Dark Munich Festival – Tag 1 – 30.04.2015


Noch ist die Garage recht leer. Es ist schließlich Donnerstag und nicht viele haben sich den Nachmittag freigenommen, um das DMF 2015 von Anfang an mitzuerleben. Ich habe ROX verpasst und widme mich daher gleich Electronic Frequency. Die Electronic und Experimental Härte aus Brandenburg legt überraschend ruhig los. Das ändert sich jedoch schnell und langsam erwachen die ersten Tänzer im noch spärlichen Publikum. Verzerrte Synths erfüllen die Garage, es wird schneller und lauter. Harte Snares lassen auch schnell ein paar Stampfer auftreten, die allerdings immer wieder durch die ruhigeren Parts in den einzelnen Songs zum Stillstand kommen. Ein guter Start für das DMF, aber da geht noch mehr. EF ist keine Band, die mir sofort im Ohr bleibt, da mir das markante Erkennungsmerkmal fehlt.

Im Gegensatz zu Kyra wollte ich wenigstens noch schnell ROX auf´s Bild bannen, wenn wir sie schon aus zeitlichen Gründen nicht anhören können. Also schnell in die Theaterfabrik gehuscht und aus dem Hintergrund zwei Bilder geschossen. Vom Sound hab ich in der Hektik des Zuspätkommens leider so gut wie nichts mitgekriegt.

Nebenan in der Garage haben anschließend Electronic Frequency ihren Auftritt. Die deutschen Elektroniker brauchen nichts weiter als Laptop, Synthie und E-Drum, um den kleinen Club in einen Hexenkessel zu verwandeln. Noch hat man aufgrund der frühen Zeit keine Probleme mit zu wenig Platz.

In der Theaterfabrik geht es weiter mit Rabia Sorda, dem Nebenprojekt von Hocico-Fronter Erk Aicrag. Natürlich haben die Mexikaner einige Fans am Start, die für Stimmung sorgen und das Gefühl vermitteln, die Halle wäre bis zum letzten Platz gefüllt. Die Formation legt sofort gut los mit schnellem Electrosound und einem Erk, der die ganze Bühne einnimmt. Er besticht durch Bühnenpräsenz und eine Show, die vermittelt, wie viel Spaß er daran hat, dort oben zu stehen. Bei dem Sound ist es schwer, nicht zumindest mitzuwippen und sich den schnellen Rhythmen hinzugeben. Das Publikum weiß die Musik zu schätzen und quittiert den Auftritt mit großem Jubel. Viele freuen sich auch auf den Auftritt von Hocico, die als Headliner für Freitag angekündigt sind.

Von den zwei Bands aus Mexico, die mit ziemlicher Sicherheit die weiteste Anreise zum DMF haben, sind heute als erste Rabia Sorda dran. Etwas verwunderlich angesichts der frühen Startzeit, kann Fronter Erk Aicrag mit seinem Electro-Powersound auf ganzer Linie vom ersten Ton an überzeugen. Die meisten der frühen Donnerstagsbesucher in der gut halb gefüllten Theaterfabrik sind am Abhotten, was angesichts der Bühnen-Sportdarbietung von Erk in Vorbildfunktion auch keinen verwundert. Das macht Laune trotz des noch frühen Nachmittags. Was wäre erst los gewesen, wenn der am Abend gespielt hätte?

Der nächste Act kommt aus Oslo und überzeugt vor allem durch Nebel. Zeitweise kann man Substaat kaum sehen. Doch es soll ja ohnehin nur um die Musik gehen. Doch auch hier gibt es Kritikpunkte: Der Gesang kommt nicht so perfekt an, wie er es eigentlich sollte. Vielleicht liegt es an meinem Standort, vielleicht sind es technische Kleinigkeiten, jedenfalls fällt es mir negativ auf. Die Garage füllt sich trotzdem langsam und es dröhnen einige schnelle Beats durch den engen Raum, die dem Electronic-Genre alle Ehre machen. 

Die Norweger von Substaat gehen das Ganze ziemlich verhalten an. Die Garage ist mittlerweile auch gut halb voll, zwei Keyboards bringen elektrische Beats unter´s Volk … aber irgendwie kommt noch keine so rechte Stimmung auf. Etwas mau nach dem Powerauftritt der Mexikaner vorhin.

Mit EBM-Größe Leaether Strip geht es weiter. Die Dänen sorgen in der Theaterfabrik für sehr gute Laune und ziehen reichlich Publikum an. Uns ist es allerdings zu viel.

Leaether Strip sparen wir uns, weil irgendwann muss der Mensch ja etwas feste Nahrung zu sich nehmen und das Programm danach lässt und dazu sehr wenig Zeit. In der TF ist jetzt schon gut was los.

