Sport: No Actors, Wrestlers – 03.07.2022 – Espiritu Fitness Center, San Juan (Puerto Rico)


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„You guys aren’t wrestlers, you’re actors and you just do wrestling and I don’t think that’s a dig. You guys make way more money than me like, good on you. But I just feel like when I say proudly, ‚That’s a wrestler. I am a wrestler, I am not an actor,‘ but I know you guys can wrestle, you’re just not really allowed to show it, I guess … but other than you want to make a lot of money and retire, that’s what WWE is kind of for these days.“

Will Ospreay, britischer Wrestler, derzeit bei New Japan Pro-Wrestling unter Vertrag, hat Ende Mai mit diesem Statement für Furore gesorgt – und das völlig zu recht. Manche fanden es mutig, vielen sprach er damit aus der Seele, nicht nur Wrestlern, sondern auch den Fans, die zunehmend das Gebaren der wohl größten Wrestlingpromotion WWE kritisieren und sich immer mehr von ihr abkehren. Vorbei sind die alten Zeiten mit wahren Wrestlinghelden, die auch außerhalb des Rings einen Namen hatten und sich ordentlich dem Kampf gestellt hatten. Alles Show? Nein, damals nicht, heute auch nicht. Wer von Show sprechen möchte, kann sich gerne auf gescriptete Matches beziehen, auf die Promos, die davor, dazwischen und danach laufen, auf abgesprochene Siege, aber alles, was dazwischen geschieht, ist echt. Oder? Man darf nicht unterschätzen, dass kein professioneller Wrestler einfach mal in den Ring gestiegen ist und einem Gegner auf’s Maul gehauen hat und zum Star wurde (wobei…). Wer Pro-Wrestler werden möchte, hat eine harte, oftmals entbehrungsreiche Zeit vor sich, Training, Diät und besondere Ernährung, ein eigener Schlaf-Wach-Rhythmus, der sich entwickelt, noch mehr hartes Training. Irgendwas zwischen Ausdauer, Kraft und Technik. Klar sieht man gerne die Muskelberge von Brock Lesnar, liest die Aussage von Mark Davidson, in diesem Jahr seine körperliche Bestform erreichen zu wollen und liket ein Trainingsbild nach dem anderen, den wachsenden Sixpack, die sich deutlich abzeichnenden Adern nach einem harten Legday. Aber damit ist es noch lange nicht getan. Wer sich dem Wrestling verschreibt und das ernsthaft betreibt, verkauft seinen Körper und manchmal auch seine Gesundheit. Schläge und Tritte an den Kopf, Stürze, ernsthafte Verletzungen sind alles keine Seltenheit, trotzdem stehen sie wieder auf, die Show muss schließlich weitergehen – und auf den Sozialen Plattformen lächeln Angel Garza, Jeff Hardy und Co. Gehirnerschütterungen und Platzwunden weg. Berufsrisiko, klar, alles super, mir geht es gut – danke für eure guten Gedanken. Bret „Hitman“ Hart, jahrelang erfolgreicher Wrestler, ist eine lebende Legende, für eine ganze Generation der Einstieg ins Wrestling, aktiv und passiv, er hat ausgeteilt, eingesteckt, Geld verdient, Drogen genommen, seine Familie vernachlässigt – vielleicht endlich seinen Frieden gefunden. Das Wrestlerleben, das nach Erfolg, Ansehen, Geld, Reisen und Frauen riecht, hat Schattenseiten, über die er mittlerweile offen spricht und damit einen Einblick in das gibt, was eine Promotion gerne unter den Teppich kehren will. Heutzutage müssen Wrestler auch noch reden können, sich präsentieren, schauspielern. Roman Reigns, mittlerweile erfolgreiches Aushängeschild der WWE konnte dies zu Beginn seiner Karriere nicht, wurde ausgebuht, ausgelacht, aber er hat dazugelernt und ist ein sehr gutes Beispiel dafür, dass die Zuschauenden Wert auf das Drumherum legen. Aber sind deshalb alle Schauspieler, die das Wrestlen verlernt haben? Nein. Nur scheint die WWE mittlerweile ihren Fokus nicht mehr auf tolle Matches zu legen, sondern viel mehr auf den Glitzereffekt drumherum. Wer bei der WWE unter Vertrag ist, ist kein Wrestler mehr, diese Bezeichnung wird beinahe abwertend verworfen, man ist WWE Superstar und damit über allen. Mein Lieblingsbeispiel dafür, wie sehr man sich bei der WWE verändert, ist und bleibt Damian Priest. Der zweifache MMA-Titelgewinner hatte zu Beginn seiner WWE-Zeit einen ganz anderen, raueren, vielleicht auch ehrlicheren Kampfstil, fiel durch harte Tritte auf, durch Sprünge über das oberste Seil, durch das erfrischend andere. Schnell bemerkte die WWE, was sie an dem Puertoricaner hat: Einen Sympathieträger, der im Lockerroom gemocht wird, der keine Starallüren an den Tag legt, den man sehr gut verkaufen kann, weil Jung und Alt ihn mögen, die Männer gerne seinen Charme und seine Kraft besäßen, die Frauen auf den Latino fliegen, das bringt verkaufte Tickets und Merchandise, also Geld in die Kasse. Einen Latino zu haben, den man als solchen super zu den Latin American Music Awards und im Jahr drauf zur Puerto Rican Day Parade als Ambassador schicken kann, das zeigt: Wir sind weltoffen, erkennen Puerto Rico an und Hispanics haben bei uns die gleichen Chancen – egal, was böse Zungen, auch aus den eigenen Reihen, behaupten. Um ehrlich zu sein: Damian Priest hat all das verdient und sich sehr hart erarbeitet, es sei ihm von Herzen gegönnt. Er spielt das politische Spiel der WWE perfekt mit, keine Kritik, egal wie beschissen er eine Entscheidung findet, die Sprache schnell übernommen, brav abgenickt und erfüllt, was man von ihm verlangt. Wer einen Traum hat und dafür alles gibt, der tut das und der hat den daraus resultierenden Erfolg verdient. Doch sieht man auch, dass er sich verändert. Im Ring steht ein anderer Kämpfer, der softer geworden ist, austauschbar mit den anderen, angeglichen an das, was man laut WWE sehen will und öffentlich darstellen möchte. Die WWEler können wrestlen, sonst wären die meisten nicht da, wo sie sind. Aber dürfen sie auch noch wrestlen und sie selbst sein, oder sind sie Schauspieler, Marionetten, die sich den Fäden ergeben haben, an denen sie hängen, um ihren Traum zu leben?

