Buch: Dennis Diel – Schlage bitte weiter, Kämpferherz!


Dennis Diel ist spätestens seit der Biografie über Matthias „Gonzo“ Röhr, seines Zeichens Gitarrist bei der deutschen Band Böhse Onkelz bekannt. Das Buch erreichte binnen kürzester Zeit einen Platz in der SPIEGEL-Bestsellerliste und die Leserschaft wusste, wie gut Diel mit Wörtern umgehen kann. Nun hat er die Coronazeit genutzt, um eine Art Autobiografie zu schreiben. Dabei ist ein Werk herausgekommen, das sehr nachdenklich stimmt und etwas anders ist, als so manch andere Berichterstattung des eigenen Lebens. Ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen oder vermeintlich peinliche Stellen zu beschönigen oder gar zu verschweigen, beschreibt Dennis Diel seine Kindheit und Jugend. Die Mutter, eingeengt in Psychosen und Ängste, die das Leben ihres Sohnes bestimmen, ihn von der Schule fernhalten, Lügengebäude aufbauen, die irgendwann unweigerlich in sich zusammenstürzten. Der Vater, der zwischenzeitlich ein richtiges Hassobjekt wird, dessen Firma zum Scheitern verurteilt ist, in Alkohol wird der Kummer ertränkt und der Familie die Liebe entzogen, die sie bräuchte. Unter einem Dach mit den Schwiegereltern lebend, gibt es immer wieder Konflikte, lautstarke Auseinandersetzungen und viel stilles Leid, das über Jahre hinweg alle Beteiligten zermürbt. Dennis ist ein Außenseiter, was nicht zuletzt auch der familiären Situation geschuldet ist, ist dicklich, weil er Trost im Essen der geliebten Oma findet, liest, was er in die Finger bekommt und ist ein gefundenes Fressen für die Mitschüler und Halbstarken in der Umgebung. Wie meistens finden sich die Ausgestoßenen zusammen und bilden eine feste Gruppe, deren Freundschaft vieles aushält. Doch Schulwechsel erschweren den Zusammenhalt zuweilen.

Wie grausam Kinder und Jugendliche sein können, erlebt Dennis am eigenen Leib und noch Jahrzehnte später sind die Spuren des schweren Mobbings zu spüren. Mutig gibt der Autor zu, oft zu Hause geweint zu haben, beschreibt peinliche Vorfälle, schlimme Beleidigungen und Demütigungen, bei denen Verantwortliche weggesehen haben. Gerne möchte man sagen, so etwas gibt es doch gar nicht, da muss doch einer mal eingeschritten sein, aber nein. So etwas gibt es und manche Passagen bringen den Leser zum Nachdenken und treiben ihm sogar Tränen in die Augen; es berührt unheimlich, wie Diel seine Vergangenheit beschreibt und immer wieder kurz in die Gegenwart zurückkehrt, um zu berichten, wie es ihm gerade geht, eingesperrt für ungewisse Zeit während einer Pandemie, mit Panikattacken und hypochondrischen Zügen. Manches von damals klingt wie aus einem Stephen King Roman, die Außenseiter, die Geächteten, Ausgelachten, die sich irgendwann endlich wehren oder zumindest Abendteuer erleben, die sich fest zusammenschweißen. Aber das ist kein Roman, das hier ist ein Leben, das dem Leser hingeworfen wird, schonungslos, brutal ehrlich. Die Rettung besteht aus den beiden Komponenten Liebe und Musik, wobei letzteres gepaart ist mit Arbeit, einer Aufgabe, die dem Protagonisten Lebensmut und auch ein Zugehhörigkeitsgefühl vermittelt.

Am Ende bleibt der Leser mit einem etwas seltsamen Gefühl zurück. Was war das gerade, was hält er da in den Händen? Eine Lebensgeschichte, ein Schicksal, zu Papier gebracht und stellvertretend für unzählige ähnliche Leidenswege. Ein Mahnmal, sich mutig erhebend gegen Mobbing; Freundschaft, Liebe und Musik preisend, eine Dreieinigkeit, die das Überleben sichern kann. Was fehlt, das ist ein richtiges Happy End, es ist da, ein wenig versteckt zwischen den Zeilen, nur im Gesamtzusammenhang erkennbar, aber es ist nicht das Feuerwerk an Reichtum, Macht, Happiness und Eierkuchen – denn das wahre Leben ist nun mal kein Roman und wird nicht konstruiert, sondern erlebt.

Dennis Diel macht Mut – wie viel Überwindung es ihn auch gekostet haben mag, diese Seiten zu füllen, in seine Vergangenheit zurückzugehen, einzutauchen in seelischen und körperlichen Schmerz, das kann man nur erahnen. Aber dass er es getan hat, verdient Respekt. Das Buch ist ruhig geschrieben, hat ein gewisses Niveau, zeigt dabei deutlich, dass diese Außenseiter, die gerne von der Gesellschaft verachtet werden, nicht dumm sind, nur eben gegen Vorurteile kaum ankommen können und keine Chance bekommen. Ein Mut-mach-Buch für die Außenseiter und ein Mahnmal für die Gesellschaft: Achtet mehr aufeinander und werft eure Vorurteile über Bord, denn ihr lebt das Leben desjenigen nicht, den ihr blind verurteilt.

5/5

Dennis Diel – Schlage bitte weiter, Kämpferherz!
Hirnkost Verlag, 2021
256 Seiten
Hardcover: € 28,00

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