Live: Sex Pistols, feat. Frank Carter + The Damned – 06.07.2026 – Tollwood München


Ich war noch nie ein Punk Fan. Punk war mir zu primitiv, zu dahingerotzt, zu dahingekotzt. Ich hab fast alles verweigert, was mit dieser Subkultur zu tun hat … bis ich mir einmal bewusst Never mind the Bollocks von den Sex Pistols angehört hatte. Bääääämmm … meine Fresse, war das Teil eine Wucht. Eigentlich eine Rock-Platte, die vor ungezügelter Energie gerade so strotzt, die vorwärts treibt und einen mitreißt. Ich hab mir die Scheibe dann gleich drei oder viermal hintereinander komplett angehört. Die Originalpressung der LP steht mittlerweile schon über 30 Jahre in meiner Sammlung, und ich hör sie zwischendurch immer wieder gern aufs Neue.
Punk entstand ziemlich gleichzeitig Mitte der 70er Jahre in London und New York, wenn man den Punk-Vorläufer, den Garagenrock a la Sonics, Velvet Underground, Stooges, MC 5, Suicide oder Troggs mal weglässt.
Als erste Punkplatte Großbritanniens zählt die Single „New Rose“ von The Damned, die im Oktober 1976 rauskam, einen Monat vor „Anarchy in the U.K.“ von den Sex Pistols. Bei den Longplayern waren The Damned ebenfalls ihren Kollegen von den Pistols voraus. Damned Damned Damned vom Februar ’77 gegen Never mind the Bollocks vom November ’77. Die Sex Pistols lösten sich immer mal wieder auf und kamen wieder zusammen, The Damned blieben durch die Bank als Band zusammen. Beide Bands wechselten immer mal wieder die Mitglieder, blieben aber stets präsent mit Auftritten oder neuen Platten.

50 Jahre – ein halbes Jahrhundert nach der Zündung des europäischen Punks – war es dann soweit. Die Sex Pistols kamen für eine 50th Anniversary Show live aufs Tollwood Festival nach München. Für mich war klar … auch wenn die alten Männer vermutlich einiges von ihrer aggressiven Attitüde eingebüßt haben sollten, wollte ich sie zumindest einmal live gesehen haben. Drei der vier legendären alten Mitglieder sind heute noch oder wieder dabei. Bassist Glen Matlock, Gitarrist Steve Jones und Drummer Paul Cook wollen den Münchnern heute Abend zeigen, dass sie es immer noch drauf haben, abzufeiern. Der originale Sänger John Lydon, alias Johnny Rotten hat seit 2009 keinen Bock mehr auf seine alten Mitstreiter und tourt lieber mit seiner zweiten Band P.I.L., aka Public Image Ltd. durch Europa. Erst im Juni war er damit live in Köln. Als Ersatz für Lydon war Frank Carter mit dabei. Carter war Mitglied der Hardcore-Punkband Gallows, der Alternative Rock Band Pure Love, und spielt seit 2015 mit seinem eigenen Projekt Frank Carter & The Rattlesnakes, wieder näher am Hardcore-Punk orientiert.

Beim Ticketkauf stand auf den Karten nur „+ Special Guest“. Erst einige Tage vor der Show erfuhren wir, dass es sich beim Special Guest um keine geringeren als ihre alten Kollegen von The Damned handeln würde. The Damned hatten wir schon als Support von Motörhead 2014 live gesehen. Seinerzeit war ihr Auftritt aber eher etwas lauwarm und ohne Druck.
Wie also schon bei ihren ersten Platten 1976 kamen The Damned auch 50 Jahre später an diesem Abend ihren Freunden zuvor und waren vor den Sex Pistols an der Reihe. Konzerte auf dem Tollwood müssen aus Lärmschutzgründen pünktlich im 22:00 Uhr beendet sein, weil ein Zelt den Schall nicht zurückhält wie feste Mauern, und sich das Tollwood mitten in der Stadt befindet. In die Tollwood Musik Arena passen circa 6000 Leute, Beginn sollte im 19:00 Uhr sein. Bei Ankunft stellten wir fest, dass das Zelt nur gut zur Hälfte gefüllt war. Da schönes Wetter war, würden viele vermutlich noch auf dem Tollwood Gelände unterwegs sein, oder aus Unwissenheit über den Support-Act erst später kommen.

