Matt Gonzo Roehr – Der Onkel mit dem Blues


Double live Gonzo! konnte nie die obersten Chartplätze erreichen, war aber in der Plastiktüte und im Herzen eines deutschen Musikers ganz weit oben. Das erste Livealbum von Ted Nugent, das 1978 veröffentlicht worden ist, wanderte mit dem Gitarristen auf Schritt und Tritt durch’s Leben und verpasste ihm schließlich seinen Spitznamen: Gonzo. Wo diese Platte heute ist, wäre mal interessant zu wissen, wo Gonzo heute ist, lässt sich hingegen leicht beantworten. Nach 37 Jahren mit der deutschen Hardrockformation Böhse Onkelz, nach Trennung, nach Streit, nach Versöhnung, nach vier Soloalben und einem Bootleg, nach einem vollgestopften Leben, steht Matt Roehr immer noch auf der Bühne und im Studio, zupft die Saiten und lässt sich seine gute Laune nicht nehmen. Es war wohl in den 1980er Jahren die beste Entscheidung, seinem Bandkollegen Stephan Weidner lieber den Bass in die Hand zu drücken und Gonzo die Sechssaitige zu überlassen. Bleiben wir noch kurz bei den Onkelz, die musikalisch sehr von ihm und seinem musikalischen Können profitiert haben. Man merkt schnell, vor allem bei den ersten Alben, dass es technisch nicht um Perfektion geht und ist dankbar dafür, wenn man die Band live erlebt, denn der Spaß am Spiel, die Liebe zur Musik und die Seele im Spiel übertreffen jegliche Perfektion, die man als Musiker darbieten kann.

Nach der Trennung der Böhsen Onkelz und dem großen Krach zwischen Gonzo und Weidner, hat sich der Gitarrist auf seine eigene Musik konzentriert. Um Diskussionen vorzubeugen, wir orientieren uns an der Diskographie, die auf der offiziellen Gonzo-Homepage steht (Stand: 03.09.2017).

