Musik: Jeff Beck & Johnny Depp – 18


Bereits zweieinhalb Monate ist das Album 18 auf dem Markt, doch erst am 30. September konnte man die Scheibe auch endlich auf Vinyl erstehen. Jeff Beck und Johnny Depp haben sich während der letzten Monate für den Longplayer zusammengetan und alles hinter sich gelassen, was durch die Medien ging. Für viele war es eine große Überraschung, dass Schauspieler, Musiker und Künstler Depp mit auf die Tour des Gitarrenvirtuosen kam – seine Anwesenheit sorgte allerdings für ausverkaufte Häuser. Die Konzerte selbst waren eher mittelmäßig, die hatten ihre Schwächen und haben eigentlich nur durch den halbstündigen Auftritt des Hollywood-Beaus geglänzt. Beck selbst ist reiner Instrumentalist und das mag auf Platte funktionieren, live ist das für die meisten nach ein paar Nummern ziemlich langweilig. In München auf dem Tollwood wusste man bald schon gar nicht mehr, was man auf der Leinwand noch zeigen sollte, außer einen Wechsel aus Nahaufnahme von Becks Gitarre und der Gesamtansicht auf die Bühne. Die anfängliche Euphorie ließ beim Publikum, das gefühlt zu 90% wegen Depp gekommen war, auch schnell nach. Insgesamt war das Konzert eines der schlechteren für mich, nicht, weil die beiden nicht ihren Mann gestanden hätten, im Gegenteil. Musikalisch ziemlich gut, vor allem der Teil, in dem beide Künstler auf der Bühne standen (restliche anwesende Musiker blieben leider zu sehr im Hintergrund und um ihren Applaus betrogen), aber wenn man pro Minute 1 € bezahlt, dann muss da schon jemand anderes als Jeff Beck stehen. Oder Johnny Depp. Das Potential war viel zu schnell erschöpft, ein Ende gab es gar nicht, die beiden gingen einfach von der Bühne und das Publikum blieb wartend, dann ratlos und am Ende ziemlich sprachlos zurück. Noch immer rangiert das Konzert auf den hinteren Plätzen meiner bisherigen Konzertbesuche und noch immer ärgere ich mich über das arrogante Auftreten.


