Flashback 50 – Manfred Mann’s Earth Band – The Roaring Silence – August 1976


1976 war Manfred Mann schon ein erfahrener alter Hase im Musikbusiness. 1940 im südafrikanischen Johannesburg unter dem Namen Manfred Sepse Lubowitz geboren, nahm er zusammen mit seinem Schulfreund Harry Miller bereits 1959 und 1961 zwei LPs mit der Rock’n‘ Roll Band The Vikings auf. Nach seinem Umzug nach London gründete Lubowitz zusammen mit einem Kumpel namens Mike Hugg die Mann Hugg Blues Brothers, die sich, nachdem sie einen Plattenvertrag mit der EMI ergattert hatten, in Manfred Mann umbenannten. Bis 1969 lieferten sie einen Hit nach dem anderen ab. „My Name is Jack“, „Do wah diddy diddy“, „Fox on the Run“, „Pretty Flamingo“, „Mighty Quinn“, „Ragamuffin Man“, „Ha! Ha! Said The Clown“ stehen nur auszugsweise für die vielen Hits, die da auf den Markt kamen. Dann gingen die Musiker im Einvernehmen getrennte Wege und Mann und Hugg gründeten die Jazz-Rock Formation Manfred Mann’s Chapter Three, mit der sie 69 und 70 zwei hervorragende, aber erfolglose Jazz-Rock LPs aufnahmen. Nachdem sie mit der Manfred Mann Band stilistisch im Blues und Rhythm & Blues und mit der Chapter Three Formation im Jazz-Rock beheimatet waren, wollte Lubowitz jetzt direkt in Richtung Rock schwenken. Zusammen mit Colin Pattenden am Bass und Gesang, Chris Slade an den Drums, Mick Rogers an der Gitarre und den Lead Vocals, und ihm selbst an den Keyboards gründete er 1971 die Manfred Mann’s Earth Band. Beim ersten, selbstbetitelten Album, und dem Nachfolger Glorified Magnified, beide von 1972, entstand ein Rocksound, der noch viele R&B und Jazz-Rock Elemente beinhaltet. Mittlerweile wurden die Songs länger, die instrumentalen Orgel- und Keyboardpassagen ausgefeilter, und der Sound mäanderte auf die progressive Schiene. 1973 brachten sie mit Messin‘ und Solar Fire zwei grandiose Alben raus. Mit The Good Earth 1974 und Nightingales & Bombers 1975 kamen zwei LPs heraus, aus denen der progressive Teil eher in den Hintergrund rückte, und ein straighter Rocksound vorherrschte. Mit der Earth Band war Manfred Mann auf einem zweiten Peak seiner Karriere. Manfred Mann brachte auf seinen Platten seit Beginn immer wieder Coverversionen unters Volk, viele davon aus der Feder von Bob Dylan. Auf Nightingales & Bombers war ein Cover namens „Spirits in the Night“, welches vom Debütalbum Greetings from Asbury Park von Bruce Springsteen stammte. Dieses Springsteen Debüt hatte es Lubowitz anscheinen angetan, und so wollte er einen zweiten Song auf sein nächstes Album draufpacken … (mit „For you“ schaffte es sogar noch ein Song von Greetings… auf eine Earth Band LP, Chance von 1980). Mick Rogers spielte in seinen musikalischen Anfangstagen Kontrabass und Bassgitarre. Bei den Aufnahmen zu Nightingales & Bombers hatte Rogers das Gefühl, er könne sich nicht voll ausleben und musikalisch entfalten. Da Mitte der 70er Jahre Fusion das Ding der Stunde war, und Rogers eher der Sinn nach Sounds wie von Frank Zappa oder John McLaughlin stand, verließ er die Earth Band und ging nach Australien.