Mit Barra da Tijuca ging es los. Googlet man das Ganze, kommt man auf einen Nationalpark Tijuca, der in Rio de Janeiro liegt. Moment, das ist doch eine Stadt? Genau, der Nationalparkt liegt im Stadtgebiet der Metropole und umfasst etwa 39 km². Damit wollte man die originäre Vegetation erhalten, die zahlreichen Kaffeeplantagen weichen musste. Aber genug davon, zurück zur Musik. Mit „Just be yourself“ startet das Debütalbum und gibt einen guten Sound zum Besten. Ein bisschen hört man schon Ted Nugent und Co heraus, die Idole, die den jungen Gitarristen irgendwann mal geprägt haben – wie ich unterstelle. Der Song an sich fetzt ganz schön. Es ist ein bisschen Gute-Laune-Musik, die ich mir sonst weniger anhöre, was vielleicht ein Fehler ist. Für Tanzbegeisterte ist auch was dabei. Der Rhythmus passt, es ist Musik, die einen vom Stuhl zerrt oder zumindest mitwippen lässt. Daran schließt auch „Best Day of my Life“ an und „Sarcastic Gutter Blues“ macht weiter. Durch dieses erste Album zieht sich eine Linie, die man einfach als tanzbar bezeichnen kann. Geht man mehr auf den Stil ein, so hat man einen guten, nicht ganz dreckigen Blues, eher einen gediegenen Melodic Rock aus den späten 1980er Jahren, aber viel Begeisterung, die Gonzo in jeden einzelnen Song gesteckt hat. Eine Mischung aus AOR oder auch AC/DC, Cinderella und Mötley Crüe. Die Stimme erinnert vielfach an Bon Scott und das liegt vielleicht auch daran, dass nicht Gonzo singt, sondern Charlie Huhn, bei dem einem sofort Namen wie Ted Nugent, Humple Pie oder Victory einfallen. Außerdem gibt es ein großes Mitsingpotential. Durch Wiederholungen kommt man schnell in den Text rein und singt irgendwann automatisch mit. Mann, es wäre kein Album, das ich mir einfach so mal gekauft hätte. Passt nicht zu der positiven Stimmung, die oben aufgebaut wird? Nein, stimmt. Aber ich hätte definitiv etwas verpasst. Auch wenn Barra da Tijuca weniger meinen herkömmlichen Musikgeschmack widerspiegelt, packt mich das Album und der Sound zieht mich mit. Das liegt nicht daran, dass ich Matt Roehr anbete und er machen kann, was er will, ganz im Gegenteil. Diese Vorschusslorbeeren hat er nicht. Gonzo überzeugt einfach. Es ist ein anderer Sound, als man ihn vielleicht vom Onkelz-Gitarristen erwartet hätte – außer man hat sich viel mit ihm und seinem privaten Musikgeschmack beschäftigt. Beim weiteren Hören fällt auf, dass die Songs relativ gleich beginnen. Ein paar Takte Schlagzeug und dann geht es los. Es gibt hin und wieder spielerische Ausbrüche und Feinheiten, aber im Großen und Ganzen bleibt alles recht ähnlich. Was nicht zwingend schlecht ist. Man kann sich auf etwas einstellen und weiß, was kommt. Das macht es für den Hörer einfacher zu entscheiden, ob man die Scheibe mag oder nicht. Im Allgemeinen wächst in mir das Bild von Sommer, Sonne und Festivals. Hippieklamotten, Bierchen in der Hand und wildes Getanze, irgendwo schreit einer was von Liebe und im Hintergrund, naja, eigentlich im Vordergrund auf der Bühne, steht Matt Roehr und schrammelt seine Mukke. Das ist nicht mal halb so abwertend gemeint, wie es klingen mag. Aber gut in diese Schiene passt „Hasta un cualquier dia“, das abwechselnd Spanisch und Englisch gesungen wird. Ein schnuckeliges Liebeslied, ohne schnulzig zu sein. Jetzt bashen wir noch ein bisschen den Weidner, der mit „Mein bester Feind“ ordentlich gegen Roehr geschossen hat. Man könnte meinen, „Wheel of Fortune“ wäre eine Retourkutsche und schösse gegen den egozentrischen Weidner, der ja vermeintlich alleine die  Schuld an der Trennung der Onkelz trug  (wir diskutieren hier nicht, dass Weidner sich mehrfach dafür rechtfertigen musste und mittlerweile hinlänglich dargelegt hat, dass es definitiv andere Gründe gab. Außerdem steht es uns wohl weniger zu, hier ein Urteil zu fällen; was innerhalb der Gruppe vorging, wissen nur sehr wenige.) Ob dem so ist, kann nur Gonzo selbst sagen, aber es ist ein kraftvoller Song, der gewisse Gefühle rauslässt. den Abschluss bildet der Titeltrack „Barra da Tijuca“, ein abwechslungsreiches, rein instrumentales Stück, das verschiendene Trommel- und Gitarrenelemente wiedergibt. Ein bisschen könnte es Hintergrundmusik sein. Karibik, exklusive Läden mit teurem Essen und Frauen mit hauchdünnen Kleidern und Champagner in der Hand, irgendwo am Rand tanzen sexy Einheimische mit Sixpack, nun ja.

Was bleibt als Fazit? Der Erstling ist ein gelungener Silberling geworden, der 2007 deutlich gemacht hat, dass Matt definitiv nicht die Gitarre an den Nagel gehängt hat und auch nicht so sehr in den Onkelz verhaftet war, dass er keine eigenständige Musik machen konnte. Wir kommen auf diesen Punkt später noch einmal zurück. Es ist keine Musik, die man weitläufig in Deutschland oder gar Europa hört, wage ich zu behaupten, sondern eher in kleineren, feinen Kreisen. Die Scheibe kann man nicht als Blues, Jazz, Soul beschreiben, sie ist eine Mischung, die in das Jahr 2007 nicht so ganz passen möchte. Gitarrenvirtuosität vermisst man hier. So sehr ich weiter oben auch noch schrieb, dass ich etwas verpasst hätte, hätte ich das Album ignoriert, so sehr muss ich auch zugeben, nach zweimaligem Hören war’s das und die Platte verstaubt im Regal, driftet ab zu Hintergrundweltmusik, die zwar gut ist, aber langweilig. In der Gesamtwertung gibt es einen Punkt Abzug, weil die Songs irgendwann doch zu ähnlich sind.
4/5

