Der kleine Alastair Ian Stewart, geboren drei Tage nach Kriegsende im September 1945 in Glasgow, wuchs ohne Vater auf, denn sein Vater, Flight Lieutenant bei der RAF, starb bei einem Flugzeugabsturz während eines Trainingsfluges nur wenige Monate vor der Geburt seines Sohnes. Seine Mutter zog mit dem kleinen Alastair, genannt Al, nach Bornemouth, einem Küstenstädtchen im Süden Englands. Dort ging er bis 1962 zur Schule, wo er sich mit dem jungen Robert Fripp anfreundete, welcher ihm das Gitarre spielen beibrachte. Dieser Robert Fripp sollte einige Jahre später eine kleine unbedeutende Band namens King Crimson gründen. Mit seiner Gitarre war er Feuer und Flamme für den Folk, der in den Anfängen der Sechziger Jahre neben dem Beat und den Rhythm and Blues der Beatles, Kinks und der Rolling Stones in England vorherrschte. Überall gründeten sich Bands und nahmen ihre ersten Platten auf. Al Stewart beherrschte seine sechs Saiten bald perfekt, was ihm erste Auftritte mit Bands seiner Heimatstadt ermöglichte. London war einer der Hot-Spots in Sachen Musik für ganz Europa, und so zog Stewart schnellstens in die englische Hauptstadt, weil dort die Szene regelrecht explodierte. Auch das Komponieren machte ihm Spaß und so stand sein Name schon bald als Künstler auf den Programmzetteln von diversen Clubs in London. Sein Repertoire bestand aus Coverversionen von Bob Dylan nebst eigenen Stücken. Teilweise fungierte er auch als Ansager von anderen Künstlern, zum Beispiel Paul Simon, mit dem er auch kurzzeitig in einer WG wohnte. Im Jahre 1966 wurde ein Talentsucher auf ihn aufmerksam, und so ergatterte er seinen ersten Plattenvertrag beim Majorlabel DECCA. Seine erste Single „The Elf“ verkaufte sich leider keine 500 mal. Den Titeltrack komponierte Stewart selber, während die B-Seite „Turn into Earth“ eine Coverversion von den Yardbirds war. Der Gitarrist der Yardbirds, ein Kerl namens Jimmy Page spielte bei der Aufnahme von Al Stewart sogar mit, ist aber nirgends vermerkt. Mit dem Erfolg unzufrieden wechselte Stewart die Plattenfirma und ging zur Columbia, wo auf deren Sublabel CBS 1967 sein Debütalbum Bedsitter Image erschien. Es verkaufte sich ganz ordentlich, so dass schon zwei Jahre später der Nachfolger Love Chronicles erschien, welches von der führenden Musik-Zeitschrift Melody Maker zum Folkalbum gewählt wurde. Derartig beflügelt brachte Stewart auf CBS weitere vier Alben heraus. Zero she flies (1970) und Orange (1970) blieben im bewährten Folk-Fahrwasser, mit denen er persönliche Erlebnisse und allgemeine Themen vertonte. 1973 brachte er mit Past, Present and Future ein Konzeptalbum raus, in dem er sein Geschichtsinteresse in den Vordergrund stellte, unter anderem die Prophezeiungen des Nostradamus. Mittlerweile verlagerte Al Stewart sein Interesse hin zum amerikanischen Markt. Modern Times von 1975, produziert von Alan Parsons, verkaufte sich in Europa nicht mehr in dem Umfang wie früher, so dass sich Stewart und CBS trennten. Folk war Mitte der 70er Jahre nur mehr eine Randerscheinung, vor allem in Europa. Die alten bekannten Bands brachten ihre letzten guten Alben auf den Markt. Der aufkeimende Punk war ebenso wie die nach Europa schwappende Disco-Welle das Ding der Stunde. Easy Sound, der sogenannte Yacht-Rock und Westcoast beherrschte den US Markt. Im Fahrwasser der Eagles erreichte Modern Times aber sogar die amerikanischen Hitparadenplätze.