Ob Ospreays Statement der Grund für Mike Mendoza war, seinen nächsten Event provokant mit „No actors, wrestlers!“ zu betiteln, bleibt zumindest für Außenstehende reine Spekulation. Wer Mendoza ein bisschen recherchiert, findet schnell heraus, dass er Wrestler der dritten Generation ist, mit Leib und Seele, ein Vorbild, ein guter Lehrer, ein Visionär, der mit seiner Schule für grandiosen Nachwuchs sorgt. Seit dem Umzug in neue Räumlichkeiten Anfang des Jahres, nach seiner Aussage die Erfüllung eines Traumes, veranstaltet er recht regelmäßig hauptsächlich mit seinen Schülern Wrestlingshows, die schnell ausverkauft sind. Schüler klingt dabei nach unerfahrenen Kids, die ihren Eltern zeigen, was sie in den letzten zwei Monaten gelernt haben. Weit gefehlt, bei Espiritu Pro Wrestling stehen die Schüler ansonsten für andere Promos im Ring, beispielsweise für LAWE oder jüngst wie das Energiebündel Yaide bei der AEW. Das ist ein Ritterschlag für Schüler und Lehrer. (Es sei mal kurz angemerkt, dass man sich Infos über EPDW oder das dazugehörige Espiritu Fitness Center mühsam zusammensuchen muss. Angeblich gibt es eine Website, die funktioniert aber zumindest in Deutschland nicht und die Social Media Auftritte sind zwar recht gut, aber können natürlich nicht die Informationsbreite einer Website bieten. Ich gestehe dem CEO aber zu, dass er das meiste alleine macht und einfach irgendwo eine Grenze, allein schon aus Zeitgründen, ziehen muss. Folgt man ihm auf Instagram bekommt man den Eindruck, dass der Mann nicht mehr als vier Stunden am Tag schläft, wo bleibt da noch Zeit für den Rest?) Mastermind Mendoza steht gerne für ein Match mit im Ring, nun ja, es wäre auch seltsam und schade, wenn nicht. Den Championstitel hat er allerdings nicht erringen können, der ging vor einem Jahr an „El Atleta“ Manu in einem spannenden, schweißtreibenden Match, das man sich auf IWTV ansehen kann. Dieses Mal waren sechs Matches angekündigt, darunter ein Mixed-Tag-Team- und ein Tag-Team-Match sowie ein Titelkampf. Am Ende der letzten Show „House of Lucha“ erhob Hijo del Enigma deutlich Anspruch auf den Gürtel, wollte diesen am liebsten sofort haben und ließ sich auch von Mendoza kaum beruhigen, der ihm schnell ein Titelmatch versprochen hatte. Wer nicht dabei sein konnte, weil die raren Plätze schnell ausverkauft waren oder schlicht, weil man nicht in Puerto Rico sein konnte zu diesem Zeitpunkt, hat wie immer die Chance, im Nachhinein alles online anzusehen auf IWTV. Da fallen dann auch mal kleine Details auf, die vermutlich im Liveevent nicht sofort ins Auge springen, weil man einen anderen Blickwinkel hat oder einfach nicht im richtigen Moment hinsieht. Bereits im Vorfeld hatte man mit Spannung erwartet, welche Begegnungen noch angekündigt werden würden und man wurde nicht enttäuscht, überlegte jedoch, welches Match das Highlight werden würde. Die Karten waren schnell weg, keine Ahnung, wie viele wirklich angeboten werden, auf den Videos sieht es nach knapp 40 Sitzen aus plus eine unbestimmte Anzahl an Stehplätzen. Es ist nun mal eine kleine, aber sehr feine Location, die Kaderschmiede von „El Escorpion“. Nach dem Abend gibt es eine Handvoll Fotos und einige Videos, was passiert ist, trotzdem bleiben zig Fragen offen und vor allem: Man will die Chicos y Chicas wrestlen sehen! Wer sich auch nur ein bisschen für den Sport interessiert, wird die Feinheit, die Schönheit, die Technik, die Leidenschaft und den gegenseitigen Respekt sehen und spüren, der bei Espiritu (der Name ist Programm) im Vordergrund steht. Mehrfach sprechen die Espirituianer von Familie und das scheinen sie zu sein, dazu scheinen sie zusammenzuwachsen. Hier geht es nicht um Geld, Glitzereffekte und Show, hier geht es um Disziplin, Respekt, Leidenschaft und Zusammenhalt.

Dieses Mal beginnt der Mitschnitt feuriger, man sieht immer mehr Moves und Ausschnitte aus Vergangenem, das bringt Erinnerungen. Nach der doch etwas härteren Nummer „Come and Get Some“ von 5 Star Day, folgt eine schwungvolle Tanzmusik aus dem letzten Jahrtausend, als in einem Fernseher die Matches des Abends vorgestellt werden. Dann ein Drohnenflug durch mitgenommene Gassen von San Juan, rechts ein Gebäude, das mal bessere Tage erlebt hat (man darf dabei bitte aber auch nicht vergessen, dass Puerto Rico einige schwere Jahre hinter sich hat). Im Hinterhof dann die Tore des Espiritu Fitness Centers, der Wirkungsstätte von Mike Mendoza.

Alfredo Méliès ist einer der Kommentatoren für IWTV an diesem Abend. Das erste Match bestreitet gleich mal eine schillernde Figur: Androide 787 vs. Rey Reyes. Androide ist DER Vertreter der LGBTQ-Bewegung – zumindest bei EPWD – des puertoricanischen Wrestlings. Mit seiner Ausstrahlung fängt er das Publikum ein und begeistert durch seine offene, sehr fröhliche Art. Der junge Mann transportiert ein irres Charisma sogar über die Fotos auf seinen Social Media Accounts und zeigt seine Liebe zu Wrestlerkollege EROS ganz offen – und die beiden sind ein tolles Paar! Außerdem scheint er einer der ersten Wrestlingschüler von EPWD gewesen zu sein. Es geht los, die beiden Akteure umkreisen sich, gehen schnell aufeinander los.

