Live: Finkenbach-Festival 2026 – 07. + 08. August 2026


Finkenbach … Eingeweihten ist dieser Ortsname im Odenwald so bekannt wie Burg Herzberg in Hessen. Einer der Begründer des Krautrocks, der Münchner Mani Neumeier zog Mitte der 70er Jahre in das kleine Örtchen Finkenbach, mitten in den Odenwald, und lebte dort mit seiner Band Guru Guru in einer Kommune. Bei einem Fest der örtlichen Feuerwehr fragte Mani einfach an, ob diese nicht einen Tag dranhängen wollten, so dass er mit Guru Guru dort spielen könnte. Das klappte, und dem Mani taugte das so gut, dass er sogleich ein Festival organisierte, welches 1977 an den Start ging. Den Mani Neumeier kenn ich bereits seit gut 40 Jahren, und hab ihn auch schon viele Male live gesehen … allerdings nie auf seinem eigenen Festival in Finkenbach, dem Woodstock des Odenwalds. Da der werte Herr Neumeier mittlerweile 85 Jahre alt ist, und er fast nichts mehr sieht, wollte ich ihn zumindest einmal dort live erleben. Als Zuckerl gabs für mich den Auftritt einer weiteren Krautrock Legende: Kraan, die Mannen um Bassist Hellmut Hattler, hatte ich noch nie live gesehen, obwohl ich alle ihre Platten in der Sammlung stehen habe.
Also Tickets gekauft und ab in den Odenwald. Das Festival ging über zwei Tage, Freitag und Samstag. Unser kleines Hotel Zum weißen Lamm war nur 10 Autominuten entfernt hoch oben auf einem Berg und ruhig gelegen.

Tag 1 – Freitag, 7.8.26

Los gings am Freitag erst um 19:00 Uhr, was uns sehr gelegen kam. So konnten wir entspannt anreisen und unser Hotel beziehen. Eigentlich wäre der Opener Sula Bassana gewesen, doch leider mussten diese ihren Auftritt krankheitsbedingt absagen. Bandleader Dave Schmidt konnte in der kurzen Zeit leider keinen Ersatz mehr auftreiben. Schade, denn auf die hätte ich mich auch gefreut. Als Ersatz sprang dafür eine Band ein, von der ich auch alle Platten in der Sammlung stehen habe, und die ich auch schon live erlebt hab.

EPITAPH

Die Krautrocklegende aus Dortmund, die Krautrockband, die als erste Kraut-Band Konzerte in den USA spielen durften, und dort auch großen Erfolg hatten. Mitgründer und Bassist Bernie Kolbe kenn ich auch schon seit den 80ern, als er bei Jane die dicken Saiten zupfte. Mit dabei war noch ein Urgestein, der die Band aus der Taufe gehoben hatte, Cliff Jackson an der Gitarre.

Der Vierer legte auch gleich los wie die Feuerwehr. Man merkte sofort, dass da alte Hasen auf der Bühne standen. Neben Kolbe am Bass und Jackson an der Gitarre standen noch Heinz Glass an der zweiten Gitarre, und Carsten Steinkämper am Schlagzeug auf der Bühne. Steinkämper ist der Jungspund, der seit 2018 hinter der Schießbude sitzt. Epitaph war im Krautrock-Kosmos immer schon eine Band, die eher in der Hardrock Fraktion angesiedelt ist. Ohne jetzt auf die Songs einzeln einzugehen, konnte man feststellen, dass da ein grundsolides Set dargeboten wurde, aber für viele der Alt-Hippies zu gradlinig war. Zu straighter Rock, zu wenig Verspultheit, das Publikum reagierte etwas zurückhaltend, was aber auch an der Situation eines Openers liegen kann. Als kleines Highlight will ich den Song „Villanova Junction“ anführen. Den Song, mit dem Jimi Hendrix seinen Auftritt in Woodstock beendete. Heinz Glass führte an, dass er Jimi live in Deutschland gesehen hatte, und er bei „Villanova Junction“ beschloss, selber Musiker zu werden. Hier ließ Glass den Geist von Woodstock durch den Odenwald wabern. Ein grundsolider Auftritt für ein Krautrockfestival.

