Buch: Bela B Felsenheimer – Scharnow


In Scharnow möchte man nicht mal tot überm Zaun hängen. Hier ist nichts los, ein verschlafenes Kaff am Rande von Berlin, ohne Ausblick, ohne Hoffnung. Aber genau hier warten sie, um einen Anschlag zu verüben und Weltmächte zu stürzen. Genau hier findet der Kampf um die Zukunft statt!

Muss das sein? Ein Musiker, der Bücher schreibt? Es ist nicht ganz ungewöhnlich und ein bisschen hat man drauf gewartet, dass Bela B Felsenheimer nun auch einen Roman schreibt. Nach dem Start als Drummer der selbsternannten besten Band der Welt und der Schauspielkarriere (zuletzt als Medium in der Serie M – eine Stadt sucht ihrenMörder), ging’s gerne auch mal solo musikalisch weiter, mit Abstechern ins Comicgenre – als Zeichner und Verleger – und irgendwie ist das alles nicht genug. Bela B findet einfach keine Ruhe und macht das, was ihm Spaß macht – und der Welt gefällt’s. Natürlich könnte man sagen,  dass Fans ohnehin alles gefällt, was ihre Idole machen, aber Bela spricht mittlerweile so viele verschiedene Fans und Wohlgesinnte an, dass man das nicht mehr so einfach abtun kann. Der Punker mit der grünen Strähne und den vielen Tattoos ist mittlerweile älter geworden, um einiges weiser, ein bisschen ruhiger in mancher Hinsicht und aus dem Schatten von Die Ärzte lange herausgetreten.

Wie man sein Romandebüt zu bewerten hat, ist gar nicht so einfach. Schlägt und googlet man ein bisschen nach, sind alle natürlich voll des Lobes und die Vorschusslorbeeren ließen die ersten Auflagen des Buches schneller über die Ladentische gehen, als Tickets seiner Band. Mit einer Zeichnung von Scharnow, die der Autor selbst angefertigt hat, bekommt man den ersten Eindruck des Buches und einen Überblick über die geographischen Gegebenheiten. Es folgt eine Vorstellung der Handelnden, wie man das aus Theaterstücken kennt, was hin und wieder ganz nützlich ist im Verlauf der Lektüre. Dann geht es los. Liebe und Verschwörungstheoretiker, Ausländer und Rocker, lichtscheues Gesindel, Arbeitslose, Scheinnazis – man findet alles, was man nicht sucht, irgendwo auch eine Story. Tatsächlich ist alles auf Scharnow konzentriert, bricht nur selten aus, blickt ab und zu mal in eine Vergangenheit, als alles noch ein bisschen anders war und seinen Anfang genommen hat, oder auch einfach nur weiterging.

Man wartet während man liest. Ein bisschen ungeduldig, neugierig, ein bisschen angeödet. Was will denn der Autor damit sagen, verflixt? Gibt es einen tieferen Sinn? Steckt da eine Botschaft, die man erst noch zu entschlüsseln hat? Nö. Aber eine ganz passable Sprache hat sich Bela zu eigen gemacht, das muss man ihm lassen, sprachlich ist das Buch gut und liest sich dadurch auch ziemlich schnell. Nur leider bleibt es hinter den Erwartungen ganz weit zurück. Es fehlen die wirklichen Höhepunkte, manche Zusammenhänge wirken arg gekünstelt, es fehlt der Sinn der Buches. Eine lustige Geschichte, wirre Protagonisten, Klischees und natürlich ganz viel politische Meinung werden vereint und durch gute PR und die Bekanntheit des Autors gut verkauft, aber ein Lesegenuss ist es nicht. Nicht Fisch, nicht Fleisch, keine wirkliche Satire, kein astreiner Heimatroman, wie so oft betitelt, und auch nicht die augenscheinlich erwartete biografische Erzählung. Das Buch passt zu seinem Autor, hat die piefige Spießigkeit einer vergangenen Berliner Jugend eingefangen und mit hilflosen Fantasieelementen ins Bett geschickt, um comicähnliche Träume zu durchwandern. Das mag den Fans gefallen und mal anders sein als das, was der Markt so her gibt. Nur mitziehen kann es nicht jeden.

2/5

Bela B Felsenheimer – Scharnow
Heyne Hardcore, 2019
416 Seiten
Hardcover: 20 €
eBook: 15,99 €

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