CD: Fehlfarben – ?0??


„Keine Atempause, Geschichte wird gemacht, es geht voran!“ … So beginnt der erste richtige Hit „Ein Jahr (es geht voran)“ vom ersten Album Monarchie und Alltag von 1980 der Düsseldorfer Band Fehlfarben. Sänger Peter Hein und Bassist Michael Kemner verließen die Band gleich nach der ersten Platte, nur um 1989/90 wieder mit zu mischen. Erst im Jahr 2002 kam es zur endgültigen Wiedervereinigung der Kultband und der Platte Knietief im Dispo. In den letzten zehn Jahren ist es wieder laut geworden um die ehemaligen Postpunker aus dem Ratinger Hof. Fehlfarben sind da wie eh und je und Sänger Peter Hein hat was zu sagen. „Ein Jahr (es geht voran)“ war 1980, und dieses Jahr 2022 handeln die Jungs auf dem aktuellen Longplayer ab. ?0?? lautet der kryptische Titel der Platte, was aber nur eine Schreibart für 2022 ist. Zwölf Songs für zwölf Monate.

„In die Welt gestellt“ beginnt mit derselben Gitarrensäge wie seinerzeit ihre Kultnummer „Paul ist tot“. Man wähnt sich sofort wieder in den 80er Jahren. Peter Heins Stimme liefert wieder glasklar ab, auch wenn ein wenig die Aggressivität fehlt. Die fetten Drumbeats von Schlagzeugerin Saskia von Klitzing schieben mächtig voran. Und genauso fett geht es weiter in einem schnellen Ska-Beat und der macht sofort Lust auf die Tanzfläche. Textlich hat „Der letzte Traum“ eine dystopische Welt zum Thema. „Die Sonne sticht, es riecht nach Wüste … das Ende naht wer braucht noch ein Kind … Der Mensch stirbt aus, er hatte Pech“ sind Zeilen, die so erschreckend aktuell sind. Hein fragt „Wie lange soll das noch weiter gehen?“, aber gibt’s darauf überhaupt eine Antwort? In der gleichen Thematik bleibt Hein in „Nachhaltig“, welches treibend voran schiebt und von Pyrolator alias Kurt Dahlke mit allerlei synthetischen Gezirpe und Rauschen versehen wird. Der Gesellschaft den Spiegel vorhalten, das kann der Hein perfekt. „Auf was bist Du stolz? … geh Scheißen mit deinem Stolz“, rechnet er mit dem bescheuerten Stolz der Gesellschaft ab. „Tanz auf der Straße“ besticht durch ein sattes Bassgeschnarre aus dem Viersaiter von Fehlfarben Gründungsmitglied Michael Kemner.

Der Ursprung des nächsten Songs „Innenstadt Front“ geht zurück bis ins Jahr 1979. Die Vorgängerband, aus deren Ursuppe einst die Fehlfarben entstanden, hieß Mittagspause, und von derer ersten Scheibe stammt der Track, der mit 1:19 Minuten schön punkig kurz gehalten ist. Gegen die Originalversion stinkt die aktuelle Version leider ein gutes Stück ab, hat aber von der Aussagekraft nichts verloren. Ein traumhafter Bass wie einst bei Joy Division oder dem Nachfolger New Order leitet „Brot ohne Spiele“ ein, eine Dystopie, in der Textzeilen wie „Stimmen fehlen Lieder, Musik fehlt der Krach“ vieles ausdrücken. Das Saxofon von Frank Fenstermacher klingt so herrlich trüb wie Heins Ausblick in die Zukunft. Punkig fängt Fehlfarbens Abgesang an die BRD an. Hier rechnet Peter Hein mit unserem Land und der Denkweise der aktuellen Generation ab. Postpunkige Klänge wie von den Stranglers in ihren besten Zeiten kommen bei „Kontrollorgan“ aus den Boxen. Ein klasse Track – die Tanzflächen wären voll. „Bin ich im I oder hexadezimal? Hin und her operiert, Richtung egal. Normal ist das nicht, sag ich doch grad?“ … Herrlich, wie Heins Texte zum aktuellen Spiegelbild der Gesellschaft passen. Genauso wie grad eben, geht’s auch weiter. „Ich kann es kaum noch erwarten, wieder zu Hause zu sein. Egal wie sie uns dort verarschen, es ist mein, es ist dein“ … deutlicher kann man den Finger eigentlich nicht in die Wunde legen.
Holla, was ist jetzt los? Versuchen sich Fehlfarben jetzt in neuer deutschen Härte a la Rammstein? „Das Rennen macht müde“ verbreitet Endzeitstimmung wie man es deutlicher kaum auszudrücken vermag. Das glatte Gegenteil hört man musikalisch im letzten Song der Scheibe. „3 Kapitäne“ fängt mit einem Disco-Rhythmus an, bei dem man gleich „Love is in the Air“ erwarten könnte. Textlich betrachtet könnte unser Gesundheitsminister Klabauterbach mal hier reinhören und die anderen Superkoryphäen in Sachen Pandemie gleich mit ins Boot holen. Aber das Thema passt leider zu so vielen aktuellen Themen….. „3 Kapitäne“ im zeitweiligen Blindflug.

42 Jahre nach ihrem genialen Debutalbum Monarchie und Alltag kann man nicht erwarten, dass Peter Hein und seine Mitstreiter noch dieselbe Power wie 1980 haben, aber aussagekräftig ist Hein wie eh und je. Die Fehlfarben haben mächtig was zu sagen. Es wäre unserem Land zu wünschen, dass Fehlfarben mit der aktuellen Platte unseren Politikern mal die Gehörgänge durchblasen, aber ob unsere abgehobenen Volkszertreter die Texte auch kapieren?
Alles in allem eine spitzen Platte ,die jetzt schon Lust auf die nächste macht.

Volle Punktzahl für die Fehlfarben … 5 / 5

Fehlfarben – ?0??
01 – In die Welt gestellt
02 – Der letzte Traum
03 – Nachhaltig
04 – Stolz?
05 – Tanz auf der Strasse
06 – Innenstadt Front
07 – Brot ohne Spiele
08 – Europa
09 – Kontrollorgan
10 – Ich kann es kaum noch erwarten
11 – Das Rennen macht müde
12 – 3 Kapitäne

Peter Hein – Vocals
Saskia von Klitzing – Drums
Pyrolator – Keyboards, Synthesizers
Thomas Schneider – Guitars
Frank Fenstermacher – Saxophone, Keyboards
Michael Kemner – Bass

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