Nun wird es brechend voll in der Garage. Keine Maus hat vor der dreieckigen Bühne mehr Platz, als die deutsche EBM-Härte Prager Handgriff auftritt. Mit dem gewohnt ruhigen deutschen Gesang legen sie gut los und bringen das Publikum zum Tanzen und Jubeln. Das Duo hat ordentlich Power, nimmt die kleine Bühne voll ein und bringt brachial seinen Sound hervor. Sänger Stefan Schäfer nimmt das Publikum voll wahr, sucht Augenkontakt, spricht auch hin und wieder einzelne an. Ein besonderes Highlight ist der Auftritt von Discjockey-Legende DJ Rauschi, der bei „Deutschland“ mit Prager Handgriff performt und mächtig Applaus dafür erntet. Viel zu schnell sind vierzig Minuten vergangen und alles drängt nach draußen an die frische Luft. 

Der anschließende Act Prager Handgriff war eine der Bands, auf die ich mich schon im Vorhinein freute. Die deutschen Beats sind zu mehreren in meiner Musiksammlung vorhanden und Rampensau Stefan Schäfer legt auch gleich los wie die Feuerwehr. Wie ein losgelassener Tiger nutzt er den spärlichen Platz auf der kleinen Bühne in voller Breite. Die Garage ist voll und der Sound fährt allen in Beine und Gehirn. So muss das sein und das gefällt.

Mit der Psychobilly-Formation Demented Are Go! geht es weiter. Zu Beginn ist die Halle leider noch sehr leer, was sich aber nach den ersten Liedern schnell ändert. Das auffällige Bühnenoutfit ist mehr als ansehnlich – etwas, womit man gar nicht rechnet auf einem Festival wie dem DMF, wo sich doch alles nur um Electro zu drehen scheint. DAG können weder leise noch langsam oder gar zärtlich. Die Formation rockt drauf los und brilliert mit einer guten Show, die jedem Bandmitglied Raum gibt, um sich zu präsentieren. Diverse Soloparts bringen auch die Instrumente in den Vordergrund. Der Kontrabass wird als Slap-Bass malträtiert. Mit einer rauchigen Stimme schmettert Sänger Mark Philips seine Texte ins Mikro und zieht jegliche Aufmerksamkeit zur Bühne. Überall sieht man die Besucher tanzen und mitklatschen, der Jubel ist groß und es scheint, als wäre hier das erste Highlight des Tages gefunden. Der krasse Kontrast zu den bisherigen Electronic-Klängen sticht heraus und findet großen Anklang.

Demented Are Go! aus England waren für mich gleich das zweite Highlight, auf die ich gespannt war. Im Vorfeld hab ich lediglich zwei oder drei Musikvideos auf Youtube angeschaut, um mir ein Bild von der Psychobilly-Legende aus good old Britain zu machen. Psychobilly auf einem schwarzen Festival? Passt das denn überhaupt? Und wie! Gegründet bereits Anfang der Achziger von Mark „Sparky“ Philips wussten die Briten mich von Anfang an zu überzeugen. Sägende E-Gitarre, ein solides Drumwerk im Hintergrund, der geslapte Bass und die schneidende Stimme von Sparky. Das alles zusammengemischt jagte fast jedem Gast zuckende Stromstösse durch sämtliche Nervenbahnen. Die beste Band bisher.

Als Terrorfrequenz die Garage entern, dringt lautstarker Jubel nach draußen, kurz darauf folgen krasse, schnelle Beats, die es dem tanzwilligen Volk schwer machen, sich weitgehend ruhig zu verhalten. Die Garage ist so voll, dass ich nicht einmal mehr reingehe und von der Band auch nichts weiter mitbekomme als das, was nach draußen dringt.

Mittlerweile ist die Garage zum Bersten gefüllt und Terrorfrequenz machen ihrem Namen alle Ehre. Da langt ein Keyboarder, der mit Samples aus dem Laptop jongliert, um Fronter Andreas Göckeritz den nötigen Raum zu schaffen. Wie immer flankiert von zwei Hüpfdohlen, die eine Zwangsjackenshow abziehen. Hellectro-Sound zieht fast immer und auch hier verfehlt das Ganze seine Wirkung nicht. Das Publikum geht mit, aber ich muss raus an die Luft. Mir ist’s zu voll.