Mit RCA fand Stewart dann aber eine neue Plattenfirma, welche die beiden erfolgreichsten Alben von Al Stewart herausbringen sollten. Als Produzenten wählte sich Stewart wieder Alan Parsons, der etwartungsgemäß viele Musiker kannte, die bereits bei ihm und mit ihm in den Abbey Road Studios aufgenommen hatten. Aus dem Umfeld von Steve Harley’s Cockney Rebel holte sich Parsons den Drummer Stuart Elliot, Tim Renwick, ehemals bei Junior’s Eyes, David Bowie und Quiver für die Gitarre, ein weiterer Gitarrist war Peter White. George Ford von Medicine Head zupfte den Bass, das spätere Mitglied von Van Der Graaf Generator, Graham Smith spielte die Harmonica, Peter Wood bediente neben Stewart selbst und Don Lobster die Keyboards. Das Cover wurde wie auch Parsons Debütalbum von Colin Elgie und der Meisterwerkstatt von Hipgnosis entworfen und zeigte in einem comicartigen Bild einen Tisch (?) oder eine Kommode mit allerlei Krimskrams drauf und Ausschnitten von Katzen.
Ohne Einleitung geht die erste Seite los mit „Lord Grenville“, einem Easy-Listening-Folk-Pop Stück, welches von einer klaren Leadgitarre lebt. Da Alan Parsons in den Abbey Road Studios gleichzeitig mit dem Debütalbum Tales Of Mystery And Imagination – Edgar Allan Poe seines Alan Parsons Project beschäftigt war, und Andrew Powell dort dafür Orchesterarrangements konzipierte, holte Produzent Parsons kurzerhand Powell auch für Year of the Cat zur Unterstützung dazu. Dessen Streicherteppich verwandelt den Opener „Lord Grenville“ in einen etwas süßlichen Touch, man möchte fast schwülstig sagen. Mit einem Piano-Intro beginnt das folgende „On the Border“, ein leiser Rhythmus, nur auf der Hi-Hat gespielt, treibt den Track an. ein Keyboardteppich bereitet den Boden, auf dem der Bass und eine spanische Gitarre den Song bestimmen. Textlich ist der Song zweigeteilt. Im ersten Teil geht es um Schmuggel an der spanischen Grenze, während der zweite Teil im südlichen Afrika die damaligen Unabhängigkeitskämpfe beschreibt. „On the Border“ eroberte schon kurz nach der Veröffentlichung die Tanzflächen in den Clubs. Ein wunderbar perlendes Fender Rhodes Piano leitet „Midas Shadow“ ein, in dem Stewart einen Rückblick auf seine Zeit in Los Angeles abbildet. Einerseits das harte einfache Leben in Armut und als Kontrast dazu das protzige, verschwenderische Leben der reichen Superstars. Ihm selber war das an den Zimmermädchen im Continental Hyatt Hotel auf dem Sunset Strip aufgefallen. Ein hartes, schlecht bezahltes Arbeitsleben, das Streben nach etwas Luxus, im Gegensatz zu den geldigen Hotelgästen, wie zum Beispiel Led Zeppelin oder den Rolling Stones. Bob Dylans „Like a Rolling Stone“ inspirierte Al Stewart zum folgenden „Sand in your Shoes“. Angelehnt an dessen Stil erzählt uns Stewart hier von einer Frau von den Inseln, die in die Stadt zieht, aber deren unruhiger Geist sie immer weiter treibt, also auch von ihm weg. Ein perlendes Piano und eine Ziehharmonika bestimmen diesen beschwingten Song musikalisch. „If it doesn’t naturally, leave it“ handelt davon, dass man zu seinen Idealen, seinem eigenen Stil stehen und sich nicht verbiegen sollte. Wenn etwas nicht von alleine zu einem kommt, bringt es nichts, es zu erzwingen. Beim letzten Track der ersten Seite gibt Stewart ein wenig Gas und in schönster Westcoast Manier a la Eagles treibt der Song voran.