Anfangs sind sie sehr auf Augenhöhe, man kann nicht wirklich ausmachen, wer besser ist. Das Publikum bedenkt die Aktionen mit Applaus, es wird schnell der erste Pinversuch unternommen. Die beiden kennen sich, wissen also ungefähr, was sie zu erwarten haben. Doch natürlich ist es nicht so schnell vorbei. Gegenangriff, es wird einiges geboten. Keine krassen Sprünge oder halsbrecherischen Moves, wie man das vielleicht gerne sehen würde, aber doch einiges an Technik, das man zu schätzen weiß, wenn man länger Wrestling-affin ist. Android 787 gewinnt bald die Oberhand, doch Reyes kann sich schnell revanchieren. Es ist ein sehr ausgeglichenes Match, als Starter eigentlich genau das Richtige, um erstmal reinzukommen und sich auf das einzustimmen, was einen noch erwarten wird. Bald sieht es so aus, als würde Android unterliegen, doch er findet zurück ins Match. Irgendwann sieht man bei ihm zwei Moves, die seinen Lehrer verraten, Mike Mendoza, der allerdings den Sprung über das oberste Seil und den anschließenden Kick ein bisschen besser anbringen kann – er ist auch größer und hat es somit leichter. Auch der Referee hat alle Hände voll zu tun, damit man wirklich im Rahmen der Regeln bleibt, und der erfahrene Many macht seine Sache gut, zählt am Ende drei Sekunden und Androide 787 gewinnt gegen Rey Reyes. Wie überraschend kommt das? Ich bin mir nicht ganz sicher, hätte mit dem Ausgang gerechnet.

Das zweite Match dürfte etwas brutaler werden Edrax vs. Baltazar Bruno – wow! Bruno wird mit Buh-Rufen empfangen, die kann ich gar nicht nachvollziehen, denn der Hüne ist ein Viech. Er wird groß, einschüchternd, kein Mann vieler Worte, der mehr einstecken kann als so manche Wand. Edrax kannte ich bis zur Ankündigung von No Actors, Wrestlers gerade mal von einem einzigen kurzen Insta-Video eines älteren Fights, also ist die Spannung groß. Die beiden umkreisen sich nur kurz, dann demonstriert Bruno seine Stärke.

Mit seinem Dropkick kann Edrax seinen Kontrahenten allerdings nicht großartig beeindrucken. Der wehrt sich, schickt Edrax auf die Matte und spielt ein bisschen mit ihm. Wie immer versucht Baltazar Bruno seinen Gegner mit nur einer Hand zu pinnen. Das funktioniert manchmal auch, diese Mal jedoch (noch) nicht. Die Zuschauer haben ihre Sympathien klar verteilt, mir erschließt sich nur nicht, warum. Spinebuster, puh, gegen Bruno, das sieht man ja auch nicht alle Tage. Dieses Mal gibt es eine Kamera, die von oben auf den Ring herabfilmt, das gibt neue, sehr spannende Perspektiven (allerdings nur für genau diese eine Aufnahme) . Das Monster schlägt wieder zu, Chokeslam, das könnte es gewesen sein, aber der Versuch scheitert. Edrax scheint langsam die Oberhand zu gewinnen, wagt einiges, um einen schnellen Sieg zu erziehen. Immer wieder wird von den Kommentatoren betont, dass es keine Schauspieler sind, sondern Wrestler. Hat Mendoza die Anweisung gegeben: Lasst es hart werden? Vermutlich nicht, er weiß, was er seinen Schülern beibringt, was sie können und worauf es ankommt. Es folgt ein Mittelfinger ins Publikum, mit einem Fuß auf der Brust wird Edrax gepinnt, Bruno verlässt schnell, ohne sich als Sieger zu feiern, den Ring. Was fällt auf? Angekündigt war ein ganz anderer Gegner für Edrax, nämlich Ricardo Blakeman.

Cut. Felix Aldea erscheint, auch ihn kenne ich nicht, er trägt das LuchaTeesPR Shirt „Yo Soy Espiritu“ – Ich bin Espiritu. Ihm folgt „Reckless“ Harry Williams, da scheiden sich die Geister, manche feiern ihn, manche rufen „Buh!“. Williams hat eine fantastische Reise hinter sich gebracht und in einem Jahr seinen Körper wahnsinnig geformt, worauf er stolz sein kann – und das auch zu recht ist.

Ihm können Buhrufe egal sein, weil er weiß, was er kann – und das zeigt er auch sofort. Er drängt seinen Gegner in die Ringecke, es folgen zahlreiche schnelle Schläge gegen die Brust. Als Aldea ihn wiederum in die Ecke drängt und schlägt, kreischen zwei Frauen entsetzt. Kurz darauf liegt Aldea am Boden, Williams setzt zu einem schnellen Cover an. Man merkt hier einen anderen Stil als bei den beiden vorangehenden Kämpfen – und das ist auch das Spannende bei den EPWD Veranstaltungen: Gleiche Schule, und doch ist jeder anders, hat seine Moves, seine Specials, seine Stärken und Schwächen und kehrt diese deutlich raus. Mit Williams steht ein absolutes Kraftpaket im Ring, das einen großartigen Weg vor sich hat, wenn er so weitermacht wie bisher. Das ist die Zukunft des puertoricanischen Wrestlings, die wir hier zu sehen bekommen. In diesem Match ist schon mehr Schnelligkeit drin, es geht hin und her, Tritte, Schläge, Neckbreaker, Pinnversuche, kurze Verschnaufpausen, um den nächsten Move vorzubereiten. Williams gewinnt. Das war gut, kraftvoll, Williams ist ein zukünftiger Champion, noch ein paar Monate und er könnte um den Titel kämpfen – und er hat versprochen, dass wir noch sehr viel mehr von ihm bei Espiritu sehen werden!

