Live: Rammstein – München, Olympiastadion, 08.06.2019


Rammstein – Es gibt wohl keine deutsche Band, die mehr polarisiert, über die mehr kontrovers diskutiert wird als das Sextett aus Berlin. Man denke nur an die 17 Sekunden aus dem „Deutschland“-Video noch vor der Veröffentlichung der Single. Kein Ton war da zu hören, aber angesichts der paar gezeigten Szenen mit der KZ Vergangenheit, war der weltweite Aufschrei groß.

Ich habe Rammstein schon einige Male live gesehen, aber noch nie Open Air. Ich war also mehr als gespannt, was mich da an Show erwartete. Das Münchner Olympiastadion war so wie die komplette Tour ja innerhalb von ein paar Stunden komplett ausverkauft und um den Schwarzhändlern einen Riegel vorzuschieben wurden alle Tickets personalisiert … inklusive Ausweiskontrolle an den Eingängen. Da wir Arenakarten besaßen und nicht vor hatten, ganz vorne zu stehen, ließen wir uns Zeit mit der Anreise. Bei Ankunft war kein großer Andrang mehr an den Kontrollstellen und wir kamen schnell hinein. Der Abgang in die Arena aber gestaltete sich als relativ chaotisch. Die Securitys waren heillos überfordert mit der Fehlplanung, wie man die Massen leitete. Warum wurden Ausgang und Eingang trotz fest montierter Beschilderung vertauscht? Beides liegt nur ein paar Meter weiter auseinander, aber wenn ich ein Schild „Eingang“ sehe, erwarte ich nicht, dass das ausgerechnet der Ausgang sein soll und umgekehrt. Was soll der Scheiß? Die Firma Munich Security sollte mal besser ihre Hausaufgaben machen.

In der Arena unten war weiter hinten schön Platz ohne großes Gedränge. Die Bühne war ziemlich kompakt trotz ihrer Größe, oben offen und hatte mittig ein hohes Konstrukt wie ein seltsam geformter Schornstein oder ein abstrakter Kirchturm. In der Arena verteilt waren vier ca. 15 Meter hohe Stahlmasten mit angehängten Boxen. Als Support hatten Rammstein das Duo Jatekok angegeben. Vier Hände an zwei Pianos. Die beiden Französinnen Adélaïde Panaget & Naïri Badal hatten sich 2007 als Duo Jatekok formiert und brachten mit Pianoklängen aus Rammsteins KLAVIER-Album einen erfrischenden Kontrapunkt zum harten Rammstein-Sound  auf die Bühne.  Einige waren davon aber sichtlich nicht so begeistert. Ich persönlich fand das klasse. Bekannte Melodien des Hauptacts filigran und abgewandelt zu hören als Einspielung auf die große Sause, und nicht irgendeine x-beliebige Supportband, die musikalisch gegen Rammstein eh nur den Kürzeren ziehen konnte. Meines Erachtens eine gute Idee und die beiden Mädels bekamen mehr als nur Achtungsapplaus dafür. Das Ganze spielte sich auf einer kleinen Nebenbühne am linken Rand der Arena ab. 

Die Sonne ging langsam unter, als die Intromusik aus den Boxen dröhnte und zu den gewaltigen Schlagzeug-Klängen von „Was ich liebe“ wurde als erster Song das neue Album bedient. Das ganze Stadion stand gleich Kopf. Die Stimmung war von Anfang an gut und schnappte sogar über als mit „Links 2-3-4“ ein bekannter Kracher dem Auftakt folgte. „Tattoo“, „Sehnsucht“, „Zeig dich“, „Mein Herz brennt“, „Puppe“ … in schöner Abwechslung von alten und neuen Songs aus dem selbstbetitelten Rammstein-Album stellte die Band ihr neuestes Werk live vor. Die Stimmung sank bei den neuen Songs nicht einen Mucks ab, zu gut passten die Tracks ins Gefüge der Band. Bei „Heirate mich“ erklomm sie sogar kurzzeitig den Gipfel und das „Hey – Hey“ nach der Refrainzeile „Heirate mich“ wurde aus tausenden Kehlen laut mitgegrölt. Mittlerweile kam schwarzer Rauch aus den Stahlsäulen in der Arena und an der Bühne und tauchte das Rund in industrielle Farben. Schwarz – erdig – ölig. Mit den ruhigen Tönen von „Diamant“ kam wieder was Neues, das aber auch begeistert aufgenommen wurde. Die nächsten Töne kamen einem sofort bekannt vor – richtig – das war ja der skandalöse Track „Deutschland“, aber als Remix von Gitarrist Richard Z. Kruspe. Auf der Bühne tanzten dazu strichmännchenartige Figuren in einer roboterartigen Anordnung, die von der Band Kraftwerk inspiriert und abgewandelt war. Eine klasse Idee, die begeistert aufgenommen wurde. Die Stimmung kochte über, als die normale Fassung von „Deutschland“ aus den Speakern krachte. Aus über 70.000 Kehlen wurde jetzt laut mitgesungen. Das klang wahrlich teutonisch gewaltig. Wahnsinn, wie einem diese Band nach vorne peitschen kann. „Deutschland“ ist auch wirklich eine Hymne. Die neue Single „Radio“ folgte gleich hinten nach und ließ die Leute auf dem abgehobenen Niveau weiter tanzen und singen.