Ein paar Minuten nach 19:00 Uhr war es dann soweit, die Lichter gingen aus, das Intro erklang und The Damned legten los.

Los gings mit dem „Love Song“ vom 79er Album Machine Gun Etiquette, gefolgt von „Second Time around“ aus dem Jahre 1980, welches auf dem Black Album zu finden ist. Seinerzeit nur auf einer Single B-Seite drauf, war „Nasty“ von 1984. The Damned legten gleich mal ein solides Package aus ihren glorreichen Zeiten hin. Das Publikum war aber etwas abwartend mit den großen Jubelarien. The Damned wandelten ja ihren Sound im Laufe der Jahre vom Punk hin zu Psychedelic und Gothic. Die Songs der Setlist sind alle bekannt … „Stranger on the Town“ oder „Fan Club“ aus den alten Tagen, zündeten aber genau so wenig wie „Disco Man“ von 1993. Sänger Dave Vanian, wie meistens in schwarz gekleidet, versteckte sich hinter einer dichten schwarzen Sonnenbrille, Raymond Burns, besser bekannt unter seinem Künstlernamen Captain Sensible feuerte seine Riffs in bekannter Manier ab. Hinter der Schießbude saß Ur-Mitglied Christopher „Rat Scabies“ Millar, der 2023 wieder zur Band zurückkam, und Bassist Paul Gray, der das erste Mal 1980 zu The Damned stieß, zupft die dicken Saiten sehr solide und knackig auf seinem Rickenbacker. Jüngstes Mitglied von The Damned ist Keyboarder Monty Oxymoron, der aber auch schon seit 1996 dabei ist. Nach „Generals“ von ’82 kamen zwei Cover Songs an die Reihe. „Making Time“ von The Creation, und das unvermeidliche „Eloise“, der Schmachtfetzen von Barry Ryan. „Ignite“ vom Strawberries Album war der letzte Song aus den 80ern. Ihre allererste Single, „New Rose“ machte den Auftakt zu einem 70er Jahre Block als Abschluss. „Neat Neat Neat“ und „Smash it up“ waren noch eigene Kompositionen, aber als krönenden Abschluss kam ihr Stooges Cover „I feel alright“, welches auch auf ihrer Debüt-LP zu finden ist.

Als Fazit kann man sagen, dass The Damned sicherlich eine gute Band sind, aber in erster Linie noch von ihrem Ruf als englische Ur-Punks leben. Sie haben ihren Sound ja im Laufe der Zeit gewaltig verändert, haben sich ja im Gegensatz zu ihren Kollegen von den Sex Pistols nie aufgelöst. Wer erwartet hatte, hier eine Band zu hören, die den ursprünglichen harten Punk Rock immer noch lebt, wurde mit Sicherheit enttäuscht. Wie schon 2014 als Support von Motörhead war die 65 minütige Show ganz nett, aber mehr auch nicht. Etwas lauwarm aufgewärmt, würde ich sagen.

Nach dem Umbau der Backline war es aber dann um 20:30 Uhr soweit. Die wohl legendärste Punkband neben den Ramones betrat die Bühne. The Sex Pistols are back in Town.