Auftritt „El Maquiavélico“ Adam Riggs. Er wirkt immer so, als würde er jeden Moment ausrasten und einfach jedem in die Fresse hauen, der gerade um ihn herum ist. Bei der Pressekonferenz zum LAWE Summerfest hat er einmal mehr gezeigt, dass er total diesen Charakter auslebt. Als er auftritt und zum Ring geht, schwenkt die Kamera zum ersten Mal deutlich auf eine Gruppe Fans, die an diesem Abend für einige Stimmung sorgt. Sie zeigen sehr klare Front, doch dazu später mehr.

Es sind noch nicht mal 30 Minuten vergangen, wir sind schon bei Match Nummer vier, zwei kommen noch und wir haben noch eine Stunde Zeit. Hätte man den ersten drei Begegnungen mehr Zeit einräumen müssen? Aber jetzt wird es ja spannend, denn es folgen zwei Tag-Team-Matches und die werden – hoffentlich – ohnehin mehr Zeit in Anspruch nehmen. Die erste Viererbegegnung ist ein Mixed Match – und wenn wir in Puerto Rico sind und die Show „No Actors, Wrestlers“ heißt, kann man sich darauf gefasst machen, dass den Beteiligten egal ist, welches Geschlecht vor ihnen steht und man nicht schnell abklatscht, um das gleiche Geschlecht als Gegner im Ring zu haben. Neben Adam Riggs steht die wunderbare „La Brava“ Yaide in der Ecke. Vor einigen Wochen hatte sie ihr AEW Debüt und hat sich sehr gut geschlagen. Eine tolle Frau, die endlich mal wieder Wrestling in den Mittelpunkt stellt und nicht das Fakemodelinstagramweibchen ist. Wir sehen gleich noch eine Frau im Ring und damit wissen wir, dass endlich auch Frauenwrestling eine tolle, glorreiche Zukunft hat, denn hier stehen zwei Damen mit großer Zukunft. Nathalya Perez – einzige weibliche Luchadora in der dritten Generation, und Alfredo Méliès treten gemeinsam auf. Méliès hat eben seinen Uniabschluss gemacht und steht schon wieder im Ring – was er davor auch getan hat. Die Meute am Rand macht Stimmung, Riggs regt sich auf, er ist nicht der einzige an diesem Abend. Natürlich gehört es ein bisschen dazu, dass die Zuschauer deutlich ihre Sympathien verteilen und für Stimmung sorgen, hier beginnt es, zu weit zu gehen. Das merkt man schon jetzt, später noch einmal deutlicher. Riggs und Méliès starten, die Damen halten sich zurück. Ich persönlich warte ja auf Yaide, die im vergangenen Jahr gegen Mike Mendoza im Ring stand – sie verlor, verkaufte sich in meinen Augen leider ein bisschen unter Wert. Da fände ich eine Revanche klasse – und ich glaube, dass „El Escorpion“ es dieses Mal nicht mehr so leicht hätte. Zurück zum Match, Riggs sitzt mittlerweile auf der Matte, seine Kontrahenten bringen einen Double Dropkick an, dann heißt es Perez gegen YaideRiggs brüllt etwas nicht ganz Feines durch die Halle. Aber weiter mit den Mädels. Ja, die schonen sich nicht, da wird genauso geschlagen und getreten, da gibt es harte Moves und einen sehr rauen Umgang miteinander. Yaide versucht den ersten Pin, vergebens. Weiter geht’s. Diesen beiden Frauen kann man lange zuschauen, das ist einfach schön. Das kein „Mein Fingernagel ist abgebrochen“-Schmusekurs wie bei anderen Promotionen. Während der Referee und Yaide in einer Ringecke stehen und diskutieren, greift Riggs ein, das wird schnell unterbunden, aber Perez ist angeschlagen, kann jedoch nicht abklatschen. Dann geht’s auf die Seite, Superplex gegen Yaide, beide Frauen klatschen ab. Méliès ist wütend, geht hart in den Kampf rein, schickt Riggs auf die Matte. Hier ist Power, hier geht es um was. Alfredo will schließlich, dass Nathalya Riggs pinnt, doch Yaide rennt um den Ring herum zu ihr und hindert sie daran, in den Ring zu steigen. Dann geht es schnell außerhalb des Rings weiter. Dummerweise tritt Riggs seiner Tag Team Partnerin Yaide in die Fresse und knockt sie mal eben aus, Nathalya sieht es und nutzt ihre Chance, pinnt Yaide, gewinnt. Ich war mir ehrlich nicht sicher, wer hier den Sieg nach Hause tragen würde, es war ein recht ausgewogenes Match, hat Spaß gemacht. Danach kriegt Riggs noch mal seinen Auftritt, macht Yaide Vorwürfe, nennt sie „Stupida“, kassiert dafür eine saftige Ohrfeige. Das hier ist noch nicht vorbei – für einen Moment denke ich, das ist die erste Ankündigung für ein Match für die nächste Show, dann aber greift Riggs Yaide direkt an. Ehrlich, da muss Yaide beim nächsten Mal gegen ihn ran und ihm zeigen, wo der Hammer hängt!

40 Minuten sind rum, 40 Minuten liegen noch vor uns. Ja klar, noch ein Tag Team Kampf, der Master himself steigt gleich in den Ring, der will seine Zeit und hat sie auch verdient, außerdem steht ja noch der Titelkampf an. Und wenn ich schreibe, die Kämpfe sind recht ausgewogen, dann ist das sicherlich auch so gewollt. Die beiden letzten Begegnungen waren von Anfang an die Highlights, das wusste jeder. War ich allerdings der Meinung, dass der Titelkampf am Schluss kommt, setzt sich Mendoza ans Ende – ich glaube, er tritt immer am Ende auf, egal ob er ein Match hat oder einfach nur eingreift, das ist ein Recht, das er sich als Chef herausnimmt – im Moment jedoch bin ich ein bisschen enttäuscht davon, dass nicht der Kampf um den Gürtel am Schluss steht. Gut, zwei Tag-Team-Matches hintereinander sind vielleicht auch nicht das Wahre. Schwierig. Für mich hat’s viel mit Wertigkeit zu tun und wenn Mendoza sich ans Ende setzt, ist das eine gewisse Arroganz – die er sich leisten kann, ja, auf jeden Fall, es bleibt dennoch dieses kritische Aber. Und natürlich meckere ich schon, bevor ich überhaupt gesehen habe, wie es weitergeht.

