Tour: Auf den Spuren der Musik – Can, Kraftwerk, Udo und der Punk


Der ursprüngliche Grund unserer Reise nach NRW war die Hochzeit von Maxlrose, einem unserer Mitschreiber, mit seiner Vivi, die auch schon für Stage Reptiles geschrieben hat. Da die beiden in Neuss wohnen, und die Hochzeit auch dort gefeiert wurde, war für mich Musikverrückten sonnenklar, dass ich unbedingt einen kleinen Abstecher nach Düsseldorf machen musste, um mir eine weltbekannte Location anzusehen.

Unser kleines Hotel, Miro’s Steakhouse und Hotel befand sich in Langenfeld, einem circa 30 Kilometer von Neuss entferntem Städtchen. Die Anreise erfolgte über Mannheim, die links-rheinische A61 hoch, um die Staus um Köln und Bonn zu umgehen. Beim Checken von Google Maps wegen Staus stellte ich fest, dass wir an einem kleinen Ort fast direkt vorbeifahren würden, der für die Musikgeschichte Deutschlands äußerst wichtig gewesen ist … Weilerswist.
Weilers… was? Kennt doch vermutlich niemand… Stimmt!

Was vermutlich sehr viele kennen, ist die Kölner Band Can. Eine Band, die den Krautrock mitgeprägt hat, und weltweit zu den Aushängeschildern der deutschen Musik gehört. Ihre ersten drei Platten Monster Movie, Soundtracks und Tago Mago haben Can ihrem selbstgebauten Studio im Schloß Nörvenich bei Köln aufgenommen. Im Jahre 1971 erfolgte der Umzug in einen ehemaligen Kinosaal in der Kölner Straße 103 im kleinen Ort Weilerswist. Hier bekam das Studio den Namen Inner Space Studio. In diesen Räumlichkeiten enstanden zwischen 1971 bis zur Auflösung von Can 1978 neun weitere Alben der Gruppe. Die erste LP die hier entstand, war die legendäre LP Ege Bamyasi mit den enthaltenen Hits „Spoon“ und „Vitamin C“

Als sich Can 1978 auflösten, wurde das Inner Space Studio vom Chef-Tontechniker Rene Tinner für weitere Aufnahmen genutzt. Viele nationale Gruppen nahmen hier ihre Alben auf. Joachim Witt sein Silberblick mit dem „Goldenen Reiter“. Marius Müller-Westernhagen einige Alben, Trio ihr zweites Album Bye Bye. Element of Crime ebenfalls mehrere Alben. Auch internationale Pop-Größen nahmen hier auf. Double zum Beispiel ihren größten Hit „Captain of her Heart“. Can Mitgründer und Bassist Holger Czukay wohnte ab der Ausflösung des Studios 1986 sogar in den Räumlichkeiten, und nahm seine Soloplatten auf. Hinter der großen Doppel-Tür links befand sich der Eingang zum Inner Space Studio, welches später den Namen Can-Studio trug. Als großer Fan der Gruppe Can wollte ich natürlich diesen berühmten Ort wenigstens einmal von außen sehen.

Weiter ging die Reise nach Langenfeld in unser Hotel, wo wir den restlichen Nachmittag ausruhten. Für den Abend hatten wir aber bereits einen Termin, auf den ich mich schon freute.

Auf YouTube folge ich seit einiger Zeit einem YouTuber mit seinem Kanal Guido der Vinyl Junkie . Mittlerweile sind wir befreundet, telefonieren ab und an, aber persönlich getroffen hatten wir uns noch nie. Das wurde jetzt nachgeholt. Mit seiner Frau Martina hatten wir uns zum Essen im Steakhouse verabredet, wo wir einen äußerst vergnüglichen Abend miteinander verbracht haben.

Die Hochzeitsfeier am folgenden Tag sollte erst am späten Nachmittag beginnen und wir wollten den Tag mit einem Frühstück in Düsseldorf beginnen und anschließend weiter auf den Spuren der Musik wandern. Eine der Adressen, die wir aufsuchen wollten, ist eine der Keimzellen des deutschen Punks. In der Ratinger Straße 10 in der Düsseldorfer Altstadt, steht der Ratinger Hof. Ursprünglich eine gemütliche Eckkneipe, verwandelte sich der Ratinger Hof ab Mitte der 70er Jahre in des westdeutsche Punk Mekka. ZK, die Vorgängerband der Toten Hosen, Male, S.Y.P.H., DIN A Testbild, Mittagspause, Fehlfarben, Deutsch Amerikanische Freundschaft, der KFC, Östro 430, und viele weitere deutsche Punklegenden spielten im Ratinger Hof und wurden hier bekannt. Auch viele internationale Bands wie Pere Ubu, die Dexys Midnight Runners, XTC, 999 oder Wire spielten hier. Auch Bands wie Kraftwerk, La Düsseldorf oder Neu! waren des Öfteren unter den Gästen zu finden. Im Ratinger Hof geben auch heutzutage noch viele Bands Konzerte.