GURU GURU

Nun war es Zeit für den Schamanen aus dem Odenwald. Eine der Krautrocklegenden schlechthin kam jetzt als Headliner des Freitags an die Reihe. Das Finkenbach Festival wurde ja vor 49 Jahren von Mani Neumeier aus der Taufe gehoben, und seitdem spielen Guru Guru praktisch jedes Jahr hier, ein Fixstern im Festival-Kalender.

Die bewährte Besetzung Mani Neumeier an den Drums, Roland Schaffer an Gitarre, Saxofon und indischer Tröte, Peter Kühmstedt am Bass und Zeus B. Held an den Keyboards hat sich ja seit Jahren etabliert. Held hat den zweiten Gitarrenposten in einen Keyboardposten umgewandelt, so dass der Guru Guru Sound um einiges vielschichtiger und wandelbarer wurde, ohne seinen Charakter zu verlieren. Zeus passt zu den Gurus wie das Tüpfelchen auf das I, einfach perfekt. Da sich in der Diskographie von Guru Guru in den letzten 58 Jahren ja einiges an Alben angesammelt hatten, konnte die Band aus dem Vollen schöpfen. Von ganz alt bis aktuell wurden die Songs perfekt dargeboten. Ich wusste ja, dass Mani Neumeier fast nichts mehr sieht, aber auch so merkte man Mani sein stolzes Alter von 85 Jahren an. Am 31. Dezember feiert Mani Neumeier seinen 86. Geburtstag. Hinter seinem Schlagzeug dagegen merkte man rein gar nichts vom Alter. Stoisch trommelte Mani seine bekannten Guru Guru Grooves in bekannter Perfektion. Alles, was man von einem Guru Guru Auftritt erwarten durfte, wurde performt. Sein Solo auf wild auf den Boden geworfenen Metalltellern und Schüsseln, sein Standtom-Getrommel bei „Living in the Woods“ vorne an der Bühne, sein elektronisches Saxophon-Gadget, sein Entenpfeifen-Lockruf-Duett mit Roland Schaffer … man kennt das alles bereits, aber man freut sich jedes Mal aufs Neue wieder drauf. Was natürlich niemals fehlen darf, ist sein Auftritt mit Maske bei der Zugabe, wenn der Elektrolurch auf der Bühne erscheint.
Die Zeilen „Gestatten, hier spricht der Elektrolurch. Ich wohne in der Lüsterklemme neben dem Hauptzähler. Ich sorge für Euren Saft! Volt, Watt, Ampere, Ohm … Ohne mich gibt’s keinen Strom!“ kennt jeder Krautrockfan und singt begeistert mit. Der „Elektrolurch“ ist der Höhepunkt eines jeden Guru Guru Auftritts. Guru Guru wurden von allen zurecht begeistert abgefeiert.

Die Besonderheit am Finkenbach-Festival ist, dass die Headliner grundsätzlich im 19:00 und um 21:00 Uhr spielen, und anschließend noch zwei Bands an die Reihe kommen, die letzte um 1:00 Uhr früh. Dem Alter der entsprechenden bekannten Bands und dem Publikum geschuldet. Als letzte Bands waren die Norweger Pristine, und My Sleeping Karma aus Deutschland am Start. Da wir Heidi Solheim, die Sängerin von Pristine bereits 2024 mit den Hamburg Blues Band Allstars live beim Woodstock Forever Festival gesehen hatten, und uns die Dame überhaupt nicht zugesagt hatte, beschlossen wir, uns die beiden letzten Bands zu schenken und ins Hotel zu fahren. Schade um My Sleeping Karma, aber den norwegischen Farbtupfer brauche ich nicht.

