Flashback 50: Frank Zappa – Zoot Allures – Oktober 1976


Es gibt Frank-Zappa-Alben, die wirken wie ein musikalischer Irrgarten: vollgestopft mit komplizierten Arrangements, absurden Dialogen, Wendungen, Orchestereinlagen und musikalischen Geniestreichen, schwer zu verstehen. Und dann gibt es Zoot Allures.

Das 1976 erschienene Album ist auf den ersten Blick reduziert. Weniger Big Band, weniger orchestraler Größenwahn, dafür mehr Gitarre, Bass, Schlagzeug und eine ausgesprochen dunkle, manchmal schmierige Rockatmosphäre. Zappa klingt hier konzentrierter, härter und stellenweise sogar erstaunlich direkt. Gleichzeitig ist Zoot Allures ein Album, das seine Entstehungsgeschichte förmlich mitliefert: Es entstand in einer Phase großer Umbrüche in Zappas Leben und Karriere.

Die Jahre zuvor waren für Zappa ausgesprochen produktiv gewesen. Mit Over-Nite Sensation, Apostrophe (’), Roxy & Elsewhere, One Size Fits All und Bongo Fury hatte er zuletzt eine Reihe höchst unterschiedlicher, aber erfolgreicher Alben veröffentlicht. Anfang 1976 befand er sich nach einer ausgedehnten Tournee an einem Scheideweg.
Die Zusammenarbeit mit seinem langjährigen Manager Herb Cohen zerbrach. Der Streit eskalierte zu einem juristischen Konflikt, der auch Zappas Plattenverträge und die Kontrolle über sein bereits aufgenommenes Material betraf. Zappa ging schließlich mit Zoot Allures zu Warner Bros. und veröffentlichte das Album dort – es blieb seine einzige Veröffentlichung für dieses Label.

Auch musikalisch begann damit eine neue Phase. Die bisherige Band löste sich auf; die Ära der „Mothers“ ging ihrem Ende entgegen. Zoot Allures ist insofern ein Übergangsalbum: Die meisten Songs wurden fast im Alleingang von Frank Zappa eingespielt. Fixpunkt seiner Mitmusiker ist Schlagzeuger Terry Bozzio. Auf einigen Tracks ist sein alter Kumpel aus den Anfangszeiten der Mothers, Roy Estrada an Bass oder den Backing Vocals zu hören. Estrada hatte die Mothers of Invention mitgegründet, dann 1970 verlassen, um mit Lowell George die Band Little Feet aus der Taufe zu heben. Anschliessend spielte er in der Band von Captain Beefheart. Der Captain himself, Don Van Vliet, spielt die Harmonica auf „Find Her Finer“. Mit Napoleon Murphy Brock, Ruth Underwood, Sparkie Parker von den GTO’s, Andre Lewis und Lu Ann Neil finden sich einige Namen auf dem Album wieder, die bereits vorher oder nachher immer wieder auf Zappa Platten zu lesen sind. Gleichzeitig deutet vieles bereits auf den Frank Zappa hin, der in den kommenden Jahren stärker als Gitarrist, Bandleader und Produzent im Mittelpunkt stehen sollte.

Ursprünglich war sogar ein Doppelalbum geplant. Zappa hatte deutlich mehr Material zur Verfügung, darunter später auf Sleep Dirt veröffentlichte Stücke wie „The Ocean Is the Ultimate Solution“ und „Filthy Habits“. Am Ende wurde daraus eine wesentlich kompaktere Neun-Track-LP, was dem Album nicht schadet. Aufgenommen wurde in den Record Plant Studios in Los Angeles.