Der Titelkampf hat sich bei „House of Lucha“ ja schon angekündigt, da hatte Mendoza Hijo del Enigma genau diese Chance versprochen, als der junge Wrestler zum Ring stürmte und kaum davon abzuhalten war, Manu zu verdreschen. Nun also die große Chance. Manu ist der erste EPWD Champion, seit fast einem Jahr. Damals gewann er gegen seinen Lehrer in einem recht erbitterten, irgendwann verzweifelten Match, als der Skorpion nicht zustach, sondern kurzerhand zubiss. Auch das kann man sich immer noch bei IWTV anschauen. Lohnt sich.

Nun aber schreitet Herausforderer Hijo del Enigma zum Ring, von manchen wird er mit Handschlag begrüßt, schnell ein Selfie mit Fan, dann steht er im Ring. Seinen Oberschenkel ziert ein Tattoo mit dem EPDW-Logo, abgestempelt, es ist klar, wem er sich zugehörig fühlt. „El Altleta“ Manu wird aber lauter begrüßt, er ist Champion, die Fans mögen ihn, man erwartet einen guten Kampf, den letzterer dominieren wird. Doch noch während der Vorstellung und vor der Glocke rast Enigma auf ihn zu, Manu drängt ihn in die Ecke, wirft ihn zweimal kraftvoll zu Boden, Enigma verlässt den Ring. Es geht schnell, man weiß gar nicht, wo man hinschauen soll. Manu versucht, aus dem Ring zu klettern, Enigma hängt sich an sein Bein, zwingt ihn aus dem Ring. Nun geht es außerhalb weiter, harte Schläge, die im Raum widerhallen, die Stühle werden zusammengeklappt und als Schlaghilfe genommen. Räumt die Plätze, fordert Enigma, hält Manu im Würgegriff, der befreit sich schließlich, wirft Enigma durch die Reihen. Nun ist er es, der mit dem Stuhl zuschlägt, der ihm schließlich vom Referee aus den Händen gerissen wird. Die Handys sind gezückt, als Enigma gegen die Stahltür gestoßen wird, ein erneuter Schlag mit einem Stuhl, Enigma schleppt sich zurück zum Ring, Manu folgt kurz darauf. Es geht weiter und es wird klar: Das ist kein eindeutiger Kampf, das ist kein schneller Sieg für den Titelverteidiger. Der German Suplex wird nicht ausgeführt, beide versuchen es, dann geht es in die Seile, Mega Punsh von Manu, ein Coverversuch, vergebens. Haben wir Wrestler versprochen bekommen? Dieses Versprechen wurde sowas von erfüllt! Hier gibt es keine Gnade, nichts, was verboten scheint. Manu greift den linken Arm des Kontrahenten gezielt an, geht aus dem Ring, doch Enigma erholt sich schnell, wehrt sich. Während des nächsten Pinnversuchs stimmt die wilde Meute „Oh Pedro Portillo“-Gesänge an, etwas, das hier gerade überhaupt nicht reinpasst. Es geht nicht um LAWE, es geht nicht um CPR, Portillo, Pesadilla und Mendoza, es geht um EPWD und den Titel. Die beiden Wrestler lassen sich davon jedoch nicht aus der Ruhe bringen. Es scheint allerdings im Hintergrund zwischen den Zuschauern Unstimmigkeiten zu geben aufgrund des angestimmten Chants. Enigma lässt sich nicht unterkriegen. Endlich gelingt Manu der German Suplex, aber noch ist es nicht vorbei. Hätte man das erwartet? Dass sich Manu so schwer tun würde? Nein, sicherlich nicht. Man sieht aber mit jeder Minute deutlicher, warum Manu Champion ist – und würde ihn gerne öfter bei anderen Promotionen sehen. Erneutes Cover, aber auch hier kann der Referee nicht bis drei zählen. Weiter geht es unter dem Gekreische der weiblichen Zuschauer. Manu wird abgelenkt, Enigma sieht seine Chance, drängt ihn in die Ringecke, schlägt auf ihn ein, aber auch dieser Angriff währt zur kurz. Die beste Szene ist die liebe Grandma, die erbost zum Ring stürmt und Manu die Meinung geigt. Also ehrlich, mit Omas legt man sich nicht an. Diese würde sogar einen Manu kleinkriegen. Aber auch das hilft nicht viel. Enigma wird angefeuert, die Stimmung wechselt ein bisschen, denn man erkennt mittlerweile, dass man hier einen erbitterten, aber sehr guten Wrestlingfight sieht. Ohne Schauspieler, mit Technik und vor allem mit viel Leidenschaft. Hier ist man bereit, sich wehzutun, zu zeigen, was man gelernt hat und bis zur Erschöpfung um den Gürtel zu kämpfen. Dazu gehört auch, dass manche Aktion nicht ganz sauber ausgeführt ist, aber wen stört das? Wir erleben einen guten Kampf, in dem beide alles geben und keiner aufgeben, keiner sich pinnen lassen wird. Manu ist entsetzt, er weiß nicht recht, was hier passiert. Das hatte er sich wohl leichter vorgestellt. Schließlich stehen beide auf den Seilen, Enigma kann Manu endlich auf die Matte werfen, es sieht so aus, als würde er gewinnen, eins, zwei … nein, Manu reißt die Schulter hoch. Es sieht gut aus für Enigma, der sich schließlich auf Manus Bein konzentriert, doch der ist stärker, schafft es, mit Enigma am Bein aufzustehen und diesen gegen den Ringpfosten zu knallen. What a fight! Eine Powerbomb bringt das Ende. Manu zeigt den Mittelfinger, ist wütend, aber immer noch Champ. Doch wenn wir ehrlich sind, ist Hijo del Enigma der wahre Sieger dieses Matches, er hat einen wahnsinns Kampf geliefert, ein tolles Match, über das wir noch lange reden werden. Wer hat Manu bisher so sehr herausgefordert, wer hat sich ihm so entgegengestellt und ihn so in die Bredouille gebracht? Manu feiert sich kurz, streckt seinem Kontrahenten dann die Hand entgegen. Ein Zeichen des Respekts. Doch dann, der Überraschungsangriff. Er schlägt Enigma von hinten mit dem Gürtel nieder und schlägt und tritt dann auf den am Boden Liegenden ein. Das ist unsportlich, aber es zeigt, wie wütend der Titelverteidiger ist. Hilfe kommt von Androide 787, der in den Ring stürmt und Manu vertreibt. Dann greift er zum Mikro – fordert er Manu heraus? Really? Leider versteht man kaum, was er sagt, Manus Antwort geht im Gebrüll unter. Schließlich schreit er, lässt sich feiern, er ist der Champion und wer gegen ihn antreten will, muss sich diese Chance verdienen. Dann wieder Auftritt: Die mutigste Oma Puerto Ricos, die sich vor Manu aufbaut – Manu, Du hast gegen die Frau keine Chance, gib ihr einfach den Gürtel! Sie sieht aus, als würde sie den Titelträger jede Sekunde ohrfeigen. Selbst der Versuch Manus, sie zu erschrecken, geht ins Leere. Solche ungeplanten Szenen sind dann doch immer noch die besten. Wir sind jetzt gespannt, was für die nächste Show ansteht – ich hätte da Vorschläge …

