Buch: Christoph Dallach – Future Sounds


Buch: Christoph Dallach – Future Sounds

BRD, um 1968. Wie überall in der westlichen Welt drängt die junge Generation auf radikale Veränderungen. Viele strömen aus den Hörsälen auf die Straße. Manche in den Underground. Und manche in die Übungskeller, auf der Suche nach dem Soundtrack der Bewegung. Die unerhörten Klänge, die deutsche Bands wie Can, Neu!, Amon Düül, Popol Vuh, Tangerine Dream, Faust, Cluster oder Kraftwerk damals produzierten, gelten heute als Blaupause für die moderne Rockmusik. Und der Strom ihrer kreativen Bewunderer und Fortsetzer hat sich seit den ersten Fans wie David Bowie stets verbreitert: Ob Blur, Aphex Twin, Sonic Youth, Radiohead oder die Red Hot Chili Peppers – sie alle beziehen sich auf den sogenannten »Krautrock«. Christoph Dallach hat dessen Pioniere befragt, darunter Irmin Schmidt, Jaki Liebezeit, Holger Czukay (alle Can), Michael Rother (Neu!), Dieter Moebius (Cluster), Klaus Schulze (Tangerine Dream), Achim Reichel (AR Machines), Lüül (Agitation Free), Karl Bartos (Kraftwerk), Brian Eno u. v. a. Ihre Antworten fügen sich zu einer Oral History, die über die einzelnen Bandgeschichten weit hinausweist: einerseits in die Vergangenheit, zu Nazilehrern, Nachkriegselternhäusern, Freejazz, Terrorismus, LSD und äußerst langen Haaren; genauso aber in die Zukunft, zu globaler Anerkennung, Mythenbildung, Techno oder Postrock. (Quelle: Klappentext: Suhrkamp)

„Macht das Ohr auf … und hört den Sound der Pilze“ – Dieser alte Werbespruch des alten Ohr Labels kam mir sofort in den Sinn, als ich das Buch Future Sounds entdeckte. Waren doch Ohr und Pilz zwei der prägendsten Krautrocklabels aus diesem Kapitel der deutschen Musikgeschichte. Die Platten der Interpreten von beiden Labels stehen komplett bei mir im Regal, ist doch der Krautrock einer meiner liebsten Musikstile. „Wie ein paar Krautrocker die Popwelt revolutionierten“ ist der Untertitel des Buches von Christoph Dallach.

Aber was ist denn eigentlich Krautrock? Diese Frage wurde schon zigfach gestellt, beantwortet, interpretiert und breit getreten. Die Münchner Band Amon Düül nimmt für sich in Anspruch, dass der Begriff von einem ihrer Songs abgeleitet sei: „Mama Düül und ihre Sauerkrautband spielt auf.“, auf dem 1969er Album Psychedelic Underground drauf. Andere wiederum meinen, dass der Begriff vom englischen Schimpfwort „Krauts“ für uns Deutsche nach dem zweiten Weltkrieg abgeleitet sei. Egal wer welche Erklärung dafür benutzt, es kommen alle auf ein gemeinsames Fazit. Krautrock ist mittlerweile ein Gütesiegel deutscher Musikkultur geworden, vor allem im Ausland. Wie aber ist denn der Krautrock zum Krautrock geworden? Es gibt unzählig viele Bücher über dieses Thema, in denen zig Autoren die zahllosen Anekdoten und Fakten zusammenschreiben. Von denen ist sicherlich vieles richtig und gut recherchiert, aber eben aus der Feder der Autoren zusammengebastelt. Der Autor Christoph Dallach hat das Pferd jetzt nicht gerade von hinten aufgezäumt, aber er nimmt den Gaul direkt am Zügel und lässt ihn einfach selbst erzählen. Krautrocklegenden wie Jaki Liebezeit, Holger Czukay und Irmin Schmidt von der Band Can, Karl Bartos von Kraftwerk, Michael Rother – ebenfalls Kraftwerk, dann Neu! und Harmonia, Dieter Moebius und Hans-Joachim Roedelius von Cluster und Harmonia, Renate Knaup, Chris Karrer und Dieter Serfas von Amon Düül II, Klaus Schulze , Steve Schroyder und Edgar Froese von Tangerine Dream, Achim Reichel, Ex-Rattles und dann Wonderland und A.R & Machines, Lutz Graf-Ulrich, besser bekannt als Lüül von Agitation Free, der fleischgewordene Elektrolurch Mani Neumeier von Guru Guru, Werner „Zappi“ Diermeier, Jean Hervé Peron und Hans-Joachim Irmler von Faust, Helmut Hattler von Kraan …. All diese Namen stehen nebst vielen weiteren Rede und Antwort zum Thema Krautrock.

Christoph Dallach hat all den Musikern Themen vorgegeben und diese antworteten. Den groben Rahmen Bilden die drei Kapitel Die Fünfziger, die Sechziger und die Siebziger. In diesen jeweiligen Abschnitten sind Unterkapitel mit Themen wie Nachkriegsjugend, Jazz, Beat, Haare, WGs, Drogen, Zodiak eingeordnet. Beim Abschnitt Die Siebziger bekommen die jeweiligen Bands und deren Musiker eigene Kapitel, in denen sowohl sie selber als auch andere Krautrocker ihre Gedanken dazu in Worte fassen. Diese ganzen Aussagen zu den einzelnen Themen hat Christoph Dallach chronologisch geordnet und in einer Timeline zusammengefasst.

Das ganze Buch ist durch die kurzen Abschnitte der einzelnen Aussagen sehr leicht und fließend zu lesen. Man kann jederzeit aufhören und findet doch beim Weiterlesen sofort wieder den roten Faden des jeweiligen Themenbereichs. Hier erzählen nicht einzelne Musiker die Geschichte ihrer Bands, hier ist die jeweilige Aussage bandübergeordnet auf die einzelnen Themen bezogen. Ein komplett anderer Ansatz, der aber dieses Buch meines Erachtens zu einem der besten Bücher über den Krautrock macht, das ich persönlich je gelesen habe. Ich sammle seit fast 40 Jahren Krautrockplatten, habe zig Bücher über dieses Thema gelesen, bin mit zig Krautrockmusikern bekannt und befreundet, aber was ich alles neu aus diesem Buch gelernt habe, hätte ich bis dato nicht geglaubt. Ein unerschöpflicher Fundus an Informationen, durch die Aussagen der Musiker in ihre eigenen Worte gekleidet, der für mich als Krautrockfan unverzichtbar geworden.

Verdientermassen die volle Punktzahl.

5 / 5

Christoph Dallach – Future Sounds
Suhrkamp Verlag, 2021
511 Seiten
Paperback: 18,00 €

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