„Wind Up Workin‘ in a Gas Station” ist die erste Nummer auf dem Album. Rockig mit einem eingängigen Riff, dass ins Ohr geht und dort bleibt. Ein bisschen 60er Jahre Flair kommt auf, wird dann durch eine kreischende E-Gitarre zerstört. Wie so manche Existenz, die zeigt, dass die gute Ausbildung nicht reicht, um nicht doch hinter der Kasse an der nächsten Tanke zu enden. Durch die hohe und teilweise krächzende Stimme, kann man sich auch gut in die Anfangsszene eines typischen Horrorfilms hineinfühlen. Der Leadgesang wurde hier von Davey Moire übernommen, Zappa’s Mann am Mischpult.
„Black Napkins“ ist so ganz anders gestrickt. Die Gitarre beginnt schwer zu erzählen. Gefolgt von leichten Fingern, die über die Saiten fliegen. Den Song muss man hören und wirken lassen. Instrumental zeigt er, wie gut Zappa an der Gitarre gewesen ist. Die Aufnahme stammt von einem Konzert in Osaka 1976.
„The Torture never stops“. Fast zehn Minuten lang. Ob der Song selbst bereits die Tortur ist, die nicht aufhört? Aber nein. Die Instrumente bleiben recht bedeckt, Bass, Gitarre, jeder bricht mal für zwei, drei Noten aus, aber im Grunde untermalen sie nur die düstere Stimmung. Dazu Zappas etwas hypnotische Stimme, die bedrohlich wirkt. Hinzu kommen an manchen Stellen Soundeffekte, die an Schreie erinnern und echte Schreie, hysterisches Lachen. Wir sind wieder im Horrorfilm, vielleicht im einsamen Blair Witch Project Wald, wenn der Wahnsinn des Nachts um sich greift. Kann einem an die Substanz gehen. Im Drogenrausch kein Sound, den man hören sollte – während einer Psychose irgendwie auch nicht.
„Ms. Pinky“ beginnt mit einem Quieken und geht dann in einen stampfenden Rhythmus über. Ms. Pinky ist eine Sexpuppe und hier lohnt es sich, den Text zu googlen. Während dieser nämlich immer abgedrehter wird, bleibt die Melodie entspannt. Wem kommt hier auch sofort Tim Burton in den Sinn? Genau. Nightmare before Christmas.

„Find her finer“, der Opener der zweiten Seite ist ruhiger, musikalisch irgendwie gesellschaftsfähiger und wäre ein ganz angenehmer, leichter Song, wenn man den Text ein bisschen außer Acht lässt. Es geht wieder um Sex, ohne oder mit Drugs. Groovig, chillig schwebt die Melodie dahin. Kann man auch gut nebenbei bei einem Bierchen mit Freunden laufen lassen.
„Friendly little Finger“ Xylophone mit orientalischen Klängen, Gitarre und Schlagzeug vermischt. Irgendwas schreit heraus, wird dann wieder still, macht Platz für einen anderen Aspekt. Xenochronie nennt sich der Stil. Man würfelt verschiedene Aufnahmen zusammen, die eigentlich gar nichts miteinander zu tun haben. Das kann total genial sein, das kann einen total irre machen. Vorsicht: Neurodivergente Menschen könnten hier ausrasten, weil sie durch die Elemente restlos überfordert werden. Der Mix, den man in seine Einzelteile zerlegen möchte, Hintergrundgeräusche, Vordergrundmelodie, alles zusammen gemixt …
„Wonderful Wino“ hat eine schwere Gitarre und dunklen Gesang. Wieder ganz anders. Und sogar ein alter Song, der es hier überarbeitet auf den Longplayer geschafft hat. Es geht um einen Säufer und da ist diese bluesige Note gar nicht so verkehrt. Das Dunkle, Zerstörerische, Traurige, Schwere, das mitschwingt.
„Zoot Allures“, der Titelsong, kommt im instrumentalen Gewand daher. Die Gitarre steht im Vordergrund, tanzt, hüpft, erzählt und lässt sich sphärisch in die Länge ziehen. Muss man wirken lassen. Passt auch zum Glas Whisky nach einem harten Tag.

„Disco Boy“ wird geradezu funkig, wabert vor sich hin und zieht gefühlt von Kneipe zu Club. Thematisch geht es hier um die Popkultur, die von Zappa etwas kritisch-belustig betrachtet wird. Man kann aber auch den Text weglassen und einfach nur die Musik genießen.

Zoot Allures ist eine Zäsur in Zappas Schaffen. Die Mothers-Ära war damit vorüber und der Künstler selbst entwickelte sich wieder weiter, schlug andere, intensivere Richtungen ein.  Zum Kennenlernen nicht die schlechteste Wahl, denn Zappa zeigt auf dem Album derart viele Facetten von sich, dass man einen guten Eindruck aus Altem und Neuen bekommt. Wo kommt er her, wo geht er hin, was sind seine Stärken, die ihn von anderen Künstlern deutlich abheben und ihn zu der Legende machen, zu der heute so viele aufschauen.

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Frank Zappa – Zoot Allures


A1 – Wind Up Workin‘ in a Gas Station
A2 – Black Napkins
A3 – The Torture never stops
A4 – Ms. Pinky
B1 – Find her finer
B2 – Friendly little Finger
B3 – Wonderful Wino
B4 – Zoot Allures
B5 – Disco Boy

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