Gegründet wurden die Sex Pistols 1974 von Paul Cook und Steve Jones. Glen Matlock ersetzte Gitarrist Warwick Nightingale bei der noch namenlosen Vorgängerband. Steve Jones wechselte vom Gesang zur Gitarre, und als Ende August 1975 John Lydon als Sänger zur Gruppe stieß, war die Band fix. Am 5. November 1975 spielte der Vierer das erste Mal unter dem Namen Sex Pistols ein Konzert. Diese vier Musiker gelten als die Gründer der Sex Pistols. In dieser Besetzung spielten die Pistols ein Album ein, aber schon nach der ersten Single „Anarchy in the UK“ verließ Matlock die Band aufgrund ständiger Streitereien mit John Lydon, der sich mittlerweile Johnny Rotten nannte. Matlock wurde von Sid Vicious am Bass ersetzt. Lediglich bei zwei Songs der ersten und einzigen Studio LP schrieb Vicious mit, der Großteil der Songs stammt in erster Linie aus der Feder von Glen Matlock. Die Sex Pistols blieben immer wieder mal ein paar Jahre zusammen, lösten sich auf und reformierten sich nach einer Pause wieder. 2009 war dann aber Schicht im Schacht … bis 2024 wieder mal eine Reunion anstand. John Lydon wollte dieses Mal aber nicht mehr dabei sein, hatte es doch drei Jahre zuvor einen Rechtsstreit zwischen Lydon und dem Rest der Band gegeben, wegen Nutzung der Songs in einer Fernsehserie.
Als Ersatz holten sich die Alt-Punks den 30 Jahre jüngeren Frank Carter mit ins Boot.

Mittlerweile waren noch einige Leute in das Musikzelt gekommen, aber viel mehr als gut 3.500 Leute wurden es trotzdem nicht. Eigentlich schade, aber vielleicht hätte man viel früher bekannt geben sollen, wer der Special Guest ist. Außerdem dürften die WM und das schöne Wetter auch zum Teil ausschlaggebend gewesen sein, dass die Musik Arena nicht voll war.

Mit dem Album Opener „Holidays in the Sun“ ging die Sause los. Da stehen drei ältere Herren um die 70 Jahre auf der Bühne, und der junge Frank Carter ist schlichtweg ein Jungbrunnen für die drei Senioren. Carter, stylisch in ein Motörhead Shirt gewandet, ist eine Rampensau erster Sahne. „Seventeen“, „New York“ … die Songs der Never mind the Bollocks LP donnerten knackig durch die Arena. Bei „Pretty Vacant“ sangen bereits fast alle mit und feierten die Band. „Bodies“ war jetzt an der Reihe und Frank Carter begnügte sich nicht mit seiner Bühne. Als auf seine Ansage, er wolle jetzt mal einen richtigen „Mosh Pit“ sehen die Leute etwas verhalten reagierten, drückte er seinen Mikrophonständer kurzerhand einem Gast in der ersten Reihe in die Hand und kletterte über die Absperrung mitten ins Publikum. Inmitten der Fans forderte er diese auf, jetzt mal einen richtigen „Circle Pit“ um ihn herum zu veranstalten … und die Fans legten los. Wie ein großer Wasserstrudel kreisten die Leute um Carter, während er sich die Seele aus dem Leib sang. Da die Tollwood Musikarena ein Zelt ist, kletterte Carter kurzerhand auf einen der mittig stehenden Masten und sang in ein paar Metern Höhe weiter. Während es sonst Stage Diving gibt, war es hier sozusagen ein Mast Diving. Auf hunderten von Händen, über den Köpfen der Fans, wurde Frank Carter zurück zur Bühne getragen, wo es mit dem ersten Cover-Song weiterging. „I’m not your stepping Stone“, ursprünglich von Paul Revere and The Raiders wurde ebenso begeistert gefeiert wie das folgende „Liar“. Paul Cook lieferte einen wuchtigen Beat, Glen Matlock seine soliden Bassläufe und Steve Jones spielte seine fetten Riffs wie auch seine Soli wie aus einem Guss. Als musikalischen Leckerbissen will ich das T-Shirt von Paul Cook erwähnen. Hatte er doch tatsächlich ein Shirt mit dem Schriftzug von NEU! an, einer der weltbekanntesten deutschen Kraut-Elektrogruppen. Mit ihrer zweiten Single „God save the Queen“ trieb es die Stimmung auf einen neuen Höhepunkt. Lautstark sangen alle begeistert mit, die Arena kochte. Eine weiter Coverversion kam jetzt dran. Wie schon The Damned betrachten die Sex Pistols ihre amerikanischen Punk-Urväter von den Stooges als große Vorbilder. Iggy Pop lieferte schon 1969 den ungehobelten rauen Sound ab, der ein Merkmal des Punk werden sollte. „No Fun“, einer der größten Stooges Hits, fegte durch das Zelt, aber mit „No Feelings“ und „Problems“ kamen sofort wieder Eigenkompositionen an die Reihe. Da die englische Plattenfirma EMI seinerzeit den Plattenvertrag mit den Sex Pistols nach einem etwas provokanten Auftritt in einer TV Show aufkündigte, schwelte der Hass der Band auf das Label. Der Song „E.M.I.“ ist einer der Höhepunkte auf der LP, er wird von den Fans geliebt. Mit eben diesem Song trieben die Pistols die Stimmung weiter hoch.