Bereits ein Jahr später bringt Matt Gonzo Roehr Uhad2Bthere raus, ein Live Bootleg, das neben den eigenen Songs noch Coverversionen enthält. „I don’t need no doctor“, geschrieben von Nick Ashford, Valerie Simpson und Jo Armstead, erstmals 1966 von Ray Charles aufgenommen. Eine schöne Coverversion aus dem R&B-Genre, mit der Roehr in die Coverfußstapfen von Humble Pie, John Meyer, WASP und der Hamburg Blues Band tritt. Von Bob Dylan, der leider nie selbst die großen Erfolge mit seinen Songs einheimste, sondern zusehen musste, wie anderen mit seinen Liedern bekannt wurden, stammt „All along the watchtower“. Ende 1967 wurde es erstmalig veröffentlicht, der Welt aber ein Jahr später leicht abgeändert durch Jimi Hendrix bekannt. Gonzo legt etwas mehr Power in die Nummer und ich denke, live ist das wirklich ein Brett. Schließlich findet sich Don Nix‚ „Going Down“ als erste Nummer auf der Scheibe. Bekannt wurde der Song eher durch Freddie King. Das sind alles Songs, die das Herz höher schlagen lassen und weniger die jüngere Generation ansprechen, aber komplett zu Gonzos Stil passen. Das sind die 1960er, das ist die Hippie-Zeit, in der man sich fallen lässt und auf den Konzerten abtanzt.

Von der Uhad2Bthere nur ein paar Stücke herausgepickt, kann man dennoch ein Fazit ziehen. Das Album ist gut. Man bekommt mit, wie die Stimmung ist, die Begeisterung der Fans, die sich anders gestaltet als auf Onkelzkonzerten. Die Power, die in das Spiel gelegt wird, reißt mit. Ich bin mir zwar nicht sicher, wie oft ich die Scheibe hören kann, aber – und das ist viel wichtiger: Sie macht absolut Lust auf ein Matt Gonzo Roehr Konzert!
5/5

Mit Out of the great Depression kommt 2010 ein Album in die Läden, das sich zuerst wie ein Konzeptalbum anhört, sich aber schnell aus diesem Klischee erhebt. Es mag zwar das Thema sein, das in allen Songs auf die eine oder andere Weise vorkommt, aber es dreht sich nicht alles um das innere Schwarz. Vielmehr macht Roehr klar, dass die ganze Welt, die Gesellschaft, in einer einzigen Depression gefangen ist, die Freiheit aussperrt und in solch eingeschränkten, vorurteilsbeladenen Bahnen denkt, dass festgefahrene, vermeintliche Werte stagnieren. Das Album beginnt auch gleich ruhiger, nachdenklicher. „The Yardhouse Nights“ wird von Klaviertönen dominiert und bringt einen runter, reißt aus dem Alltag und stürzt den Hörer in den Longplayer. Ein instrumentales Stück, das nachdenklich stimmt und zum Herbstwetter passt. „You ain’t me“ prügelt dann auch nicht los, wie man das noch vom Erstling kannte. Es wird schneller, es wird bluesiger, aber es bleibt verhalten traurig. Du bist nicht ich wird so oft wiederholt, dass es entweder nervt oder sich zu einem verzweifelten Schlachtruf entwickelt. „Perfect Days“ wird etwas lockerer, Sonne, Freude, Erinnerungen. „Come Down Hard“ scheint fast ein krasser Gegensatz zu werden. Zumindest inhaltlich. Das beginnt schon mal damit, dass gefragt wird, was denn wäre, wenn Jesus in dieser Nacht vorbeischauen würde. Es sind Texte und Songs, die absolut in die Singer-/Songwriter-Ecke passen und damit relativ aus der Zeit gerissen werden. Musik, die immer noch nicht in die 2000er Jahre passen möchte, weil man sie kaum noch gewöhnt ist. Wir waren vorhin bei Freiheit und kehren mit der Hommage an Easy Rider dorthin zurück. Wer den Film nicht kennt, einfach mal anschauen, einer dieser Roadmovies, die man mal gesehen haben muss. Mit „Fuel into the Fire“ hat Roehr aber nicht nur an den Film gedacht, sondern auch einen Clip gedreht und ziemlichen Erfolg gehabt – in den USA! Denn dort hat dieser Stil einfach mehr Gehör als hier, was ein bisschen schade ist. „Canción de la esperanza“ (übers.: Lied der Hoffnung) ist eine instrumentale Zäsur, die an den ersten Song erinnert und einen noch mal zurückholt in den Herbst und die Kälte. Die zuvor erwähnte Nische füllt Roehr weiter mit „Come on in“. Auffällig ist, dass er mittlerweile den Gesang übernimmt. Das klingt natürlich anders als auf dem Debütalbum, aber es ist gut. Die Stimme passt zu den Songs und Texten, wirkt manchmal noch ein bisschen gepresst, aber das legt er irgendwann auch ab. Außerdem spielt er mit den sechs Saiten herum und entlockt ihnen auch wieder mehr Feinheiten. Die Gitarre ist mehr in den Mittelpunkt gerückt, was kein Fehler ist, verbindet man den Musiker doch unweigerlich mit diesem Instrument. Spielerisch, fast fröhlich ist „Bet On Tomorrow“ wieder ohne Gesang. Ich wage zu behaupten, dass man zaghafte Countryelemente herausfiltern kann. „The Hook“ ist dann wieder eine mitreißendere Nummer, die auch Gesang beinhaltet. „There ain’t nobody“ wird irgendwann recht eintönig.  „Dead Cat Bounce“ könnte einem Film entsprungen sein, etwa Die Outsider oder Warriors. Diese ruhigen Szenen, die etwas nachdenklich wirken und die Geschichte der Vollständigkeit halber vorantreiben, passen ganz gut dazu. „Pretty things“ läuft dahin, „Practice what you preach“ ist eine Aufforderung, die man sich durchaus mal zu Herzen nehmen kann und natürlich bei Roehr den erhobenen Zeigefinger mit sich bringt. „Canción para una belleza“ (übers.: Lied für eine Schönheit) bietet hin und wieder etwas Abwechslung, ist das dritte instrumentale Stück auf der Scheibe und zeigt zwischendurch ein bisschen Fingerspitzengefühl an der Gitarre. „TGIF“ bildet den Abschluss, instrumental, dominiert vom Klavier mit ein bisschen Sechssaiter.