„Mein Teil“ von 2004, welches das Thema des Kannibalen von Rothenburg aufzeigt, wurde gefeiert und bei den ersten Klängen des Intros von „Du hast“ erreichte die Stimmung einen Höhepunkt. Was jetzt folgte, ließ einen zugleich frösteln und vor Hitze erschauern. Die Lightshow von Rammstein war ja immer schon von knalligen Farben und Kontrasten in Verbindung mit Flammen und Rauch bestimmt. Aber beim Refrain von „Du hast“ spuckten die Stahlmasten überall riesige Flammensäulen nach oben aus, so gewaltig, dass Hitzewellen das Stadion durchliefen. Wir standen ja fast ganz hinten und uns wurde ziemlich warm. Wie gewaltig musste die Hitze vorne drin sein? – Inmitten der ganzen Feuersäulen. Geht das noch zu toppen? Um es vorweg zu nehmen – es geht!

Vom Mutter-Album war jetzt „Sonne“ an der Reihe. Die Flammensäulen wurden noch gewaltiger und ließen unser Zentralgestirn rein ins Olympiastadion fallen. Das war Gigantomanie, wie es nicht mehr größer geht. Die Hitze der Flammen in Verbindung mit der Lightshow, deren Scheinwerfer eine Kathedrale aus Licht in den Nachthimmel formten, bildeten den Gipfel des Machbaren. Das war der Olymp aus Show und ich kann mir nicht vorstellen, wie das jemals noch eine Band toppen sollte.

Pianoklänge durchzogen nach ein paar Minuten Ruhe das Stadion, als das Duo Jatekok auf der Nebenbühne zusammen mit Rammstein den „Engel“ performten. Eine gute Idee, ihren wohl größten Hit in einer komplett anderen Version zu bringen. Anschließend brachte die erste Zeile „Ich werde in die Tannen gehen“… die 70.000 wieder außer Rand und Band. Dem dezenten Hinweis von der Bühne auf Handylichter ließen abertausende Fans Taten folgen und tauchten das Areal in ein Lichtermeer. Die Ballade „Ohne dich“ ist auch einer der heimlichen Hits der Rammstein-Fans. Gefolgt von „Seemann“, bei dem die Band mal das zelebrierte, was sonst nur Keyboarder Flake darf. In Schlauchbooten setzte die komplette Band quer über die Woge aus Händen der Fans über zur Hauptbühne. Mit großem Verbeugungszeremoniell beschloss Rammstein das Hauptset ihrer heutigen Show. Es dauerte aber nicht lange als die Keyboardklänge aus Flakes Tasten den „Ausländer“ einleiteten. „Du riechst so gut“ und „Pussy“ wurden gefeiert, als ob#s kein Morgen mehr gäbe. Und wieder ein kurzer Abgang von der Bühne. Die Textfragmente „…ein Mensch brennt … ein Flammenmeer … Fleischgeruch liegt in der Luft … Blut gerinnt auf dem Asphalt … ein Kind stirbt … Mütter schreien“ kennt wohl jeder Rammstein-Fan. Das Flugzeugunglück 1988 auf der Flugzeugshow der US Air-Base Ramstein in Rheinland-Pfalz mit 70 Toten und ca. 1.000 Verletzten war der Namensgeber der Band. Und eben jenen namensgebenden Titeltrack brachte Rammstein jetzt dar. Mit „Ich will“ brachte die Band einen der größten Hits zum Abschluss eines denkwürdigen Abends und ließ die Fans ein letztes Mal regelrecht ausrasten. Mit knapp 140 Minuten Spielzeit wurden die Fans beschenkt und verließen glücklich das Stadion.

Zwei kleine Mankos trübten leicht den Genuss des Abends. Die erneute Überforderung der Munich Security, die die Massen aus der Arena vor den Treppenaufgängen überflüssigerweise kanalisierten und dadurch ein erneutes Gedränge verursachten und der Sound im Stadion, der manchmal leiser und lauter wurde, was sich hauptsächlich an der Stimme von Till Lindemann bemerkbar machte. Ob das am Mixer lag oder an den teilweise sehr warmen benebelten Luftschichten durch die Flammen vermag ich nicht zu beurteilen. Alles in allem war das Konzert heute eine Show der Extraklasse. Ich hab mehr als 1.500 Konzerte erleben dürfen, aber was Rammstein da abgeliefert hat, war eine Ausnahme. Das war wirklich showmäßig der Höhepunkt und dürfte schwerlich zu toppen sein. Der glatte Wahnsinn.

Setlist:
00 – Intro
01 – Was ich liebe
02 – Links 2-3-4
03 – Tattoo
04 – Sehnsucht
05 – Zeig dich
06 – Mein Herz brennt
07 – Puppe
08 – Heirate mich
09 – Diamant
10 – Deutschland (Richard Z. Kruspe Remix vom Band)
11 – Deutschland
12 – Radio
13 – Mein Teil
14 – Du hast
15 – Sonne
16 – Engel  (mit Duo Jatekok)
17 – Ohne dich  (mit Duo Jatekok)
18 – Seemann  (mit Duo Jatekok)
19 – Ausländer
20 – Du riechst so gut
21 – Pussy
22 – Rammstein
23 – Ich will

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