Tja, 20 Minuten noch, wir wissen, was kommt und an sich fände ich es total geil, aber für den Anfang wird meine Vorfreude getrübt – und dafür kann keiner vier kommenden Wrestler etwas. Zuerst zu ihnen: 2/3 von La Anexion treten gegen Gravedad Zero an. Vier absolut tolle Wrestler, lassen wir mal Mendoza außen vor, der Mann hat eine Wrestlingschule gegründet, der weiß sehr gut, was er macht und ist fähig, jeden Kampf zu führen und zu steuern, egal in welche Richtung.

Mark Davidson ist in der Form seines Lebens – wer dumme Kommentare über die hart antrainierten Muskeln auf Lager hat, kann die gerne für sich behalten, dahinter steckt eine derart krasse Disziplin, Diät und ein knallharter Trainingsplan, da würden viele beim einfachen Zuhören schon kapitulieren. Er ist aus der Wrestlingwelt nicht mehr wegzudenken. Man wartet auf den großen Vertrag, der ihn fest an eine Promotion bindet – und für uns hoffe ich, dass das nie passiert, ihm wünsche ich es hingegen. Auf der anderen Seite Justin Dynamite, der sich anfänglich für mich noch unter dem Niveau dieser Wrestler bewegt hat, doch weit gefehlt. Bereits 2019 stand gegen Mendoza im Ring und hat sich danach weiterhin verdient gemacht, sogar die AEW zeigt Interesse, also hab ich ihn maßlos unterschätzt (lo siento!). An ihm sieht man aber deutlich das Problem der puertoricanischen Wrestlingszene: Man kennt die Kämpfer einfach nicht. Woher auch? Puerto Rico ist zu klein und hat seinen Volkssport über Jahre hinweg von innen heraus und durch äußere Einflüsse zerstört und beginnt erst seit einiger Zeit wieder mit dem mühsamen Aufbau. Nach einiger Recherche zu diesem Artikel finde ich dann mal raus, dass er bereits 2016 für die WWL gekämpft und dort sogar einen Titel geholt hat, zusammen mit Mark Davidson, einem der heutigen Gegner. Um den Exkurs noch kurz weiterzuführen: Ein Wiki in englischer Sprache über PR Wrestling, die dortigen Ligen und vor allem die Wrestler wäre bombastisch! Macht halt keiner, weil es Arbeit ist, aber vielleicht finden sich ja einige Engagierte zusammen, um das aufzubauen. Hallo, Puerto Rico, es gibt das Internet, nutzt es umfassend, um euren Volkssport wieder groß zu machen und weltweit bekannter! Zurück zu „El Futuro„, den ich durch ein gemeinsames Video mit Olmo kennengelernt hab – und für mich steht er immer noch sehr im Schatten seines Tag Team Partners, auch außerhalb dieses Kampfes. Samuel Olmo verfolge ich dafür umso mehr. Mittlerweile veröffentlicht er regelmäßig Tutorials auf Instagram, absolut genial – würde ich nie nachmachen, aber wer mal gewisse Moves lernen möchte, probiere es aus! Es ist super erklärt! Samuel Olmo, ich glaube, wenn ich live am Ring sitzen würde, würde ich wie ein kleines Kind mit offenem Mund vor ihm hocken und ihn ehrfürchtig anstarren. Er ist ein absoluter Gigant der Sprünge und des Seiltanzes, die Schwerkraft scheint – daher auch der Tag Team Name – von ihm manchmal außer Kraft gesetzt zu werden. Der Kampfsporthintergrund (den ein Mike Mendoza und viele andere auch haben) hilft ihm sicherlich bei der Körperbeherrschung, aber nochmal: Was dieser Mann auf und von den Seilen vollführt, ist wahre Kunst! Diese vier starken Kämpfer treten nun also gegeneinander an. Mir würde Mendoza gegen Olmo reichen, ich hätte gerne mal Olmo gegen Dynamite – und wenn wir schon dabei sind: Nochmal Davidson gegen Mendoza wäre auch nicht schlecht, das geht quasi immer. Aber das ist ja jetzt kein Wunschkonzert (vielleicht für’s nächste Mal?), sondern ein festgesetztes Match, das … Moment, ja, genau, das ruft alte Erinnerungen wach, die Konstellation etwas anders, aber Davidson, Mendoza, Olmo, ein schwerer Tritt während des Tanzes auf dem Seil, das kennen wir von LAWE! Was also dürfen wir heute erwarten? Olmo und Dynamite treten auf, werden jubelnd empfangen und bereits die Art, wie sie den Ring betreten, macht klar: Hier kommt ein besonderes Duo. Kleiner Fakt am Rande: Justin Dynamite ist recht heiß auf den Titelgürtel, wer ist das nicht, Olmo ist derjenige, der ihn dabei unterstützt und nun etwas mit einem zickigen Mendoza zu klären hat, der sich querstellt und dieses Match partout nicht stattfinden lassen möchte. Mendoza und Davidson werden mit lauten Buh-Rufen empfangen, die andere Hälfte freut sich und klatscht Beifall, es fehlen die üblichen „Mike Mendoza“-Rufe. Tja, da wären wir wieder bei den Störenfrieden. Sie nennen sich Los Muchachos Wrestling und halten natürlich ein Pedro Portillo III Foto den beiden entgegen. Während Mike zu Beginn versucht, das Ganze zu ignorieren, geht Davidson sofort auf Konfrontation, zeigt die gestreckten Mittelfinger und ruft etwas in ihre Richtung. Als die zu singen anfangen, blickt „El Escorpion“ erst belustigt-genervt zu ihnen, dann geht die Diskussion los. Was die Muchachos rufen, verstehe ich nicht, Mittelfinger werden gezeigt, es sind jedenfalls keine Komplimente, die ausgetauscht werden. Mendoza hingegen macht klar, dass sie sich in seinem Haus befinden. Neben dem Mitschnitt von IWTV gibt es die Aufnahme von den Muchachos, die auf Instagram veröffentlicht wurde. Sie zeigt die beiden Wrestler von vorne und damit hat man einen perfekten Rundumblick. Er fordert sie auf zu gehen, man schmeißt sich einiges an den Kopf, als Mendoza sich im Ring präsentiert, rufen sie erneut etwas, was sein Missfallen auslöst (klingt nach „tráelo aqui“, also sowas wie „bring’s hier, beweise dich hier“), stimmen den Schlachtruf „Mike o Pesadilla“ an. Er wirkt genervt, das hier ist sein Haus, sein Event und da haben gewisse Dinge – berechtigterweise – nichts zu suchen, und ganz ehrlich: Es ist verdammt respektlos. Mendoza mag einiges als Profi wegstecken, sein Blick verrät an einer Stelle, wie scheiße dieser Aufzug ist. Während des Matches wird „Pesadilla“ gerufen, der Albtraum, der Gegner Mendozas beim LAWE Summerfest. Eine erbitterte Storyline, die Mendozas Familie angegriffen hat, die hier einfach nicht hingehört. (Und hier hatten wir noch keine Ahnung, welche Schlacht uns erwartet!) Ich kannte das Video der Muchachos vor Ausstrahlung auf IWTV und ich fand es da schon scheiße, sowas abzuziehen. Ja, wir sind alle Fans und haben unsere Favoriten, ja, Wrestling lebt ein bisschen von diesem dreckigen Gefrotzel und der biederen Provokation. Dennoch: Ihr versaut hier gerade einen tollen Abend, ein eigentlich großartiges Match – ob ihr es den vier Jungs da im Ring versaut habt, keine Ahnung, wie genervt Mike Mendoza wirklich war, ich weiß es nicht, aber mir versaut ihr das! Ich saß eine Stunde vor dem Screen, bis ich endlich diesen letzten Kampf abgespielt habe, weil ich nach 1,5 Wochen des Wartens und der Vorfreude mega angepisst war. Scheiß-Aktion und auch wenn ich weiß, dass Beleidigungen und unflätige Gesten im puertoricanischen Wrestling an der Tagesordnung sind: Hier gehören sie nicht hin, das ist eine andere Story, ein anderes Haus. Ich glaube, wenn ich vor Ort gewesen wäre, hätte ich mich definitiv nicht zurückgehalten und irgendwer hätte mich hochkant rausgeschmissen und mir auf ewig Hausverbot erteilt, aber die Muchachos hätten ihre Fresse gehalten.