Man merkt es schon, irgendwann wird es eintönig und ein bisschen langweilig. Jeder Song hat seine Feinheiten und musikalisch wie textlich greift Roehr auf der Platte die Depressionen auf. Dabei geht es nicht um die Leere der Seele, sondern vielmehr um eine Art Weltschmerz, um Hilflosigkeit und Verzweiflung gegenüber dem Weltgeschehen und der Machtlosigkeit, vielleicht sogar dem Desinteresse. Das Album ist nicht schlecht, aber es reißt eben einfach nichts raus. Es ist nicht die eine Platte, die man sich immer wieder anhört und dazu abrockt. Es ist Unterhaltungsmusik für den Hintergrund. Hätte ich eine Bar, Gonzo würde rauf und runter gespielt werden, aber das ist nicht Sinn der Sache, denke ich. Es ist die perfekte, kultivierte Musik für den dezenten Hintergrund, der man wartend lauschen kann oder die dahingleitet, während man sich angeregt unterhält. Dafür müsste es eigentlich die volle Punktzahl geben. Aber ich vergebe nur den Durchschnitt.
3/5

2010 gibt es noch die Single Fire and Gasoline. Zusammen mit Lovies wird es eine richtig geile Rocknummer, die der Titelsong zur Deutschen Rallye Meisterschaft desselben Jahres wird. Wer die Serie Der Checker kennt, kennt die Drummerin Lina van de Mars auch ziemlich gut, da ist ja nicht nur der Eisbrecher-Alex am Start. Die Nummer rockt richtig und passt auch sehr gut. Das Video ist sehenswert und die Anfangsszene, in der Gonzo mal eben die Lady stehenlässt, um sich das Auto zu betrachten, ist einfach grandios! Die Frauen gehen, die Autos bleiben, so sieht das nämlich aus!
5/5

2011 kommt die Single For what it’s worth auf den amerikanischen Markt. Spätestens hier merkt man, wo und für wen Gonzo bisher Musik gemacht hat. Nicht in Deutschland und nicht für den deutschen Markt. Das Lebensgefühl, das sich in seiner Musik widerspiegelt, ist in Mitteleuropa so fremd wie Freiheit in einer Diktatur. Über den Song muss man nicht mehr viel sagen, Gonzo hat er einiges eingebracht, denn der amerikanische Markt versteht diese Art von Musik ein bisschen besser. Top40 Male Artist des Jahres, Top40 Breakthrough Artist des Jahres, AC Breakthrough Artist des Jahres, Crossover Artist des Jahres. Bäm, geile Scheiße! Ein bisschen unverständlich, dass der Musiker die Richtung wechselte. Die Single Rock your Liberty, in Deutschland als Freiheit erschienen, gewann in den USA noch schnell den Music Network Award in der Kategorie Mainstream Awards, Favourite Single 2011.

