CD: The Rolling Stones – Blue & Lonesome


Was macht eine Band, die eigentlich schon alles erreicht und erlebt hat, was möglich ist? Sie macht das, was gar keiner von ihr erwartet – nicht einmal sie selbst. Eigentlich wollten sich Jagger & Co. vor gut einem Jahr im Studio versammeln, um an einem neuen Stones-Album zu arbeiten. Wie so oft plätscherten die Ideen zum neuen Werk aber nur dahin und so vertrieben sie sich die Zeit mit dem Sound, der dafür verantwortlich war, dass vor 54 Jahren die beiden Studenten Mick Jagger und Keith Richards auf dem Bahnhof in Reading ins Gespräch kamen. Der alte Chicago Blues. Ihrer alten Liebe Blues war es geschuldet, dass sich im Studio so eine gute Laune entwickelte, so dass der ursprüngliche Plan von neuen Stones-Songs flugs ad acta gelegt wurde und stattdessen gleich eine komplette LP mit dem Sound ihrer großen Vorbilder entstand. Die Namen Walter Jacobs, Chester Burnett, Samuel Maghett, Lermon Horton, Eddie Taylor, Ewart J. Abner Jr. oder Jerry West werden den meisten Musikfreunden erstmal nichts sagen. Willie Dixon, Jerry Reid oder Otis Hicks, besser bekannt unter dem Namen Lightning Slim vielleicht schon. Für die beiden Studenten Jagger und Richards aber waren sie damals die großen Legenden, denen es in den Swinging Sixties nachzueifern galt. Und als ob es das letzte halbe Jahrhundert gar nicht gegeben hätte, rumpelt es jetzt mit einer Spielfreude aus den Lautsprechern, dass man unweigerlich mitzappeln muss beim Hören. Keith Richards und sein kongenialer Gitarrenpartner Ronnie Wood spielen sich die Bälle auf den sechs Saiten nur so zu. Jaggers Stimme jault und heult as it’s best. Sein Mundharmonikaspiel ist mehr als aller Ehren wert. Kommentar Richards: Er sei einer der besten Harpplayer, den er kenne. Drummer Charlie Watts groovt im Hintergrund, dass man fast meint zu sehen, wie er am grinsen ist. Der dezente Bassgroove von Darryl Jones und das perlende Piano von Chuck Leavell, der sich seine Sporen seinerzeit bei den Allman Brothers verdient hatte, passen perfekt zu Richards und Woods krachendem Spiel an den sechs Strings. Wenn man auch nur einen Funken Bluesfeeling intus hat, kommt man gar nicht drum rum, mitzuswingen. Es ist beileibe nichts Neues, was die alten Schulfreunde da bieten, Bluesalben gab’s immer wieder. Die Stones erfinden das Rad nicht neu. Aber muss man immer wieder etwas Neues erfinden, wenn doch das Alte sowas von genial ist? Bei weitem nicht. Die Rolling Stones zelebrieren den Blues auf ihre Weise, so dass ihre Freude an der Musik aus jeder Note tönt.

Blue & Lonesome beinhaltet zwölf Songs von alten Meistern. Allesamt sind es Coverversionen, die aber die ureigene Handschrift der Rolling Stones aufzeigen. Die Scheibe eignet sich auch sehr gut als Einstieg für ein neues Publikum, um die alten Haudegen des Chicago-Blues neu kennenzulernen.

5/5

The Rolling Stones – Blue & Lonesome
Polydor, 2016
CD: 9,99 €


Tracklisting:

01 – Just your Fool
02 – Commit a Crime
03 – Blue and lonesome
04 – All of your Love
05 – I gotta go
06 – Everybody knows about my good Thing
07 – Ride ‚em on down
08 – Hate to see you go
09 – Hoo Doo Blues
10 – Little Rain
11 – Just like i treat you
12 – I can’t quit you Baby

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