Zurück zum Album, das wurde natürlich auch angespielt. Die beiden haben hierbei Altbekanntes und Neukomponiertes vermischt. Zwischen den Coverversionen von so manchem geschichtsträchtigen Song, verbergen sich neue Schätze, die angeblich auch Seitenhiebe auf Amber Heard, Depps Ex-Frau beinhalten, mit der er sich lange Zeit in einem schmutzigen Gerichtsstreit befand. Davon will der erste Song aber nichts wissen. „Midnight Walker“, geschrieben vom irischen Musiker Davy Spillane, der das Stück bereits in den 1990er Jahren veröffentlichte im typischen irischen Stil mit Pipes und viel tragischer Ruhe. Beck interpretiert den Song neu, entnimmt ihm nicht die Melancholie, aber setzt natürlich seine Gitarre ein, um ihn darzustellen. Ein ruhiger Einstieg, der den Zuhörer herausträgt aus dem Alltag, ihn mitnimmt auf eine Reise durch 18 und ein bisschen zum tristen Herbstwetter passt. Wie ein langes Intro schmiegt sich der Song ans Trommelfell. Gute Wahl. Killing Joke steht dazu in einem krassen, halsbrecherischen Kontrast. Die Powernummer „The Death and Resurrection Show“ war beim Konzert abgefeiert worden und sorgte für ein tanzendes Zelt auf dem Tollwood mit roter Lightshow und immenser Power. Bereits das Original bricht ziemlich aus, aber Beck und Depp geben diesen Drums, diesem treibenden Rhythmus noch mehr Kraft – auch auf dem Album. Hier wirkt der Song erstmal moderner, dann ein bisschen zurückhaltend, bis er gänzlich hervorbricht und zur tanzbaren Nummer für nahezu jede Disco avanciert. 1977 veröffentlichte Dennis Wilson einen wunderbaren Lovesong, der viel zu wenig Beachtung fand in meinen Augen. Textlich nach der ersten Strophe nicht weiter anspruchsvoll, aber mit genügend Aussagekraft und wie eine zärtliche Umarmung. Bereits Wilson sang mit angerauter und dahinschmelzender Stimme. Nun ist es für die Mädels natürlich die Ballade schlechthin, wenn Johnny Depp sich der Nummer annimmt. Live singt er mit geschlossenen Augen, fühlt den Song, sehnt sich nach dem Trost, der in ihm steckt. Man bleibt dem Piano treu, baut dann aber ein wunderschönes Gitarrensolo von Beck ein, klar. Dabei bleibt man sehr nah am Original, macht nichts wirklich Neues, aber das muss man auch gar nicht. Weniger romantisch erscheint bereits der Titel des nächsten Songs. Waren wir gerade noch sehr zärtlich und verliebt, sehnsüchtig nach der Liebsten strebend, befinden wir uns nun mittendrin in der „Sad Motherfuckin‘ Parade“, geschrieben von Beck und Depp und immer wieder mit viel altem Hass auf die Ex-Frau interpretiert. Ob Depp wirklich an Heard gedacht hat, sei dahingestellt. Der Rhythmus nimmt dieses seltsam Bedrohliche auf, wird aber nicht aggressiv. Depp singt sehr tief, immer wieder kommt dieses „Big Time Motherfucker“ mit verzerrter Stimme rein, schon reichlich eigen, abwartend, fast schon lauernd. Vielleicht etwas anders, als man es erwartet, so richtig warm werde ich mit dem Song nicht, weil ich ihn für mich nur schwer einordnen kann. „Don’t talk (Put Your Head on My Shoulder)“ von Brian Wilson und Tony Asher folgt. Ruhige, instrumentale Nummer, die den Hass, dieses Lauernde, das Warten auf den nächsten Streit komplett herausnimmt und den Zuhörer wieder erdet. Das sind die ruhigen Momente in den 1980er-Jahre-Filmen, wenn sie verheult mit einem Glas Scotch in der Hand durch die leere Beverly Hills Villa geht in einem Hauch von Nichts und mit tränenüberströmtem Gesicht an den sie betrügenden Ehemann denkt. Gut, dem Titel nach geht es eher um die Zweisamkeit im Strandhaus, auf der Veranda sitzend, dem Regen zusehend und sich von der kühlen Meeresbrise das Haar zerzausen lassend. Hier dominiert natürlich wieder Jeff Beck mit seinen Gitarrenkünsten und man kann ihn direkt vor sich sehen, wie er zärtlich die Saiten streichelt. Genug davon, denn nun heißt es wieder: Johnny, your turn! Ich glaube, es war der erste Song, den man kannte vom neuen Album und mit dem man so richtig heiß auf die Scheibe wurde. „This Is a Song for Miss Hedy Lamarr“ brachte Google zum Glühen, da sicherlich viele nachlesen musste, wer Lamarr gewesen ist. Schauspielerin, Erfinderin, Liebhaberin, hoch geflogen, tief gefallen – und Johnny Depp schreibt einen geradezu zärtlichen, verteidigenden Song für sie. „Don’t believe, I can’t believe, I won’t believe humans anymore” – eine Zeile, die zu Depps Leben passt und hier würde ich viel mehr einen direkten Bezug zu ihm herstellen als bei anderen Songs zu Amber Heard. Er singt zurückhaltend, ruhig, ein bisschen traurig, live an den richtigen Stellen mit geschlossenen Augen und lässt damit Frauenherzen schmelzen. Auch hier wieder ein Gitarrensolo, das aber auch nicht ausbricht, keine Härte reinbringt, sondern den ruhigen Stil beibehält. „Who’s gonna stand up to give you relief“, fragt er noch und man erinnert sich unweigerlich doch an den Prozess, aber da muss der Songs bereits geschrieben und in trockenen Tüchern gewesen sein, dennoch gab es ja auch eine Prozessvorbereitung, von der die Welt weniger mitbekommen hat und in der genau diese Frage sicherlich mehrfach gestellt worden ist. Wieder eine ruhige Nummer von Brian Wilson und den Beach Boys: „Caroline, no“. Allerdings bleibt es instrumental und Beck lässt einzig seine Gitarre sprechen. Traurig, melancholisch, passt aber sehr gut und gleicht wieder den vorangegangenen Song aus. Zurück in das Jahr 1965, zu Smokey Robinson, Warren „Pete“ Moore und den Miracles. „Ooo Baby Baby“, das war damals schon eine Schmachtnummer, die Frauenherzen höherschlagen ließ und zum Schmelzen brachte. Nun also in der Beck-Depp-Version, wenig vom Original abweichend und fast ein bisschen zu ruhig, zu trivial, da erwartet man mehr als einen 1960er Jahre Verschnitt. „What’s Goin‘ On“, wieder ein Cover, langsam, etwas swingig, aber irgendwie ist die Luft raus. Der Pepp des Albums hat verdammt nachgelassen und man wandelt nun irgendwo durch die 1960er Jahre und verbleibt da, abgeschlagen, mit etwas zu wenig Eigeninterpretation. Fast schon ist man enttäuscht und hat Angst vor der nächsten Nummer, denn die gehört zu den Songs, die so oft gecovert wurden, dass man es nicht mehr zählen kann – und die man nicht covern darf, weil das in den meisten Fällen schiefgeht. „Venus in Furs“ vom grandiosen Lou Reed. Es beginnt schon kräftig, mit Macht, mit einer Fülle und einer deutlichen Portion Eigeninterpretation. Kein billiger Abklatsch oder verzweifelter Versuch, Reed nachzuahmen, was schon mal sehr positiv ist. Depp singt tief, fast rauchig, ruhig, lässt sich nicht treiben, hat aber dieses Mystisch-Erotische, Dunkle in seiner Stimme, das perfekt zu dem Song passt. Sehr gelungenes Cover, das so auch wirklich überall reinpasst und gut neben dem Original stehen kann. Danach wird es wieder ruhiger und etwas züchtiger. „Let It Be Me“ von Manny Curtis, interpretiert von unzähligen Künstlern, darunter die Everly Brothers, Elvis und – mein persönlicher Favorit, Willy DeVille. Dieses typische Hochzeitslied wird sehr langsam gesungen, eine Spur zu tragisch, aber es erfüllt seinen Zweck. Überzeugt mich trotzdem nicht so ganz. Vielleicht schafft es das Janis Ian Cover. „Stars“ beschreibt Aufstieg und Fall, das zuweilen recht tragische Leben von den Idolen, die wir anhimmeln. Und Johnny Depp singt so langsam und liebevoll, so leise wie ein großer Balladensänger. Man nimmt ihm den Song komplett ab. Zeitweise ist nur er mit einem Piano im Hintergrund zu hören, hin und wieder ein paar Akkorde auf Becks Gitarre, richtig schön gemacht, furchtbar traurig und ja, man kann sich mal wieder nicht erwehren, diese Interpretation auf das Leben des Schauspielers zu beziehen. Sechseinhalb Minuten schmachtet man sich durch ein Hollywoodleben, fremdbestimmt und für die Unterhaltung anderer bestimmt. Ein bisschen nachdenklich, traurig stimmend, schadet aber nicht. John Lennons „Isolation“ beschließt das Album. Was ruhig beginnt, wird schließlich kraftvoller ans Mikro gesungen, stellenweise fast schon trotzig. Am Ende zeigt Beck noch mal, was er an der Gitarre kann. Aus.

