Aisling Rawle – Das Spiel


„Lily wacht zusammen mit neun anderen jungen Frauen in einer künstlichen Anlage mitten in der Wüste auf. Bald treffen zehn Männer ein – falls sie den Marsch zu Fuß durch die Wüste überleben. Sie sollen sich zu Paaren zusammentun, jeweils eine Frau und ein Mann. Alle sind jung und schön, alle wollen der echten Welt eine zeitlang entfliehen. Unzählige Kameras übertragen jede Bewegung, unsichtbare Producer geben Anweisungen und stellen Regeln auf, denen unbedingt Folge geleistet werden soll. Die Kandidat*innen treten in Challenges gegeneinander an. Die Grenzen zwischen Verlangen und Verzweiflung verschwimmen. Was muss Lilly tun, um zu gewinnen? Welchen Preis zahlt sie dafür? Welche Allianzen schmiedet sie? Und was passiert mit den Verlierern, die nach und nach ausscheiden?“ (Quelle: Klappentext)

Die Geschichte wird aus der Sicht von Lily erzählt und wirkt wie eine typische Realityshow. Eigentlich ist sie das auch, eine Mischung aus Big Brother und Love Island. Frauen und Männer müssen nachts gemeinsam in einem Bett schlafen, sonst fliegt man raus. Es gibt Gruppen- und Einzelchallenges und irgendwie ist alles lustig und leicht und eine Show. Aber mit der Zeit verändern sich die Charaktere. Das, was man zeigen will, weicht dem, was man nicht zeigen wollte, aber nicht über Monate hinweg verstecken kann. Und am Ende haben doch nicht die Kandidaten alles in der Hand, sondern eben die Zuschauer und Producer. Während man die Seiten umblättert, ist man zwischen Langeweile und Neugier gefangen. Wird hier nur eine Realityshow beschrieben? Intrigen, Schönheit, Rauswählen? Dem Zuschauer gefallen oder versuchen, unter dem Radar zu bleiben? Nein, es ist weit mehr.

Erst mit der Zeit bemerkt man, dass hinter der Oberflächlichkeit mehr steckt. Die Rewards sind Geschenke von Firmen, deren Namen man dankbar in die Kamera sagen muss. Man bekommt, was man sich verdient, kann aber anscheinend ein bisschen steuern, was man bekommt, indem man irgendwie das Gespräch mit den Mitstreitern darauf bringt. Oberflächliches Leben, orientiert an Followern und Konsum. Aber es geht tiefer. Rawle beschreibt im Grunde das Leben. Das Streben nach Glück, nach Liebe, nach Geld, Reichtum, Anerkennung, nach immer mehr. Nach dem Gesehen werden und dem Schein. Alles, was wir sind darstellen, tun wir nicht für uns und sind nicht wir selbst. Lily möchte in der Show bleiben und diese gewinnen, weil sie aus dem Leben, das sie hatte, ausbrechen möchte. Es war langweilig, trivial, aber das hier, das ist aufregend. Man bekommt alles, was man will, muss ein paar Aufgaben erfüllen und wenn man gewonnen hat, darf man so lange in der Wüste in dem Haus bleiben, wie man will – und bekommt, wonach man verlangt. Dieses Ziel hat Lily, das treibt sie an. Wer ist sie selbst? Verändert sie sich? Möglich. Sind Gefühle echt oder liegt man nur neben einem Mann, um das Haus nicht verlassen zu müssen? Vielleicht.

Es wird bald deutlich, dass es nicht um das Spiel an sich geht, sondern das Rawle einen exorbitanten gesellschaftskritischen Roman geschrieben hat. Es geht nicht mehr um Grundwerte wie Liebe, Glück, Ehrlichkeit und Treue. Es geht um Materielles, Reichtum, Macht, Gesehen werden. Das alles erreicht man mit Lügen und Intrigen, die anderen werden einem egal, Mitgefühl gibt es nicht. Nur das Streben nach mehr. Es wird selbstverständlich, dass einige auf der Strecke bleiben und man selbst denen nicht hilft, die darum bitten. Aber was man bekommt, ohne dafür etwas zu tun, verliert schnell an Reiz und Wert. Das beweisen die Teilnehmer der Show sehr schnell. Und was bleibt?

Rawle hat ein faszinierendes Buch geschrieben, das Realityshow, Influencer, Konsum und die heutige Gesellschaft kritisch unter die Lupe nimmt. Ein Must-Read!

5/5

Aisling Rawle – Das Spiel
btb Verlag, 2026
400 Seiten

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