Andere Bundesländer, andere Sitten … Verwundert mussten wir feststellen, dass auf dieser berühmten Feiermeile in der Altstadt absolut kein einziges Café zu finden war, wo wir frühstücken konnten, dafür aber eine zeitlich begrenzte Waffenverbotszone vorherrscht. Außerhalb von den auf dem Schild genannten Zeiten ist es anscheinend komplett egal, ob ihr eure Pistolen, Messer oder Granaten mitschleppt oder einsetzt. Crazy Stadt Düsseldorf.

Nach dem Ratinger Hof und einem Bummel an den Rheinterrassen (wo es ebenfalls nirgends ein geöffnetes Café gab), fuhren wir ein Stück weiter zur nächsten geschichtsträchtigen Adresse.
In einem kleinen Hinterhof in der unscheinbaren Mintropstraße 14–16 befanden sich einst die Räumlichkeiten der Elektro-Installationsfirma Müller … und ein paar unspektakuläre Lagerräume, die 1970 von ein paar jungen Leuten angemietet wurden, die hier Musikgeschichte schrieben.

Anfang 1970 gründeten Florian Schneider-Esleben und Ralf Hütter hier ihr Kling-Klang-Studio, in dem sie mit ihrer Band Kraftwerk ihre musikalischen Vorlieben verwirklichen konnten. Alle Kraftwerk Alben seit ihrem selbstbetiteltem Debüt 1970 mit der Hitsingle „Ruckzuck“ bis zur letzten Studio-Veröffentlichung Tour der France Soundtracks wurden hier aufgenommen, alle Liveaufnahmen wurden hier gemixt und bearbeitet. Unzählige weltbekannte Songs wie „Autobahn“, „Radioaktivität“, „Trans Europa Express“, „Wir sind die Roboter“ oder „Das Model“ enstanden hinter dem Fenster mit den Glausbausteinen links neben der Einganstüre. Das weltbekannte Cover ihrer ersten LP mit der orangenen Pylone ist ikonographisch. Die Pylone steht heutzutage als Synonym für die Band Kraftwerk. Die Pylone, die heutzutage an der kleinen Metallrampe steht, dient nicht nur zur Absicherung der Rampe, sie steht auch als Symbol für das ehemalige Kling-Klang-Studio, welches 2009 nach Meerbusch-Osterath verlegt wurde.

Da wir bis zur Feier noch einige Stunden Zeit hatten, wollte ich noch einen Plattenhändler, den ich nur aus dem Internet kenne, persönlich in seinem Ladengeschäft besuchen. Günter Herke ist landesweit bekannt unter dem Namen Minty Vinyl. Sein kleiner, aber sehr feiner Laden liegt in der Lindenstraße 186 in Düsseldorf. Vinylliebhaber werden bestimmt fündig in seinem Laden, sofern sie fernab vom Mainstream suchen.
Abends besuchten wir dann die sehr schöne Hochzeitsfeier vom Maxi und seiner Vivi.

Da wir uns mit der Geschichte des Inner Space Studios vertraut gemacht hatten, wussten wir, dass 2007 das komplette Studio im Gesamten ab-, und im rock’n’popmuseum im westfälischen Gronau wieder aufgebaut wurde. Spontan wie wir sind, beschlossen wir, unseren Aufenthalt noch einen Tag zu verlängern, um am folgenden Tag die 140 Kilometer gen Norden zu fahren.

In Gronau angekommen, bot sich uns beim Anblick des Museums ein grandioser Anblick.

