LIVE: Roger Waters – 09.05.2023 – Lanxess Arena – Köln


Nach etlichen Querelen, Vorwürfen, Diskussionen, Drohungen und zurückgezogenen Absagen bleibt am Ende des Tages glücklicherweise zu sagen – viel Rauch um Nichts. Roger kam Gott sei Dank trotz viel Gegenwind nach Deutschland! Die Eindrücke des Abends in Worte zu fassen, wirkt schier unmöglich. Aufgrund von fehlender Auslastung wurde der Oberrang, wo sich unser ursprünglicher Platz befunden hätte, gar nicht geöffnet. Nach kurzer Konfusion haben wir herausgefunden, dass alle, die dort oben Karten hatten, ein „kleines“ Upgrade kriegen. Mit Ausnahme des Oberrangs war die Arena nun doch fast vollständig ausverkauft.
Um circa 20:20 Uhr beginnt die Show.

„Hello, hello, is there anybody in there“, ertönt es nach einem ohrenbetäubenden Gewitter. Waters spielt die düstere 22er Lockdown-Version des The Wall Hits „Comfortably Numb“ zu Beginn. Man sieht ihn aber nicht. Die Bühne ist in der Mitte der Halle aufgestellt und kreuzförmige, riesengroße Videowände zeigen das Musikvideo zu dem Stück. Doch dann: Der Song ist aus, die Wand fährt hoch und Roger Waters betritt die Bühne und gibt den Lehrer aus The Wall und zeigt ins Publikum „You! Yes, you!“

Gänsehaut, Freudentränen, ich bin schon wieder bedient für den ganzen Abend. Visuell ist das, was passiert kaum in Worte fassen. Reizüberflutung trifft es noch am ehesten. Man weiß gar nicht, wo man eigentlich hinschauen soll. Es gibt überall etwas zu sehen! Auf der einen Seite gibt es die zehnköpfige Band, die den gesamten Abend über absolut perfekt abliefert, egal ob an Tasten, Saiten, Fellen oder Stimmen … alles par excellence. Im Gegensatz dazu über ihnen diese riesigen Screens, die entweder aufklärendes und zum Teil schreckliches Bildmaterial zeigen, das sich in erster Linie gegen die amerikanische Regierung seit Reagan richtet. Missstände, Rassismus, Krieg, ungeahndeter Mord, Rechtsextremismus, Konsum wird angeprangert. Hier bleibt kein Auge trocken. Es fallen Namen wie Sophie Scholl und Anne Frank, aber bleibt auch brandaktuell. Quasi ein historischer Abriss über menschenverachtendes Verhalten.

Roger sagte, wem das nicht passt, soll an „The Bar“ gehen. Dieser Song ist bis jetzt noch unveröffentlicht und spricht von einem Spot, wo man sich hin zurückziehen kann, ohne für seine Meinung attackiert und diffamiert zu werden. Waters spielt diesen Track auf dem Klavier – eine mitreißende, eingängige, emotionale Nummer. Da kann man sich nur auf die Veröffentlichung freuen. Zuvor gab es weitere Solotracks seiner Werke Radio K.A.O.S. und Amused to Death. Es ist schließlich ein Roger Waters Konzert und kein Pink Floyd Gig. Die Songselektion ist gelungen und es macht Spaß, diese Nummern live zu erleben.

Neben der harten Kost, die toll inszeniert ist, gibt es traumhaft schöne Artworks passend zu den Songs, Lichteffekte und für mich als absoluter Floyd-Fan viele alte Bilder der Band, vor allem von Waters und Syd Barrett zusammen. Die Bilder sind alle von vor 1968 – David Gilmour wird weder erwähnt noch gezeigt. Der schier nie endende und kürzlich wieder ordentlich angefeuerte Streit der beiden wird durch Stille deutlich genug. Nach den Solonummern beginnt die Hommage an den 2006 verstorbenen Gründer und Frontmann der Band aus Cambridge. This is Not a Drill, der Name der Tour, spielt auf die Vergänglichkeit und Härte des Lebens an. Vor dem Hintergrund seines frühen Todes wird klar, was er damit meint.

Es wird das 1975er Wish You Were Here Album gespielt, begonnen mit dem Song, den dieses Mal, anders als auf dem Album, Roger singt. Währenddessen werden auf den Screens alte Fotos von den Jungs gezeigt und in Schreibmaschinenschrift die Geschichte der Bandgründung erzählt. Sehr emotional und für die Fans ein unvergessliches Erlebnis. Nach dem Titeltrack, in den die Lanxess Arena aus voller Kehle einstimmt, kommt die Barrett-Hommage schlechthin „Shine on you crazy Diamond“, aber wie auf der Platte Part VI-VII als Anschluss an „Wish you were here“.
Wir gehen weiter in der Zeit zum Animals Album. Dystopie a la George Orwell passt gut in die heutige Zeit und wie könnte es anders sein, fliegt ein überdimensionales aufblasbares Schaf durch das Rund der Arena zu den Klängen von „Sheep“. Damit endet der erste Teil des Konzertes.