Es gab eine Zeit, da habe ich viel L’Ame Immortelle gehört und fühlte mich in den Texten und der Musik aufgehoben. Umso erfreuter war ich natürlich, die Band endlich einmal live erleben zu können. Der Auftritt beginnt schon mal mit einer ziemlich dunklen Bühne. Es ist schön, dass Sängerin Sonja Kraushofer anwesend ist – das ist auch nicht zu überhören -, nur wäre es ganz nett, wenn man sie auch sehen würde. Meist steht sie zwar im vorderen Bereich der Bühne, was sich für eine Sängerin anbietet, leider aber außerhalb der Scheinwerfer. Die ersten Lieder sind gleich eine Enttäuschung, obwohl es sich sogar um zwei Songs handelt, von denen ich früher nicht genug bekommen konnte. Die Stimme ist grell und manche Parts sind eher ein Kreischen als Gesang. Zwischendurch drängt Thomas Rainer nach vorne und brüllt mit fast schon aggressiver Stimme ins Mikro. L’Ame Immortelle können mich an diesem Abend gar nicht überzeugen. Die Power der Texte gehen in der Geräuschkulisse der gekreischten Songs leider unter. Den Besuchern gefällt es teilweise trotzdem. Natürlich sind die Fans da und die Österreicher sprechen mit ihrer Musik doch ein ziemlich breites Publikum an.

L’Ame Immortelle aus Österreich hab ich auch in meiner Sammlung und wollte sie jetzt auch mal live sehen. Aber wie Kyra schon treffend beschrieben hat, machte mich die Show der Nachbarländler so gut wie gar nicht an. Sonja Kraushofer meistens im Dunkel der vorne etwas unterbeleuchteten Bühne, Thomas Rainer meistens am Schreien und der Sound nicht gerade der beste … meistens jedenfalls. Mehr als die drei Songs im Fotograben tu ich mir nicht an, aber immerhin haben sie „Bitterkeit“ gleich anfangs gespielt und die Herzen der kleinen Gothic-Mädchen in der vollen Halle sind glücklich und beseelt.

Miss Construction sparen wir uns. Nicht aus Faulheit, sondern weil es einfach zu voll ist, obwohl es bis zum Start noch einige Zeit dauert. 

Alles gesagt … Miss Construction fiel für uns aufgrund Platzmangels in der übervollen Garage aus.

Dafür sind wir umso mehr auf den Headliner des ersten Tages gespannt. Man hatte bereits einige Steampunker mit tollen Outfits und vielen liebevollen Details an Schuhen, Hüten und Brillen gesehen. Wenn Abney Park rufen, dann kommen die Fans auch. Während der Wartezeit hört man viel Positives über die Band und der Aufbau auf der Bühne lässt bereits vermuten, dass es sich nicht um eine 08/15-Formation handelt, sondern dass die US-Amerikaner das leben, was sie darstellen wollen. Die Instrumente sind angepasst und dekorative Details sorgen für das gewisse Etwas und erzeugen eine entsprechende Atmosphäre. Mit fünfminütiger Verspätung geht’s los. Die Songs haben Power und ziehen mit. Leichte Melodien, die schnell ins Ohr gehen und auch hängen bleiben, gerne mal hüpfend, animieren zum Mittanzen. Die Besucher bewegen sich auch dankbar zu den Klängen und jubeln nach jedem Songs lautstark. Mit Bass, Keyboard, gerne auch mal mit Harmonica und Ukulele rocken die Steampunker über die Bühne und sind eindeutig das zweite Highlight des Abends. Die seit 1997 bestehende Band ist immer noch frei und ohne Label, was ihr nicht geschadet hat. Erfolg hat das Quintett trotzdem, weil sie gute Musik machen, sich nicht verstellen und auf eine erfrischende Art ehrlich rüberkommen. Die Rhythmen ziehen mit und wenn man auf die Texte achtet, kann man auch den ein oder anderen tiefgründigen Gedanken erkennen. Eine Stunde lang bringen Abney Park die Theaterfabrik zum Kochen. Das Kontrastprogramm am ersten Tag ist der eindeutige Gewinner gegenüber der Überzahl an Electronic-Bands.

Ich muss gestehen, dass ich bis zu diesem Donnerstag noch absolut nichts von Abney Park um Gründer Robert Brown aus Seattle gehört hatte. Aber sie gelten (zu recht) als die Steampunk-Band schlechthin. Schon den ganzen Tag über konnte man teilweise sehr aufwendig gebastelte Outfits sehen, die eher in den Romanen von Jules Verne zu vermuten gewesen wären. Eigentlich für´s schwarze Volk zu wenig Gothic machten sie die Theaterfabrik aber trotzdem fast komplett voll. Kein Electro-Utz-Utz, sondern handgemachte Musik klang da aus den Boxen der PA. Elektrische Mandoline, eine arabische Darabuka, Ziehharmonika in Verbindung mit den üblichen Gitarre und Bass … das machte Spaß und klang gut. Darkwave-Rock meets Weltmusik … sehr genial. Die Drumbeats kamen aus dem Keyboard der einzigen Frau in der Band, Kristina Erickson, die aber in erster Linie durch ihr mehr als offenherziges, bestens gefülltes Dekolletée zu überzeugen wusste. Für mich ein Geheimtipp, der sich mehr als gelohnt hat. Die beiden unschwärzesten Bands des ersten Tages waren für mich die Gewinner.

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