Pünktlich zur Öffnung um 10:00 Uhr waren wir dann im Museum vor Ort. Angesicht der relativ frühen Tageszeit war so gut wie nichts los im Museum. Nach einem kleinen Snack an der Museumsbar wurden wir vom anwesenden Team Dirk, Jana, Emily und Siggi aufs herzlichste in Empfang genommen, und bekamen unsere Kopfhörer mit dem Interface erklärt. Ich erzählte ihnen, wieviel mir der Besuch des Inner Space Studios persönlich bedeutet. Anschließend gings hinein ins Dunkle, wo die interaktive Führung mit einem kleinen Video startete. Das rock’n’popmuseum ist so aufgebaut, dass auf einem Rundgang verschiedene Themeninseln zur Geschichte der Musik aufgebaut sind. Die Musik aus den benachbarten Niederlanden wurde aufgrund der Nähe in die hauptsächliche Thematik Deutsche Musik mit einbezogen. Diese Themeninseln beziehen sich inhaltlich auf Begriffe wie Live on Stage, Rebellion in der Musik oder Performance. Da sind dann Instrumente, Memorabilia, Plakate oder persönliche Gegenstände von Musikern zu sehen. Vor jeder Themeninsel sind einzelne oder mehrere Lichtsterne am Boden zu sehen. Wenn man mit seinem Interface an einer der Markierungen steht, bekommt man eine Erklärung des Visuellen akustisch als Erklärung direkt ins Ohr. Auch Musik, die zum jeweiligen Thema passt, erschallt in den Kopfhörern. Es gibt viel Neues zu sehen und für jeden Geschmack was zu entdecken. Gegen Ende der Tour empfing uns Dirk kurz vor dem Ausgang, und führte uns persönlich ins Untergeschoss, wo das originale Inner Space Studio so gut es die Räumlichkeiten zulassen wieder aufgebaut wurde. Durch eine Neugestaltung des Untergeschosses ist dort mit dem Musikclub Turbine eine neue kultige Location mit Platz für circa 300 Gäste entstanden. Hier gibt es Livemusik – aber auch Wechselausstellungen, DJ-Events, Lesungen und spartenübergreifende Kulturveranstaltungen. Hinter der Turbine befindet sich ein unscheinbarer Kellerraum, in dem sich nun das Inner Space Studio befindet. Leider sind sich die Verantwortlichen des Museums der musikhistorischen Bedeutung des ehemaligen Can Studios anscheinend nicht bewusst. Das ehemalige Inventar wurde relativ lieblos einigermaßen passend in den Raum gestellt, so dass der Platz halt gefüllt wurde. Normalerweise ist das Studio mit einem Absperrgurt abgetrennt und die Besucher dürfen von außen aus ins Studio reinschauen.

Da von den Besuchern her aktuell sehr wenig los war, nahmen sich Dirk und Jana Zeit, das Sperrband weg zu nehmen, um uns mitten hinein ins heilige Reich meiner Musik-Heroen zu führen. Wir durften uns alles sehr ausführlich anschauen. Ich persönlich fühlte mich wie im Himmel. Zu wissen, dass an genau diesen Geräten die Musiker zu Gange waren, deren Platten sich allesamt in meiner Sammlung befinden, ließ mir ein ums andere Mal eine Gänsehaut wachsen. Ich konnte mich fast nicht satt sehen an den altmodischen Geräten, dem Equipment, an dem Rene Tinner den Sound fabrizierte, dem ich seit Jahren verfallen bin.

Nach dem Inner Space war als letztes noch ein kleiner Teil im Obergeschoss an der Reihe. Dort fanden Dirk und meine Wenigkeit noch die Zeit, um ein wenig über Musik, Szene, Autos und alles mögliche zu plaudern. Er erzählte mir, dass er ganz in der Nähe in einer alten umgebauten Tankstelle wohnt, und dort selber eine Veranstaltung aufgezogen hat, die in loser Reihenfolge Sofa-Talks, Konzerte und mehr für den guten Zweck bietet. Alles auf non-kommerzieller Basis aufgezogen, kommen sehr viele kleine Bands zu ihm in die Tankstelle, erzählen auf der Couch was bei ihnen abgeht und/oder spielen live vor ein paar Leuten. Es wird keine Gage bezahlt, die Leute bringen Getränke selber mit und alle sind happy um des Events willen.
Diese Veranstaltungen nennt sich Mucke sprengt soziale Grenzen und ist es mehr als wert, erwähnt zu werden und immer größer zu werden. Teilweise werden die Konzerte auch live gestreamt. Einfach nur um kleinen Bands und ihrer Musik die Chance zu geben, gehört zu werden und vielleicht mal groß raus zu kommen. Im Sommer sind Dirk und seine Frau mit ihrem roten Sofa auch auf diversen Festivals vertreten und plaudern direkt vor Ort.
Zum Abschluss brachte uns Dirk noch zum Aufzug, und wir konnten von außen einen kleinen Blick auf eine Baustelle werfen, in der damals noch eine neue Sonderausstellung aufgebaut wurde, in der die originale Suite von Udo Lindenberg aus dem Hotel Atlantic gezeigt wird. Es entsteht das originale Hotelzimmer aus Hamburg, sein Rückzugsort, sein kreatives Labor und die legendäre Zentrale seiner Panikfamilie. In Hamburg abmontiert, und hier wieder aufgebaut.

Als wir beschlossen hatten, unseren Aufenthalt im Westen der Republik um einen Tag zu verlängern, hab ich mich mit einem Kumpel aus Essen kurzgeschlossen, um am nächsten Tag gemeinsam Essen zu gehen. In dem Lokal waren wir schon mal, und ein Besuch ist aller Ehren wert. Das arabische Lokal nennt sich Karawane, und ist in der Rellinghauserstraße 157 in Essen zu finden. Besonders die kleinen Schälchen mit zig verschiedenen Dips sind neben dem selbstgemachten Minztee sensationell. Mit dem Besuch bei meinem Kumpel und Familie ging ein schönes langes Wochenende zu Ende und am Sonntag fuhren wir entspannt wieder zurück in die Heimat.

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