Buch: Wolfgang Wegner – Al Capone von der Pfalz. Bernhard Kimmel


Bernhard Kimmel macht sich zum Anführer einer Bande, die in den 1950er Jahren für diverse Einbrüche und Diebstähle verantwortlich ist. Das Geld können er und seine Freunde gut gebrauchen. Aber er will höher hinaus und bald schon ist ihm das Aufschweißen der Tresore zu mühsam und langwierig. Sprengen will er und bereitet einen Coup nach dem anderen vor. Doch dann wird in einer Bierlaune in der Silvesternacht ein Mann erschossen und Kimmel muss fliehen…

Wolfgang Wegner hat sich mit der Lebensgeschichte von Bernhard Kimmel ausführlich befasst. Dieser lebt aktuell noch, nachdem er eine weitere Haftstrafe verbüßen musste. Mit viel Wissen und einem flüssigen Erzählstil wird das Vorgehen Kimmels beschrieben. Das Buch beginnt in den Kindertagen, den letzten Wirren des Krieges, dem ersten – wenn auch nicht selbst geplanten – Bruch. In der Nachkriegszeit ist das Geld knapp, die Löhne niedrig, die Arbeit hart. Fast schon erscheint es als ein logischer Schritt, dass Kimmel, der immer der Anführer sein wollte, eine Gruppe um sich scharrt und zunächst mit einfachen Diebstählen beginnt. Dabei führt er die Polizei ganz schön an der Nase herum. Man mag manchmal über Wahrheit und Fiktion nachdenken, schließlich ist es keine komplette Biografie, die hier vorliegt, aber das meiste ist wirklich so passiert. Da ist auch ein Tresor auf einem Feld gegenüber der Polizeiwache eher eine amüsante Anekdote, als ein Auswuchs Wegnerscher Kreativität.

Zuweilen fragt man sich während der Lektüre, warum man das Buch nicht aus der Hand legen kann, denn eigentlich passiert über weite Strecken hinweg nicht viel. Es gibt die obligatorischen Gespräche innerhalb der Bande, was als nächstes geschehen soll, Liebe, Streit, Verstecke, Geheimnisse und noch mehr Pläne. Aber es gibt nicht das Highlight, das den Spannungsbogen klassisch aufbauen und halten würde. Dennoch fällt es schwer, mit dem Lesen aufzuhören. Ein echter Pageturner ist die Geschichte über die Kimmel-Bande geworden. Das mag auch daran liegen, dass man sich fragt, ob Kimmel wirklich den Gebrüdern Sass nacheifern und sprengen wird (Anm. d. Red.: Über die Gebrüder Sass ist im Gmeiner Verlag ebenfalls in der Reihe Wahre Verbrechen ein Buch erschienen mit dem Titel Die Brüder Sass – Geliebte Ganoven von Horst (-ky) Bosetzky.). Außerdem weiß man vom Klappentext, dass Kimmel einen Menschen erschossen hat und da er doch eher friedfertig dargestellt wird, fragt man sich, wie es denn dazu kommen mag.

Wegner beschreibt die Flucht von Kimmel und seiner Freundin eingehend, die Suche, die Hoffnungslosigkeit, Kälte und Hunger. Der Leser wird in das Geschehen hineingeführt, als wäre er selbst Teil der Erlebnisse und würde jeden Bruch, jedes Gespräch, jeden Sprengversuch mitmachen. Kimmel wird dabei nicht glorifiziert, er wird auch nicht als unschuldig Verurteilter dargestellt, man kann aber seine Gedanken und Schritte nachvollziehen und erhält Einblick sowohl in Kimmel selbst, als auch in den Ermittlerkreis.

Ein lesenswertes Buch, besser als jeder fiktive Krimi, spannend bis zur letzten Seite.

5/5

Wolfgang Wegner – Al Capone von der Pfalz. Bernhard Kimmel
Gmeiner Verlag, 2017
282 Seiten
Taschenbuch: 12,99 €

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