Man kann sich nicht erwehren, die meisten Songs und die Stimmung, die das Album mit sich bringt, lassen einen unweigerlich an Johnny Depps öffentliches Privatleben der letzten Monate denken. Wie viel wirklich auf sein Inneres, den Streit mit Amber Heard und das Heraustreten aus dem Schweigen zurückzuführen ist, bleibt für immer sein Geheimnis, aber eines darf man nicht vergessen: Während die Welt atemlos auf den Prozess gestiert hat und die Enthüllungen von Hass, Gewalt, Suff, Drogen, Fäkalien, Make-Up und Schauspiel verfolgte, war das Album bereits arrangiert, angeblich haben die beiden drei Jahre lang daran gearbeitet, man mag eine coronabedingte Unterbrechung einrechnen, dennoch ist vieles lange vor dem Prozess geschehen. Was wir also munter auf den Prozess beziehen, hat in Wirklichkeit gar nichts mit ihm zu tun. Mit der gemeinsamen Vergangenheit des tragischen Hollywoodpaares – vielleicht schon. Jeff Beck gerät hier allerdings in den Hintergrund – und das vermutlich vollkommen bewusst und beabsichtigt. Es war klar, dass sich die Welt auf Johnny Depp stürzen würde, gerade wegen des Prozesses, gerade weil er in aller Munde war und gerade weil die holde Weiblichkeit aus ganz verschiedenen simplen und auch ehrenwerten Gründen hinter dem Beau stand und steht. Beck selbst scheint das egal zu sein, er bringt sich ein, man erfasst sein virtuoses Gitarrenspiel an vielen Stellen, hört ihn, spürt ihn, und wenn wir ehrlich sind, zählt am Ende nur, dass die Kasse klingelt. Die Coverversionen sind gut gewählt und in den meisten Fällen auch sehr gut interpretiert, manches fällt ein wenig hinter dem Original zurück, weil es nur nachgesungen ist und der Eigenanteil zu gering ist. Depp selbst zeigt sich hier als Vollblutmusiker, natürlich überhört man seine Gitarre, aber seine Stimme ist auch der zentrale Punkt hier. Von zarten Tönen bis rauen Klängen hat er ein großes Repertoire und stellt den Abwechslungsreichtum zur Schau, seine Fähigkeit, Songs zu interpretieren, sie spürbar, fast schon sichtbar zu machen. 18 ist ein nachdenkliches Album für die dunklere Jahreszeit, für das Innehalten im Leben, ein bisschen Selbstmitleid und ganz wenig Hoffnung.

4/5

Jeff Beck, Johnny Depp – 18
Rhino Records, 2022
Länge: 55:14 min
CD / Vinyl / Stream ab 19,99 €

Tracklist:
Midnight Walker
Death and Resurrection Show
Time
Sad Motherfuckin’ Parade
Don’t Talk (Put Your Head on My Shoulder)
This Is a Song for Miss Hedy Lemarr
Caroline, No
Ooo Baby Baby
What’s Going On
Venus in Furs
Let It Be Me
Stars
Isolation (Nicht auf Vinyl enthalten)

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