Nach ungefähr 20 Minuten Pause geht es weiter. Wieder mit The Wall, aber diesmal genau wie in dem Spielfilm. Standarten mit den beiden Hämmern hängen von der Decke runter und anstatt des von Bob Geldof gespielten Pink kommt Roger Waters in SS-Hommage mit langem Ledermantel auf die Bühne und singt „In The Flesh“ und danach „Run Like Hell“, bei dem die ganze Halle aufgefordert wird, rhythmisch zu klatschen – die Stimmung ist direkt wieder angeheizt. Kurzzeitig musste man sich vergewissern, ob der Unterrang der Südkurve noch lebt, als er mit einer MP darauf schießt. Während dieses drastischen Spektakels fliegt ein riesiges Schwein durch die Halle mit der Aufschrift „Fuck The Poor“ und „Steal from the Poor – Give to the Rich“.

Wahnsinnige Bilder und eine so spezielle Stimmung. Roger Waters ist einfach ein ganz Großer, das steht außer Frage. Es wird wieder ruhiger bleibt aber kritisch und nachdenklich mit zwei Nummern seiner aktuellsten Soloplatte Is this the Life we really want?“. Dann gibt es passend zum 50. Jubiläum die komplette Seite Zwei vom legendären Dark Side of the Moon Album, begonnen mit „Money“. Waters hat sich seinen Fender Bass umgeschnallt und gibt den legendären Basslauf zum besten. Optisch umgesetzt mit dem altbekannten Prisma, welches von den Scheinwerfern entlang der Bühne erzeugt wird, und zum wiederholten Male eine absolute Augenweide ist. In der Mitte auf den Monitoren ist, wie in der Innenseite des Klappcovers, der bunte Herzschlag abgebildet. So etwas in dieser Qualität und Klasse live erleben zu dürfen, macht einen einfach nur glücklich, von meinem Lieblingssong „Us and them“ gar nicht erst zu reden. Mit dem den Atomkrieg thematisierenden „Two Suns in the Sun“ mit Roger nochmals an der Akustikgitarre, wird der Schluss eingeleitet. Die Band versammelt sich um das Klavier ihres Anführers und stößt passend zu „The Bar“ mit Mezcal an. Und greifen das Stück nochmal im mittleren Teil des knapp an die 15 Minuten langen Tracks an. Waters bezieht sich auf Bob Dylans episches „Sad-Eyed Lady of the Lowlands“, bei dem er lyrisch ein wenig stibitzt hat.

Jon Carin holt für das letzte Stück das abends ein Marxophone raus. Eine Art Zither und sie spielen „Outside the Wall“. Nach einem Gänsemarsch um die komplette Bühne verabschiedet sich die Band und spielt backstage das Stück unter tosendem Applaus zu Ende.

Ein schwer zu beschreibender Abend aus Show, Sound, Kino, Theater, Spektakel und Politik geht zu Ende. Dass Roger Waters sich mit 79 Jahren immer wieder neu erfindet und dermaßen up to date ist, was die Show betrifft, ist einfach nur bemerkenswert. Als Fan aber auch als neutraler Zuschauer kommt man gar nicht aus dem Staunen und Zelebrieren raus. Seine harte Sicht auf die Realität gehört einfach dazu und hält ihn fit. Anders als die Massenmedien, die auf ihm herumhacken, sollte man einfach mal die Punkte im Programm suchen, bei denen man wirklich sagen kann: „Nein, das sehe ich anders“. Reflektiert und liberal soll es in seiner sinnbildlichen Bar sein. Das wäre doch ein schöner Ansatz. Roger Waters und seine Band plätten einen als Zuhörer einfach, sodass man comfortably numb die Heimreise antritt, aber nicht so wie im Song, sondern in a good way. Eins meiner besten Konzerte überhaupt!

Setlist:
01 – Comfortably Numb (2022 Version)
02 – The happiest Days of our Lives
03 – Another Brick in the Wall – Pt.2
04 – Another Brick in the Wall – Pt.3
05 – The Powers that be
06 – The Bravery of being out of Range
07 – The Bar
08 – Have a Cigar
09 – Wish you were here
10 – Shine on you crazy Diamond – VI-VII & V
11 – Sheep
12 – In the Flesh
13 – Run like Hell
14 – Deja Vu
15 – Is this the Life we really want?
16 – Money
17 – Us and them
18 – Any Colour you like
19 – Brain Damage
20 – Eclipse
21 – Two Suns in the Sunset
22 – The Bar (Reprise)
23 – Outside the Wall

Ein Kommentar

  1. TOP Konzert Kritik
    Kann ich nur bestätigen (waren gestern in der Olympiahalle / München)
    Was für ein Spektakel, gut das sich die angedrohte Konzert-Absage auch hier mangels entsprechender Rechtsgrundlage bereits im Vorfeld erübrigt hatte (viel Rauch um Nichts).

    Wüsste nicht was an den Statements grundsätzlich falsch oder gar rassistisch sein sollte.
    RW spricht schonungslos die vielerorts herrschende Ungerechtigkeiten bzw. Misstände an (das gefällt nicht jedem).

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