Das war’s, Gonzo hängt die Englische Sprache und auch ein bisschen den amerikanischen Kontinent und seine Stile an den Nagel. Mit Blitz & Donner werden die Texte Deutsch, die Musik rockiger, punkiger. Bereits bei „Himmelstürmer“ hört man eine Gesangsstimme, die rau, dreckig und wütend ist, ein bisschen erinnert sie an Kevin Russell, hat diesen alten, rebellischen Punkgeschmack in sich. Es ist nicht der Gonzo, den man aus den ersten Jahren seiner Solokarriere kannte. Fast scheint es, als sei er wieder in Europa, vielleicht sogar in Deutschland selbst angekommen. Sein Ziel: Verbal mal richtig ein paar auf die Fresse zu geben und Kopfnüsse zu verteilen an alle, die so vieles immer noch nicht gerafft haben. „Ja ne, is klar“ nimmt kein Blatt vor den Mund, da heißt es dann ganz direkt „Dümmer geht’s nicht mehr“ und im selben Atemzug wird der Texter eines Besseren belehrt. „Die Wahrheit“ und auch die meisten anderen Stücke beinhalten Gitarrensoli und eine Lead Gitarre, die ein geübtes Fingerspiel zum Besten gibt. Gonzo besinnt sich auf etwas, das vorher verloren schien: Sein Punkherz. Es geht weiter mit „Zeitgeistreiter“, der Obrigkeitsglauben und Hörigkeit an den Pranger stellt. Gonzo kotzt sich aus auf der Platte. Er stellt alle an den Pranger, alle, die blind, taub oder faul sind, nicht selbst denken, sich verdummen und belügen lassen von den manipulativen Medien. Süffisant könnte man Roehr hier als einen Möchtegern-Messias sehen, der seine Hörer im scharfen Predigtstil erziehen möchte. (Er würde hier vermutlich entschieden widersprechen.) „R.I.F.“ haut noch mal voll rein, bis es dann mal einen ruhigeren Song gibt, „Gedankenpolizei“. Hier kann man zwar musikalisch verschnaufen, textlich jedoch nicht. „24/7/365“ macht mich fertig. Ernsthaft. Es klingt, als würden zwei Songs gleichzeitig laufen und irgendwann ist man überfordert, weil man versucht, die einzelnen Lieder voneinander zu trennen. Kann man machen, sollte man aber nicht. „Freiheit“ ist eine Art Liebeslied eben dieser an das lyrische Du. Mal eine andere Perspektive, das macht Spaß. „Revolution“, „Kein Zurück“, „Ich bin nicht wie Du“. Alles klingt so ähnlich irgendwann, es fehlt die wirkliche Abwechslung. Wenngleich Blitz & Donner nicht als Hintergrundmusikalbum abgestempelt werden kann, ganz im Gegenteil. Die Songs sind mitgrölbar, machen wirklich was her, legen sich textlich fest und drücken manches deutlicher aus, als die Songs der ersten beiden Scheiben. „Sekt oder Selters“ ist für mich der Ohrwurmsong. Guter Abschluss.

Eine fiese Assoziation: Das Album erinnert mich an Die Ärzte aus deren Anfängen, gesungen von Toxpack, geschrieben von der kotzenden Mischung eines leidenden Weidners und eines angeekelten Kevins. Bleibt die Frage, finde ich es geil oder scheiße und wie oft kann ich das Album hören, bis die CD bei 180 km/h auf der Autobahn aus dem Fenster fliegt? Ehrlich gesagt, wenn man Gonzos Alben hintereinander anhört, ist der Stilbruch so krass, dass man sich verstört in eine Ecke verkriecht und die Kuscheldecke vollsabbert. Das vorher war der Roehr und das jetzt ist er schon wieder und warum haut er dem Weidner nicht einfach eine die Fresse, verträgt sich mit dem Kerl, holt Kevin aus der Therapie, klingelt bei Pe und lässt die Onkelz wiederauferstehen? 2011, da war eine Reunion noch recht undenkbar und der Roehr haut mal ein Kracheralbum raus, das auch gerne in die Anfangsjahre seiner Exband gepasst hätte. Schwer zu sagen, wie ich es finde. Mir haben seine Sachen vorher echt gut gefallen und mich auch überrascht. Es war anders, jetzt ist es … trivialer im Musikerleben von Matt Roehr. Blitz & Donner ist ganz gut gewählt. Das reinigende Gewitter, die Zäsur, die Standpauke. Manchmal zu ähnlich, zu gleich, aber dennoch gelungen.
4/5