Manfred Mann hatte seine Alben seit den Anfangstagen von Chapter Three im selben Studio in der Old Kent Road in London aufgenommen. Anfangs hießen die Räumlichkeiten Maximum Sound Studios, wurden aber umbenannt in The Workhouse Studios. Und folgerichtig rief Lubowitz seine Mannen nach London, um ihr neuestes Werk in Angriff zu nehmen. Für den scheidenden Mick Rogers kam der aus Aberdeen stammende Schotte Dave Flett auf den Gitarristenposten. Flett spielte vorher bei lokalen Bands in Aberdeen und London. Den Gesang übernahm der in Neuseeland aufgewachsene Engländer Chris Algernon Thompson, der mit seiner Band Central Park Reunion 1975 zwei Singles aufgenommen hatte. An der Reglern des Mischpultes saß Laurence „Laurie“ Latham, der Stamm-Engineer der Studios, das sandfarbene Cover zeigt ein großes Ohr, in dessen Gehörgang ein schreiender Mund platziert ist. Den Albumtitel The Roaring Silence, die dröhnende Stille, bildet dieses Bild hervorragend ab. Es symbolisiert den Unterschied und das gleichzeitige Vorhandensein von laut und leise in der Musik der Manfred Mann’s Earth Band. Albumtitel und Band-Logo der Earth Band sind optisch reliefartig vertieft über dem Ohr platziert. Das Coverdesign stammt aus den Shirtsleeve Studios, die in dieser Zeit für einige Covers von englischen Künstlern verantwortlich waren, unter anderem Uriah Heep, Richard Thompson , Steeleye Span oder Jethro Tull.

Los geht’s mit der bereits erwähnten Coverversion von Bruce Springsteen. „Blinded by the Light“ aus dem 73er Debüt vom Boss startet mit einem Keyboardlauf von Mann, der Rhythmus wird von Slade nur leise auf der Hi-Hat gebildet. Auf diese beiden Instrumente setzt sich die prägnante Stimme von Chris Thompson mit der ersten Strophe obendrauf. Nach einer halben Minute setzt der Bass ein und die typischen Töne eines Moog Synthesizers bestimmen das Klangbild. Es ist ein Auf- und Abschwellen der Musik, gegen Mitte darf Flett seine Gitarre solo klingen lassen. Während bei Springsteen der Track noch ein roher Folksong war, brachte Mann mit seinen Synthies dem Song mehr Tiefe. „Blinded by the Light“ handelt vom jungen Springsteen in den 60ern, eine Coming-of-Age-Geschichte und dem Lebensgefühl der Jugend in New Jersey, einer wilden Vollgas-Autofahrt in einem alten Hot-Rod bei der der Fahrer weiter Gas gibt obwohl er vom Gegenverkehr geblendet wird. „Blinded by the Light“ sollte einer der Signature-Songs und größten Hits von Manfred Mann werden. In den USA erreichte die Single Platz 1 der Billboard Charts. Für Bruce Springsteen sollte diese Earth Band Version der einzige Platz eins in seiner Geschichte werden. Das folgende „Singing the Dolphin through“ ist wieder ein Cover. 1975, ein Jahr zuvor hatte einer der Gründer der Incredible String Band, Mike Heron auf seinem Album Mike Heron’s Reputation seinen melancholischen Folk-Song „Singing the Dolphin“ platziert, und wie schon bei „Blinded…“ machte Mann aus der ruhigen Nummer einen Song mit mehr Drive. Zuerst ruhig, dann Synthesizerflächen, ein Gitarrenmittelteil, der hier aber von Chris Thompson gespielt wird und wieder Keyboards. Die letzten eineinhalb Minuten werden vom Saxofonsolo von Barbara Thompson, der Ehefrau von Jon Hiseman von Colosseum, bestimmt. Inhaltlich handelt „Dolphin…“ von einer Flucht aus dem grauen Plymouth, Hoffnung und den inneren Wunsch nach Frieden auf einem Segelboot, die vom Singen der Delphine begleitet wird. Manfred Mann war einer der großen Fans der Synthesizer vom Amerikaner Robert Moog und deren charakteristischen unnachahmlichen Klang. Beim letzten Song der Seite A, „Waiter, there’s a Yawn in my Ear“, einem Instrumentalstück aus der Feder von Manfred Mann, lässt Mann seinen Moog aufheulen und teilt sich die Solo-Parts brav mit Dave Flett. Der Track war eine Liveaufnahme der letzten Tour und wurde nachträglich im Studio leicht bearbeitet.

