir tun? Wer wollen wir sein? Spirituelle Orientierung in der Unsicherheit einer Zeitenwende. Wir leben in einer verstörenden Welt. Autoritäre Positionen finden Zulauf, der Ton in der Gesellschaft verändert sich, demokratische Kultur erodiert. Was bedeutet Christsein in so einer Zeit? In 28 Einheiten bietet Hanna Reichel Anleitung für eine Spiritualität der Mitmenschlichkeit mit Rückgrat. Inspiriert von biblischen Motiven und dem Zeugnis von Vorbildern im Glauben geben kluge Gedanken und praktische Anregungen, klarer zu sehen, sorgfältiger zu urteilen und entschiedener zu handeln. Ein Buch für Menschen, die fragen, wie sie heute als Christenmenschen leben können. Es verlangt keine Zustimmung zu einer bestimmten politischen Agenda, sondern inspiriert christliches Zeugnis in unserer Zeit und für unsere Zeit. Eine Antwort auf die Frage, wie man im Alltag in der Nachfolge Christi leben und an Freude und Hoffnung festhalten kann.“ (Quelle: Amazon)

Es gibt Bücher, deren Titel eine Frage stellt, die man nach der letzten Seite wieder vergisst. Und es gibt Bücher, bei denen die Frage des Titels noch lange nachhallt. Hanna Reichels Wann, wenn nicht jetzt? 28 Ermutigungen für das Christsein heute gehört eindeutig zur zweiten Kategorie. Bereits der Titel ist Programm: Es geht nicht um irgendwann, nicht um bessere Zeiten, nicht um den Moment, in dem die Welt übersichtlicher, die politischen Verhältnisse eindeutiger oder die eigene Unsicherheit verschwunden sein werden. Es geht um das Christsein jetzt – in einer Gegenwart, die von Krisen, politischen Polarisierungen, gesellschaftlicher Verunsicherung und autoritären Tendenzen geprägt ist.

Reichel, Professorin für Systematische Theologie am Princeton Theological Seminary, verbindet biblische Texte mit theologischen und gesellschaftlichen Beobachtungen. Der Anspruch ist dabei bemerkenswert: Das Buch möchte weder ein klassischer theologischer Fachtext noch ein politisches Manifest und auch kein bloßer spiritueller Ratgeber sein. Vielmehr versucht Reichel, eine Form von christlicher Orientierung für Menschen zu entwickeln, die sich angesichts einer komplizierten Gegenwart fragen: Was bedeutet es eigentlich, heute Christ zu sein?

Die Antwort fällt erfreulich wenig pathetisch aus.

Die Frage nach dem Christsein ist für Reichel keine rein persönliche oder private Angelegenheit. Genau darin liegt eine der großen Stärken des Buches: Reichel weigert sich, Spiritualität auf die eigene innere Befindlichkeit zu reduzieren. Christlicher Glaube soll nicht lediglich dabei helfen, persönlich zur Ruhe zu kommen, während draußen die Welt aus den Fugen gerät. Spiritualität bekommt bei ihr eine gesellschaftliche Dimension. Sie soll Menschen befähigen, genauer hinzusehen, verantwortungsvoller zu urteilen und dort zu handeln, wo es notwendig wird.

Gerade in Krisenzeiten wächst der Wunsch nach Eindeutigkeit. Wer hat Schuld? Was ist richtig? Was ist falsch? Auf welcher Seite muss ich stehen? Wer gehört zu den Guten, wer zu den Bösen? Reichel stellt sich gegen diese Logik. Sie plädiert nicht für Beliebigkeit, sondern für ein sorgfältiges Urteilen. Das ist ein wichtiger Unterschied. Nicht jede Frage lässt sich einfach beantworten – aber daraus folgt keineswegs, dass überhaupt keine Entscheidung möglich oder notwendig wäre.

Diese Haltung macht das Buch politisch, ohne es auf Parteipolitik zu reduzieren. Reichel spricht über gesellschaftliche Entwicklungen, über Demokratie, über Verantwortung und Widerstand. Zugleich vermeidet sie es, Lesern eine bestimmte politische Schablone überzustülpen. Das Buch möchte nicht vorschreiben, welcher politischen Gruppierung man sich anschließen muss. Es möchte vielmehr dazu befähigen, selbst genauer zu denken und aus dem christlichen Glauben heraus Verantwortung zu übernehmen.

Besonders gelungen ist der Umgang mit der Bibel. Reichel behandelt biblische Texte weder als historische Dokumente, die ausschließlich in ihrem ursprünglichen Kontext verstanden werden dürfen, noch als eine Sammlung zeitloser Sprüche, die man beliebig auf heutige Probleme anwenden kann. Stattdessen nimmt sie die Texte ernst – gerade weil sie aus einer anderen Zeit stammen.

Die 28 Einheiten sind jeweils an biblische Motive und Zitate angelehnt. Das Buch folgt dabei der Grundstruktur eines Gottesdienstes: Eröffnung, Hören und Antworten, Kommunion und schließlich Sendung. Dadurch bekommt die Lektüre eine fast liturgische Bewegung: Man kommt zur Ruhe, hört, denkt nach, setzt sich auseinander und wird schließlich wieder in die Welt geschickt. Christlicher Glaube beginnt bei Reichel nicht mit Aktionismus. Bevor gehandelt wird, muss wahrgenommen, gehört und unterschieden werden.

Wann, wenn nicht jetzt? ist kein Buch, das man unbedingt in einem Zug lesen sollte. Es ist ein Buch, das man zur Hand nehmen, aufschlagen, unterbrechen und später wieder aufnehmen kann. Manche Kapitel wird man vermutlich schnell lesen, andere werden einen länger beschäftigen. Und genau darin liegt seine Stärke. Für Menschen, die ihren christlichen Glauben nicht als Rückzug aus der Welt verstehen, sondern als Auftrag, in dieser Welt verantwortlich zu leben, ist das Buch ausgesprochen empfehlenswert. Ebenso für kirchliche Gruppen, Gesprächskreise und alle, die sich fragen, wie christliche Spiritualität angesichts gesellschaftlicher Verunsicherung aussehen kann.

4/5

Hanna Reichel – Wann, wenn nicht jetzt? 28 Ermutigungen für das Christsein heute
Gütersloher Verlagshaus 2026
189 Seiten
Hardcover, 20 €

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