Alles ändert sich, von dem Song hatte ich lange Zeit einen Ohrwurm, alleine deswegen hasse ich ihn mittlerweile. Die EP aus dem Jahr 2012  ist ein Wegweiser. Der Titelsong ist für mich (und da ist mir wurscht, was Gonzo dazu sagt) die Liebeserklärung an die Böhsen Onkelz und die musikalische Bestätigung seiner Rückkehr zur Band und der Band überhaupt – ein bisschen vor der offiziellen Reunion. Der Abschluss mit der Vergangenheit und den Jahren der Trennung, der Wut, des Streits. Kein dreckig rockiger Song, aber eine kleine Hymne – und ich hasse sie, weil ich diesen Ohrwurm schon wieder nicht loskriege. „Das Feuer“ ist textlich ähnlich interpretierbar wie der vorangehende Song. Musikalisch etwas rockiger. Dafür ist „Gegen Eure Lügen“ wieder langsam und ruhig. Thematisch könnte es mal gegen die Presse gerichtet sein. Kurz blitzt die Assoziation zu den Toten Hosen auf. Und wenn „Wir sind uns näher“ nicht die Liebeserklärung an eine tiefe Freundschaft ist, weiß ich auch nicht, was der Song soll. Eine EP mit vier Songs und einem Video, die man mittlerweile für schlappe 18,81 € plus 3 € Versandkosten erwerben kann. Gonzo ist teuer. Wenn man seine Sachen nicht sofort gekauft hat, sollte man Flohmärkte durchforsten und hoffen oder ein bisschen mehr Geld dafür ausgeben wollen.
In meinen Augen – und es geht immer darum, was der Hörer heraushört – ist es die EP für die Rückkehr der Onkelz, der alten Freundschaft, des alten Erfolges. Eine bunte Mischung aus ruhigen und rockigen Songs, ein Abschluss, ein Anfang und für mich volle Punktzahl, weil die Scheibe rundum gelungen ist.
5/5

2013 kommt das bisher letzte Matt Gonzo Roehr Album in die Läden und erreicht Platz 10 der deutschen Album Charts. „Vom ersten Blick zum letzten Kuss“ hat diese rockige, feiernde Art, die man auf Festivals erlebt. Den Song kann man sich live sehr gut vorstellen vor einer jubelnden, tanzenden Menge. Ein bisschen was für alle Verlassenden (sic!). Mit den deutschen Texten hat Roehr anscheinend seinen Stil gefunden. „Es ist nie vorbei“ zeigt, dass die Liebe zu Gitarrensoli auch immer noch brennt. Dabei ist das Rebellische im Vordergrund und ein Thema, das Gonzo wichtig ist: Das Aufstehen gegen Unrecht, Lügen und Falschheit. „Helden leben lang“ ist zu DEM Schlagwort der BO-Fans geworden, spätestens seit der Reunion. „Helden leben lange, doch Legenden sterben nie“ ist ein Zitat aus dem Song „Lasst es uns tun“, Roehr hat sich hier von dem Onkelzsong bedient, aber einen ruhigeren, weniger arroganten Text verfasst, der dennoch auf seine alte neue Band passen könnte. Vielleicht ist das ein Fehler oder genau der Punkt: Seit es um deutsche Texte mit rockigem Sound geht, ist der deutliche Vergleich zu den Böhsen Onkelz da. Eine Anlehnung an das, was die Band erfolgreich gemacht hat oder eine Rückbesinnung darauf? Es ist schwer zu sagen, was Gonzo wirklich vorantreibt und woher der Umschwung tatsächlich kommt. „Vor mir nur eine Spur“ könnte ein Text vom Weidner sein, gesanglich geht es etwas härter ran, bis es im Refrain wieder Richtung Hymne geht. Aufbruchsstimmung. Den folgenden Song „Das Feuer“ kennt man ja bereits. Titelsong „Zuflucht vor dem Sturm“ hat diesen Mitsing-Punkgang-Charakter. Springerstiefel, Lederjacke, Piercings, lange Haare und ne Pulle Bier in der Hand. Ähnlich dann auch „Es gibt nichts (was für immer hält)“. Der Refrain zieht einfach mit, da hatte Roehr ein gutes Gespür. Während der Strophen gefällt mir die Stimme und die Art des Gesangs ziemlich gut beim Song „Tage des Donners“. Wieder mal Rebellion und Aufbruch. Das sind vorherrschenden Themen. Könnte irgendwann langweilig werden oder eben die Aufschrei-Kampf-Platte schlechthin markieren. „Penner oder Star“ – gleiche Richtung. „Träumer“ hingehen erinnert – mag es nun am Titel liegen oder an Ähnlichkeiten im Musikalischen – an Ozzy Osbournes „Dreamer“. „Gegen eure Lügen (steht mein Wort)“ ist auch kein Novum mehr. „Wer nicht kämpft“ und „Trotz aller Dornen“ könnten wieder eine Aufarbeitung der Onkelzgeschichte sein, letzterer ist etwas ruhiger geworden. Den Abschluss bildet ein Instrumentalstück: „Megalithen bei Sonnenaufgang“. Damit ist es auch wieder vorbei.

