„Bei einem romantischen Abendessen ermordet Anna ihren Freund. Danach verschwindet sie spurlos und hinterlässt nur einen einzigen Hinweis: ein Notizbuch, darin ein Datum. Gute zwei Jahre später, an ebenjenem Datum, wird Anna bewusstlos am Ufer eines Sees gefunden und erinnert sich weder an den Mord noch daran, wo sie all die Zeit gesteckt hat. In einer nahegelegenen psychiatrischen Klinik wird Anna von Dr. Julia Katz in Behandlung genommen. Doch Dr. Katz ist überzeugt, dass Anna die Antworten, die sie so dringend braucht, hier nicht finden wird. Also hilft sie ihr bei der Flucht aus der Klinik. Anna aber kommen Zweifel: Warum ist Dr. Katz so uneingeschränkt auf ihrer Seite? Und warum behandelt sie Anna, als würde sie sie schon jahrelang kennen?“ (Quelle: Klappentext)
Die große Frage hinter den meisten Seiten des Buches ist: Warum? Warum hilft Dr. Katz, warum verhalten sich die Angestellten von ihr so komisch, warum kann sich Anna an so vieles nicht erinnern? Axat lässt sich Zeit, damit der Leser die Protagonistin Anna kennenlernen kann und ihre Verwirrung, Unsicherheit und Ängste nachvollziehen kann. Tatsächlich macht sich ein unbehagliches Gefühl bei der Lektüre breit. Man weiß, da lauert etwas, kann es aber nicht greifen. So wird natürlich Spannung aufgebaut. Nach und nach erfährt Anna mehr über Dr. Katz und ihr eigenes Leben. Aber so recht kann sie das nicht glauben und akzeptieren, was ihr da gesagt wird. Auch als Leser ist das nicht ganz so einfach. Man wird sehr gefordert und muss manchmal ein bisschen umdenken, um zu verstehen, was passiert und warum das jetzt gerade passiert. Manchen mag das sehr leicht fallen, andere müssen sich das vielleicht zuerst verdeutlichen.
Wenn man sich aber auf dieses Gedankenspiel einlässt, wird es spannend. Selbst dann, wenn langweiliger Alltag erzählt wird, denn auch dieser birgt den ein oder anderen wichtigen Hinweis. Der Mord an Annas Freund steht zwar über allem, wird aber über weite Teile des Buches komplett ignoriert. Denn eigentlich geht es gar nicht um den Mord an sich, sondern um das Tatmotiv. Ob das ans Licht kommt? Das muss man selbst lesen. Vielleicht will man das aber am Ende auch gar nicht mehr wissen, sondern viel mehr erfahren, wie Axat seinen Thriller auflöst.
Das große Finale kommt – aber wann?
Axat hat mit seinem Thriller etwas gewagt. Der Leser wird entweder vollkommen in das Gedankenexperiment hineingezogen, kann sich darauf einlassen und daran festbeißen. Oder man kommt nicht nach, findet alles zu konstruiert und abgehoben und legt das Buch wahrscheinlich schnell genervt aus der Hand. Beide Seiten sind verständlich. Wer einfache Thriller bevorzugt mit Blut, Suche nach Mörder und Motiv und dessen Festnahme, wird hieran keinen Spaß haben. Wer allerdings anspruchsvolle Bücher mag, wird dieses lieben.
4/5
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Frederico Axat – Der Tag, an dem ich sterbe
btb, 2026
460 Seiten
Taschenbuch, 18 €