Tag 2 – Samstag, 8.8.26

Nach einem ausgiebigem Frühstück im Hotel beschlossen wir, dass wir beide uns nicht zu früh aufs Festivalgelände begeben wollten, sondern den halben Tag komplett zu faulenzen. Die Temperaturen waren zwar nicht zu heiß, aber in der Sonne wollten wir dann auch nicht Stunden ausharren. Finkenbach liegt entlang einer kleinen Landstraße, am Straßenrand wird geparkt und wir hatten nicht länger als ca. 10 Minuten bis zum Gelände. Da wir schon am ersten Tag die äußerst leckeren Steaksemmeln verputzt hatten, mussten die auch am nächsten Tag herhalten. Zwei hübsche Mädels auf hohen Stelzen wandelten durch die Leute, die Stimmung komplett entspannt. Beginn am Samstag war bereits um 15:00 Uhr angesetzt, aber die erste Band, Mars Mushrooms aus Deutschland ließen wir sausen, faulenzen war uns wichtiger. Dafür kamen wir aber in den Genuss, die zweite Band live auf der Bühne zu sehen.

SPIRAL DRIVE

Spiral Drive sind sechs junge Leute und kommen aus Deutschland. Mir hatten sie bis zum Auftritt überhaupt nichts gesagt, aber am Merchandise Stand lagen einige Vinyl Platten zum Verkauf aus. Der Sechser hatte also bereits was vorzuweisen, und ich war gespannt, was da auf uns zukam.

Die sechs Burschen spielen Psychdedelic … und das sehr gut. Schön verspult, aber mit einer gehörigen Portion Frische und Moderne. Die machen keinen überflüssigen Schnickschnack auf der Bühne, die spielen einfach sehr solide. Mein Highlight war eine Coverversion eines Beatles Songs. Mein absoluter Lieblings-Song der Fab Four ist „Tomorrow never knows“ vom Revolver Album. Von „Tomorrow never knows“ haben Spiral Drive eine limitierte Vinylausgabe auf Single am Start, deren Cover wie schon beim Revolver Album von Klaus Voormann designed wurde. Auch das Instrumentarium der sechs konnte sich sehen lassen, schön vintage und traditionell. Leider führt Psychedelic Sound in der breiten Masse eher ein Nischen-Dasein, zu wenig 08/15 Hörer springen darauf an. Was bei der Qualität, die Spiral Drive hier an den Tag legte, sehr schade ist. Die jungen Burschen hätten viel mehr Aufmerksamkeit verdient. Sie sind schlichtweg gut!

MILLER ANDERSON BAND

Das Finkenbach-Festival wird gemeinhin als das Woodstock im Odenwald bezeichnet. Der nächste Künstler schlägt dann eine Brücke vom Odenwald zur Farm von Max Yasgur in Bethel im Staat New York. Hin von Finkenbach zum echten Woodstock Festival im August 1969. Am Samstag, dem 16. August 69 begann um 16:45 Uhr die Keef Hartley Band aus dem Vereinigten Königreich ihr 45 minütiges Set. Haupt-Songschreiber, Gitarrist und Sänger der Keef Hartley Band war der damals 24jährige Miller Anderson. Meiner Meinung nach einer der besten Sänger im Musikbusiness und der Gitarrist, dessen Spiel am meisten Seele aufweist. Und genau dieser Miller Anderson kam jetzt auf die Bühne des Finkenbach-Festivals. Woodstock remember…

Miller Anderson spielt sehr oft in Deutschland, war er doch einige Jahre als Dauer-Gast-Gitarrist bei der Hamburg Blues Band aktiv, und auch mit Savoy Brown, der Spencer Davis Group, mit Jon Lord von Deep Purple, mit Mountain und noch so einigen mehr des Öfteren live in Deutschland zu sehen. Wir kennen Miller seit fast 15 Jahren persönlich, und wissen um seine Gesundheit. Ein schmerzender Rücken kann solch einen Vollblutmusiker nicht vom Spielen abhalten. Dann spielt man(n) eben im Sitzen. Da Miller nicht zu jedem Deutschland-Gig mit einer kompletten Truppe anreisen kann, hat er für den Fall seine bewährten deutschen Musiker. Allen voran ist Frank Tischer an Orgel und Keyboards, Janni Schmidt am Bass und Tommy Fischer hinter der Schießbude. Flankiert wird das Quartett durch Klaus Marquardt an der Blues-Violine. Seit längerem bewährt und versiert, kann sich Miller Anderson auf seinen deutschen Background verlassen, und so wurde ein schönes Potpourri aus alten und jüngeren Stücken gespielt. Da merkt man nichts davon, dass Miller nicht großartig auf der Bühne rumturnt. Das hat er eh nie … Miller Anderson strahlt eine Ruhe und Erfahrung aus, so dass der Musikfan einfach nur genießen kann. Millers Spiel ist nicht durch zahlreiche Soli geprägt, oft sind es die leisen Töne, die sein Spiel ausmachen. Für mich persönlich ist Anderson einer der drei besten Gitarristen der Musikgeschichte, obwohl er bei vielen gar nicht bekannt ist, trotz seiner langen Karriere seit Woodstock 1969.