Gab es eigentlich ein Match? Irgendwie schon, aber ich hab echt keine Lust mehr drauf – und da stehen drei meiner Lieblinge im Ring. Aber ich zwinge mich dazu, weiterzuschauen, ohne großartige Lust drauf oder Euphorie. Noch im Ring geht es weiter, dann schnappt sich Olmo das Mikro und greift den Referee Many an. Olmo hat natürlich einen special guest Referee im Gepäck: El Gentil. Das kann nicht gut gehen, das kann nicht fair sein, macht die Geschichte aber spannend. Der Kerl wird parteiisch sein, oder? Es geht los, keiner traut sich, immerhin halten die Idioten am Rand die Fresse. Davidson vs. Dynamite. Handschlag? Nein. Mittelfinger von Justin, Mendoza beruhigt die Parteien, geht in den Ring gegen Olmo. Handschlag. Pesadilla-Rufe. Es folgt ein scheinbar einfacher Trick vom Trainer. Er greift Olmos Hand, rollt sich über die Schulter ab und hat damit einen klaren Vorteil gegenüber seinem Gegner, dessen Arm er nun in einer unbequemen Position auf den Rücken dreht und ihn zu Boden zwingt. Olmo nimmt dessen Kopf zwischen die Beine, befreit sich, es gibt einen harten Schlag auf den Rücken. Beide stehen wieder auf. Es folgen mehrere Verdrehungen der Arme – wir sehen hier Wrestling auf ganz hohem Niveau. Das macht Spaß! Schließlich geht Olmo auf die Seile, hach, schön, wie er zwischen ihnen herumspringt, leider rutscht er ab und kann daher den geplanten Move nicht ganz sauber anbringen, Mendoza nutzt das aus, bringt ihm aber nicht viel. Dropkick, Mendoza klatscht ab und knockt Dynamite in der Ringecke aus. Olmo und Davidson kennen sich, das merkt man, aber so viel passiert dann gar nicht, ein schneller Wechsel, Mendoza fliegt vom Seil auf den auf der Matte liegenden Samuel Olmo, versucht einen Pin, Justin will eingreifen, muss er aber gar nicht. Immer wieder Olmo-Rufe, der steht mittlerweile in der Ecke und wird von „White Shadow“ bearbeitet. „El Arquero“ bestreitet dieses Match, er kämpft den Kampf für seinen Tag Team Partner und muss ganz schön einstecken. Mendoza kennt kein Erbarmen, aber immer wieder fliegt der Blick zu den Muchachos, ganz konzentriert ist er nicht, legt die Finger an die Lippen. Seid still! Olmo wirkt sichtlich angeschlagen, die Anexion klatscht ab, Mendoza möchte für Stimmung sorgen, aber das Publikum zieht nicht mit. Er tut mir leid – und die anderen drei Wrestler gleich mit. Olmo kann sich erneut einem Cover entziehen, scheint eine Aktion nicht ganz zu Ende bringen zu können. Beim nächsten Coverversuch schreitet Dynamite ein und unterbricht. Abklatsch, Mendoza ist dran. Schließlich hat er Olmo in der Ecke und schlägt ihm mehrfach auf die Brust, es ist laut, wie es sein muss, aber ehrlich, Samuel, hör bitte auf, so masochistisch zu sein und klatsch ab! Du brauchst eine Pause! Das tut er dann auch endlich. Und Dynamite ist bereit wie noch nie zuvor. Erst frühstückt er Davidson ab, dann befördert er Mendoza über das oberste Seil aus dem Ring, kickt ihm kurz drauf noch gegen den Kopf, versucht ein Cover. Die Sympathien sind auf Olmos (!) Seite. Davidson und Mendoza sind sich kurzzeitig nicht so einig, wer offiziell im Ring ist, daher kommt der Coverversuch etwas spät. Dynamite wird zum Spielball der beiden erfahreneren Wrestler, kann aber ausweichen, Kick gegen Davidson, während Olmo Mendoza aus dem Ring zieht und ihn gegen den Ringpfosten krachen lässt. Es geht schnell, Abklatsch oder doch nicht? Olmo will vom obersten Seil springen, während Davidson Dynamite außer Gefecht setzt, stößt Mike ihn dort runter, beide triumphieren im Ring. Dieser Kampf ist schnell, es passiert viel, man muss seine Augen überall haben. Mendoza posiert im Ring, es kommen Buhrufe aus der bekannten Ecke, es folgt diese Kussgeste, die zumindest bei uns in Deutschland sowas wie Kiss my ass bedeutet. Eigentlich soll es weitergehen, doch dann wird wieder diskutiert. Die nächste Aktion der Anexion geht schief, dafür kassieren sie einen Double Superkick, Mendoza stürzt aus dem Ring, Justin Dynamite nimmt Anlauf und fliegt aus dem Ring auf Mendoza durch einige Stuhlreihen. Währenddessen ein 450 Splash gegen Davidson. Das könnte das Ende sein, aber Mark kickt aus. Nun ist recht deutlich, wie es ausgehen wird, oder? Die beiden Ds bekämpfen sich erbittert im Ring, schneller Abklatsch, Mendoza springt rein, stampft auf Olmo (einer der Moves, die man bitte sowieso niemals zu Hause nachmacht, wenn man nicht weiß, wie das funktioniert!), Cover? Nein. Dann geht es wieder schnell, eine Aktion läuft schief, Olmo gewinnt die Oberhand, Superkick gegen Mendoza, der in der Ringecke zu Boden geht und schließlich noch Davidson mit vollen Gewicht abkriegt. Er rollt aus dem Ring, Davidson ist auf sich alleine gestellt und dem Duo ausgeliefert. Olmo will covern, Mendoza eingreifen, wird von Dynamite festgehalten. Gravedad Zero gewinnt! Ein tolles Match, großer Respekt an Samuel Olmo, der großartig abgeliefert und so viel eingesteckt hat! Wow! Die Anexion rappelt sich auf, Mendoza streckt Olmo die Hand hin, nach kurzem Zögern fallen sie sich in die Arme. Man kann nur raten, was „El Escorpion“ ihm ins Ohr flüstert, es dürfte ziemlicher Respekt sein. Olmo scheint sich verletzt zu haben, El Gentil führt ihn schließlich in den Backstagebereich, wenn man das so nennen kann. Davidson zollt Dynamite großen Respekt, denn der hat hier wirklich abgeliefert. Dies abwartend, setzt sich der Hausherr auf den Ringrand, streckt den Muchachos den Mittelfinger entgegen und geht dann wortlos, scheinbar wütend und enttäuscht an den Fans und Antifans vorbei. Es wirkt wie Rückhalt, Trost, wie Stärkung und Zuspruch nach dem Fehlverhalten der Muchachos als er „la reina de su mundo“, die Königin seiner Welt, küsst, bevor er verschwindet.