„Flying Sorcery“, der die zweite Albumseite einläutet handelt von einer Frau, die gleich einer tollkühnen Pilotin die Initiative ergreift und den Sänger in ein heißes Liebesabenteuer verwickelt. Diese Affäre hält aber nicht ewig … die Pilotin fliegt weiter zum nächsten Stopp. Die Leadfiguren werden hier von Gitarre und Mundharmonika abgebildet. In einem fast schunkelndem Rhythmus erzählt uns „Broadway Hotel“ von einem mysteriösen Hotelgast, der irgendwie auf der Flucht zu sein scheint. Er bittet um ein Zimmer mit Aussicht, eine Unterhaltung mit einem Hotelangestellten verläuft schleppend. In seinem Zimmer verbirgt sich der Gast vor der einsetzenden Nacht und sinniert über die Worte des Angestellten. Andrew Powell darf hier wieder seine Streicher einbauen. Von Reinkarnation handelt „On Stage before“. Ein Künstler, der das Gefühl hat, dass er nicht zum ersten Mal im Hier und Jetzt auf einer Bühne steht, sondern dass bereits viele Künstler vor und nach ihm auf dieser Bühne standen und stehen werden. Die Interpreten entstehen neu und werden nach Jahren wieder zu Staub, eine Vergänglichkeit, in der nur die Musik und der Ort gleich bleiben. Hier arbeitet Parsons an einigen übereinander geschichteten Keyboardflächen, die dem Song manchmal einen mystischen Touch verleihen. Ein Riff, welches der Keyboarder Peter Wood regelmäßig bei den Proben auf einer Al Stewart Tournee anstimmte, gefiel Stewart so gut, dass er unbedingt einen Text dazu verfassen wollte. Ein astrologisches Buch seiner damaligen vietnamesischen Freundin inspirierte Stewart zum Titeltrack des Albums. Das Jahr des Hasen ist in Vietnam das Jahr der Katze und es wird die Geschichte von einer Affäre eines Reisenden mit einer geheimnisvollen Frau erzählt, von der er nur weiß, dass sie laut eigener Aussage aus dem Jahr der Katze komme. Die Reisegruppe fährt weiter, während er im Jahr der Katze festhängt. Der abschließende Softrock Song beginnt mit einem Piano-Intro, gegen Mitte des Songs darf Andrew Powell wieder seine Streich-Arrangements pflanzen. Laut Al Stewart hören sich Saxofone an wie verwundete Kühe, und deswegen mag er das Instrument nicht. Alan Parsons ließ den englischen Saxofonisten Phil Kenzie ein Sax-Solo einspielen und da Parsons diese Idee super fand, setzte er sich gegenüber Stewart durch. Dadurch bekam „Year of the Cat“ einen so lässig dahin groovenden Touch, welcher zwei Jahre später auch „Baker Street“ von Gerry Rafferty auszeichnen sollte.
Year of the Cat war in den USA, England und Deutschland sehr erfolgreich und erreichte als Album und auch in Single-Auskopplungen die Hitlisten. Gleiches gelang ihm mit den Nachfolgern Time Passages von 1978 und 24 Carrots von 1980. Danach wurde es ruhig um Al Stewart, sein folkiger Pop kam in den quietschbunten 80er Jahren nicht mehr bei der Masse an. Nach einem Live Album und Russians & Americans von 1984 gingen Stewart und RCA getrennte Wege. Seit 1988 bringt Al Stewart in regelmäßigen Abständen neue Platten auf den Markt, teils bei Major Labels wie der EMI, teils auf verschiedenen Kleinlabels, oder in verstärktem Maße im Eigenvertrieb ohne Plattenfirma. Al Stewart ist auch bis in die heutige Zeit live unterwegs. So wie die alten Folkmusiker in kleinen und mittleren Locations, direkt nah an seinem Publikum, welches immer gespannt auf „On the Border“, „Year of the Cat“ oder „Time Passages“ wartet und in seligen Erinnerungen schwelgt. „Year of the Cat“ bezeichnet Stewart als seinen Signature-Song. Mit diesem wird sein Sound fast immer assoziiert. Auf jedem Fall haben Al Stewart und seine Musik bis heute nichts von ihrem Zauber verloren.
Al Stewart – Year of the Cat
A1 – Lord Grenville
A2 – On the Border
A3 – Midas Shadow
A4 – Sand in your Shoes
A5 – If it doesn’t naturally, leave it
B1 – Flying Sorcery
B2 – Broadway Hotel
B3 – On Stage before
B4 – Year of the Cat