Die zweite Seite beginnt mit „The Road to Babylon“, einem Stück, welches auf Grundlage vom Kanon „By the Waters of Babylon“ aus der Feder von Philip Hayes stammt. Textlich basiert der Song auf dem Psalm 137, „„An den Strömen von Babel….“ einem der bekanntesten Psalmen in der Bibel. Er besingt die Trauer und die Vertreibung des jüdischen Volkes, das weinend an Euphrat und Tigris sitzt und sich an seine Heimat erinnert, welche von Nebukadnezar II einst erobert und zerstört wurde. Die Stimmung wechselt von hymnischen Chorgesang zu treibendem Rocksound und wieder zurück. Geschrieben wurden alle Songs der zweiten Seite von der Manfred Mann’s Earth Band. „This Side of Paradise“ hat einen ruhigeren flirrenden Anfangs- und Endteil, der Mittelteil von Manns Moog Klängen solistisch bestimmt. Prägnant sind die Bassläufe von Colin Pattenden. Textlich geht es um einen Erzähler, der die Tage an sich vorbeiziehen sieht, den Blick oft in Richtung Himmel gerichtet. Er denkt an Isolation, das Gefühl der Entfremdung und Einsamkeit auf der hiesigen Seite vom Paradies. „Starbird“ fährt im bewährtem Fahrwasser wie zuvor schon „The Road to Babylon“. Hymnischer Gesang zu Beginn und am Ende, und im Mittelteil duellieren sich beide Gitarren und Moog in Sololäufen. Das Grundgerüst zu „Starbird“ wurde fast notengetreu von der Orchestersuite von Igor Strawinskys „Feuervogel“ übernommen, aber rhythmisch versetzt und klanglich verfremdet. Beim abschließendem elegischem „Questions“ bleiben wir bei der Klassik. Basierend auf Impromptu; Opus 90; Nr. 3; Ges-Dur; D889,3, einem Klavierstück von Franz Schubert aus dem Jahr 1827 hat der als Komponist angegebene Chris Slade die menschliche Suche nach der Wahrheit, dem Sinn und Selbsterkenntnis bei einer Reise ins innere Ich und den unerfüllten Antworten beschrieben. Der prägnante Gesang von Chris Thompson bestimmt diesen Song.

In den USA kam ein Jahr nach Veröffentlichung eine LP Version auf den Markt, die an einem grauen Cover erkennbar ist. Auf dieser befindet sich eine zusätzliche neue Version von „Spirits in the Night“, der Springsteen Nummer aus dem Nightingales & Bombers Album bei dem Chris Thompson anstelle von Mick Rogers singt.

Mit The Roaring Silence war Manfred Mann an der Spitze von diversen Hitlisten angekommen. Es war das bis dahin kommerziell erfolgreichste Album der Manfred Mann’s Earth Band. Colin Pattenden verließ die Earth Band und wurde durch Pat King ersetzt. Die Nachfolgealben Watch von 1978, Angel Station von 1979 und Chance von 1980 festigten den hervorragenden Ruf der Earth Band. Anschließend gab es einige Besetzungswechsel in der Earth Band und der Sound wandelte sich eher hin zum Mainstream. Das letzte und 14. Studioalbum der Earth Band war Soft Vengenance von 1996. Manfred Mann ist aber bis heute mit seiner Earth Band live unterwegs und zehrt zurecht von den großen Hits aus den 70ern. Fragt man Leute nach einem Song von der Manfred Mann’s Earth Band, wird zu 80% immer „Blinded by the Lights“ genannt. Als fest zementierter Signature Song unverkennbar und soundtypisch für Manfred Lubowitz und seine Earth Band.

Manfred Mann’s Earth Band – The Roaring Silence
A1 – Blinded by the Light
A2 – Singing the Dolphin through
A3 – Waiter, there’s a Yawn in my Ear
B1 – The Road to Babylon
B2 – This Side of Paradise
B3 – Starbird
B4 – Questions

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