Wow! Mit jedem Event hat man den Eindruck, wird EPWD besser, erwachsender, erfahrener, nicht nur die Wrestler, sondern auch die Veranstaltungen. Was wir bei No Actors, Wrestlers aber vor allem gesehen haben, war Wrestling. Tolle Matches, klasse abgestimmte Begegnungen und Kontrahenten, die sich nichts geschenkt haben. Klar, die kennen sich alle ziemlich gut, aber das tut dem Ganzen ja keinen Abbruch, es macht trotzdem wahnsinnigen Spaß, zuzuschauen und einfach diese Liebe zum Wrestling, diese Leidenschaft und den gegenseitigen Respekt füreinander zu spüren. Wenn man sich Zeit nimmt und auch ein bisschen recherchiert, kann man ältere Begegnungen finden und teilweise deutlich die Entwicklung der Wrestler sehen, das macht riesen Spaß.

Besonders hervorzuheben an diesem Abend ist der Kampf um den Titel – vermutlich haben die meisten erwartet, dass Manu recht kurzen Prozess mit seinem Herausforderer macht. Hijo del Enigma hat vielleicht den Kampf seines Lebens geliefert, auf jeden Fall aber einen starken Willen und hohes Niveau an den Tag gelegt. Mann des Abends ist für mich trotzdem ein anderer: Samuel Olmo. Stellt man sich großteils alleine gegen 2/3 von La Anexion? Nein. Er hat es trotzdem gemacht und einen unglaublichen Kampf geliefert, „El Arquero“ hatte eine Mission und an diesem Abend hat er sich selbst übertroffen. Das ist kein Nachwuchstalent, das irgendwann mal groß wird, Samuel Olmo gehört für mich in die erste Garde nicht nur puertoricanischer Wrestler. Dieser Mann ist besser als die meisten aktuellen Champions der beiden großen US-amerikanischen Wrestlingpromotionen!

Gracias, Mike, gracias Espiritu y luchadores por este evento!

>>> click here for rough English version <<<

© pictures: Espiritu Pro Wrestling Dojo

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