Nach solch einem furiosen Finale braucht’s etwas Erholung. Jones und Matlock setzten sich auf den Drum-Riser von Cook, und eine intime und langsame Version von „My Way“ wurde angestimmt. Geschrieben von Paul Anka und zum riesen Hit gemacht von Frank Sinatra, verwandelten die Sex Pistols den Song in eine treibende Nummer, die bestens ankam. Was jetzt aber folgen sollte, war schlichtweg ein Urknall. Die wohlbekannten Textzeilen „Right now – I am an Antichrist – I am an Anarchist“ donnerten durch das Zelt, und mit ihrer ersten Single „Anarchy in the U.K.“ explodierte der Vulkan. Frenetische Jubelstürme trieben die Band zum Höhepunkt. Der ursprüngliche Dreieinhalb-Minuten Song wurde locker auf das doppelte ausgedehnt.
Mit dieser Explosion endete das Konzert relativ aprupt, Zugaben gabs keine. Die englischen Punk-Väter scheren sich eben nicht um irgendwelche Konventionen, sie spielen immer schon nach ihren eigenen Regeln, und das sehr gut.

„Heiligs Blechle“ würde der Schwabe jetzt sagen … was war das denn?
Die alten Punk-Senioren zeigen dem Publikum noch immer, was eine Harke ist. Der Jungspund Frank Carter ist wahrlich eine Frischzellenkur für die drei verblieben Ur-Pistols. John Lydon hat hier und heute wahrlich keiner vermisst, soll er ruhig mit seiner Public Image Ltd touren, der Stimmungszenit wurde von den Sex Pistols heute nach München verlegt. Die Pistols haben genau ein einziges Studioalbum in ihrer Karriere veröffentlicht, alle weiteren waren Live-Alben oder Zusammenstellungen und Neuarrangements. Heute Abend haben sie neben drei Coverversionen jeden einzelnen Song aus Never mind the Bollocks – Here’s the Sex Pistols live dargeboten.

Als Fazit bleibt zu sagen: The Damned haben nicht, oder eben genau das angeboten, was zu erwarten war. Relativ wenig Punkrock, sondern ihren eigenen Mix aus psychedelischen Gothicklängen mit einer Prise Punk Attitüde im Sound. Sehr solide und souverän runter gespielt, aber ohne den zündenden Funken im Publikum zu platzieren. Das war ganz nett, aber eben nicht mehr. The Damned alleine würden sich heutzutage vermutlich grade mal um die 500 Leute live anschauen.

Von den Sex Pistols hab ich mir vorgestellt, dass alternde Punk-Senioren ihre alten Songs nochmal aufkochen, ihren Stiefel runterspielen und ihren Lohn dafür kassieren, die Rente damit aufbessern. Aber weit gefehlt, die Sex Pistols sind in einen Jungbrunnen namens Frank Carter gefallen. Der Kerl passt perfekt zu den alten Herren. Von der ursprünglichen aggressiven, zerstörerischen und radikalen Grundstimmung haben sie einiges eingebüßt. Dazugekommen ist aber dafür eine professionelle Souveränität, eine Spielfreude, mit der sie ihre ebenfalls älter gewordenen Fans mitreißen und junge Fans neu hinzugewinnen können. Die Sex Pistols haben gezündelt, eine kleine Lunte angezündet. Es konnte aber keiner ahnen, dass an dieser Lunte ein riesiger Knaller dranhängen sollte. Die alten Männer machten mächtig Spaß. Ich würde mir die Sex Pistols jederzeit immer wieder live anschauen.
Für mich persönlich war der Sex Pistols Auftritt das beste Konzert 2026 bisher.

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