Buch: Karla Zarate – Das letzte Mahl


John Guadalupe Ontuno ist Küchenchef im Gefängnis Polunsky Unit. Hier wird noch die Todesstrafe vollzogen und die Insassen warten auf den Tag, der ihr letzter sein wird. Dann dürfen sie bei John Guadalupe ihre Henkersmahlzeit bestellen, die er ihnen zubereitet. Doch einer der Todeskandidaten verlangt kein Essen, sondern einen Mord…

Die Autorin Karla Zárate stammt aus Mexiko City und hat zuerst hispanische Literatur studiert und ihren Abschluss mit Auszeichnung gemacht. Danach promovierte sie in LA, um nun Psychoanalytik zu studieren. Mit ihrem Roman Das letzte Mahl möchte sie den Büchermarkt erobern, aber ob ihr das mit diesem Werk geling, ist fraglich. Was der Klappentext verspricht, ist eine „aberwitzige Reise in die dunklen Winkel der menschlichen Seele“; was das Buch bietet, ist etwas anderes. Man erwartet nach einigen Seiten, dass der Gefängniskoch seine eigene Form der Gerechtigkeit auslebt und sich an den Straftätern auf seine Weise rächt. Immer wieder wird das auch mal angesprochen, es sind eine Handvoll Sätze im ganzen Buch, dass John Guadalupe die Mahlzeiten für die Insassen fade hält und gerne verdünnt, was aber auch am knappen Budget liegt. Und für die Todeskandidaten? Die letzte Mahlzeit sollte ein Abschluss sein, eine Erinnerung an das Leben, was auch immer. Dank dem Chefkoch wird sie schon eine kleine Vorhölle, es fehlen bestellte Gerichte, das Essen ist versalzen oder zu scharf, zu wässrig, zu geschmacksneutral. Hier steckt eine gewisse Moral drinnen, der man sich möglicherweise nicht entziehen kann und das führt dazu, dass man sich selber einmal hinterfragen könnte, wie man zu den Death Row-Bewohnern steht. Daneben gibt es noch die Wärter, von denen man nicht viel mitbekommt, die anderen Angestellten, darunter ein Priester, eine Psychologin, die Küchenhilfen und Beiköche, und natürlich den Boss. Der ist so unsympathisch, wie man nur sein kann, raucht, trinkt, frisst, lässt sich von der indigenen Küchenhilfe regelmäßig einen blasen und hat natürlich ganz dem Klischee entsprechend eine fiese Erpressung gestartet, damit er von ihr auch bekommt, was er verlangt.

Vor manchen neuen Kapiteln bekommt man das georderte Menü der Todeskandidaten präsentiert und freut sich insgeheim darauf, dessen Geschichte, die versaute Henkersmahlzeit und die dramatischen letzten Stunden zu erfahren. Nö. Diese Bestellungen stehen wie kurze Notizzettel zwischen dem Fließtext, haben keinen Bezug, werden nicht wieder aufgegriffen, schweben zusammenhanglos im Nichts. Dafür erfährt man die sinnentleerte Lebensgeschichte des Kochs, ohne Zusammenhang und Ziel, ohne Highlights, mit Sexkapaden. Sein ständiges Gemecker über sein tristes Leben, seine Mutter, seinen Vater, seinen Boss, diese Arroganz gegenüber den Gefängnisinsassen, die irgendwann derart kotzig wird, dass man das Buch aus der Hand legen möchte. Eine blinde, sinnlose Verurteilung von den Todeskandidaten, Klischee-triefend, leer. Schwarzen Humor und die versprochene aberwitzige Reise sucht man vergebens. Man wartet buchstäblich bis zur aller letzten Seite auf die Auflösung, auf diesen Knall am Ende des Buches, der alles auflöst und eine Wendung bringt, die den Leser durchbeutelt. Aber nein.

Das letzte Mahl hat nichts, was das Buch empfehlenswert macht. Es ist eine sinnentleerte Aneinanderreihung von Wörtern, die ziellos Bäume getötet hat für den Druck. Gerne sucht man einen gewissen mexikanischen Humor darin, aber auch der fehlt. Die Chance, sich wenigstens mit der Thematik der Todesstrafe auseinanderzusetzen, wird nicht genutzt. Ein bisschen muss man sich nach dem Sinn des Buches fragen und warum man sich die Mühe gemacht hat, das Werk zu übersetzen und auf den deutschen Buchmarkt zu schmeißen, als Hardcover! Man kann jedes Buch schönreden und eine tiefere Bedeutung hineindichten und anderen sagen, sie hätten es nicht verstanden – aber hier finde ich nichts, rein gar nichts. Sehr schade.

1/5

Karla Zárate – Das letzte Mahl
Heyne Hardcore, 2022
240 Seiten
Hardcover: € 20,00

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