KRAAN

Wir schrieben das Jahr 1968, als in Ulm die beiden Schulfreunde Hellmut Hattler und Jan Fride Wolbrandt zusammen mit Jan’s Bruder Peter Wolbrandt die Band Inzest gründeten. 1970 wurde aus Inzest dann Kraan. Mit ihrem hervorragenden Jazz-Rock bildeten sie eine der Speerspitzen im Krautrock-Kosmos.

Jetzt, 58 Jahre später, stehen die drei Freunde immer noch gemeinsam auf der Bühne und musizieren. Kraan können in ihrer langen Karriere auf genügend Alben zurückgreifen, aber sie ruhen sich nicht auf ihren Lorbeeren aus. Zoup von 2023 und All In von 2026 sind ihre letzten beiden Alben, und so mischten sich zu den neuen Tracks ihre alten Kracher wie „Andy Nogger“, „Sarah’s Ritt durch den Schwarzwald“, „Borgward“ oder „Wintruper Echo“. Gesungen wird nicht viel, der Sound von Kraan lebt von langen instrumentalen Passagen und die gabs ausufernd. Kraan wurde zurecht auch richtig gefeiert. Wo Kraan daufsteht, ist Qualität drin. Zusätzlich zum Kern-Trio hatte Kraan immer wieder mal Gastmusiker bei Live Auftritten oder bei Aufnahme-Sessions dabei. Seit 2016 tourt Martin Casper mit den Kraan-Mannen, und auch auf dem neuen Album ist er zu hören. Kraan war auf jedem Fall wie schon Guru Guru am Freitag ein würdiger Headliner.

Als letzte Bands waren dann noch die Leif De Leeuw Band aus den Niederlanden am Start, und Alex Auer Y Banda, die aus der Region Heidelberg und Mannheim stammen und sozusagen die Lokalmatadoren sind. Da wir aber am Sonntag noch einen Heimweg von gut 400 Kilometer vor uns hatten, sparten wir uns die beiden Bands und fuhren zurück in unser Hotel.

Als Fazit über das Finkenbach-Festival an sich kann ich nur erwähnen, dass alles sehr entspannt abläuft. Das komplette Servicepersonal ist supernett und zuvorkommend. Das Festival an sich ist ja sehr klein. Pro Veranstaltungstag bietet das Finki maximal 2000 Leuten Platz. Für diese überschaubare Menge sind erstaunlich viele Helfer zugange. Links und rechts entlang der Arena stehen die üblichen Händlerstände für Klamotten, Schmuck, Platten und Co. Hinten quer steht die Food Plaza, bei der man hervorheben muss, dass die Orga dort vorbildlich ist. Man muss Essens-Chips kaufen, die dann an einer langen Theke gegen sehr leckeres Essen getauscht werden. Essen und Bargeld gehen nicht durch die gleichen Hände – das ist top! Die Steaksemmeln waren der Knaller, perfekt vom Grill und ziemlich groß, die Pommes auf dem Punkt – geschmacklich geht’s kaum besser. Essen und Getränke sind in getrennten Zelten untergebracht, das spart Platz und es ist übersichtlicher. Das Preis-Leistung-Verhältnis war sehr fair, das blanke Gegenteil zum Clam Rock Festival in Österreich letztens. Toiletten gab es in ausreichender Menge, auch an der Zufahrtsstraße.

Für jeden Krautrockfan oder alternativen Festivalfan ist das Finkenbach-Festival eine sehr willkommene Alternative zu den überkommerzialisierten Megaevents. Hier ist alles eine Nummer kleiner, aber dafür familiärer und schöner. Auf jedem Fall immer wieder eine Reise wert.

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