Zuflucht vor dem Sturm lässt mich etwas ratlos zurück. Fakt ist, dass Gonzo – ähnlich wie Stephan Weidner mit Der W – eine Zäsur in seinem Soloschaffen hat, die deutlich ist und eine Veränderung in der Musik markiert. Vom Englischen, Bluesigen geht es hin zum Deutschrock, der anprangert, der das Maul aufreißt und schließlich das sagt, was der Musiker seinen Hörern deutlich machen möchte. Damit spricht er plötzlich auch ganz andere Fans an. Die starken Anleihen an Onkelz-Texte und -Melodien sind vorhanden und man muss vorsichtig sein, um nicht alles auf diese Band und ihre Geschichte zu münzen und zu viel zu interpretieren, was gar nicht drinnensteckt. 2013 mag man einiges noch anders gesehen und empfunden haben, 2017 kann man zu viel auf diese Band schieben. Das ist nicht zwingen schlecht, aber auch nicht unbedingt gut. Es schmälert weder den Erfolg der Platte noch Gonzos musikalisches Können. Vielleicht brauchte es einfach so eine Scheibe, vielleicht musste musikalisch manches verarbeitet werden. Interpretationen in andere Richtungen, weg von BO sind ja auch möglich, das mag ich gar nicht abstreiten. Mit Zuflucht vor dem Sturm hat Roehr jedenfalls deutlich markiert, wo er steht und sich auch ziemlich wohlfühlt. Die ersten beiden Alben schienen ein Ausprobieren zu sein, die Musik, die er immer mal machen wollte und in Anlehnung an den eigenen Musikgeschmack steht. Dann kommt die Rückbesinnung und vielleicht auch die Notwendigkeit, anderes Klientel anzusprechen und den Weckruf zu starten. Für das Album gibt es nicht die höchste Punktzahl, da es mir zu sehr in den Onkelz verhaftet ist.
4/5

Man kann im Werk von Matt Gonzo Roehr eine deutliche Entwicklung erkennen, es ist fast eine Lebenslinie, die sich musikalisch darstellt. Vom jungen Matthias, der heranwuchs und mit der Ted Nugent Platte durch die Straße marschierte, zu der kritischen Person, die vieles infrage stellte, hin zum rebellischen Punk, aus dem schließlich ein aufgeklärter Mensch wurde, der seinen Weg gefunden hat. Vom Blues zum Punk, zum Deutschrock, der kein Blatt vor den Mund nimmt und sicherlich mit seinen deutschen Texten und der neugewonnenen Härte mehr alte Fans, sicherlich auch verstärkt Onkelzfans, erreichen kann. Die Zäsur, die oben bereits angesprochen wurde, ist deutlich und lässt auch auf ein Älterwerden im Sinne von Erwachsenwerden und Reife schließen, ähnlich konnte man das bei Stephan Weidner feststellen, als würde alte, jahrelang gehegte Wut verblassen, abklingen, als käme man mit sich selbst ins Reine. Gonzo spricht allerdings direkt an, was ihn stört, hat keine tiefgründigen Texte zu bieten, ihm fehlt das Philosophische komplett. Dafür hat er klare Statements, die direkt verständlich sind und aus denen sich ein Leitsatz formulieren lässt: Öffne die Augen, informiere Dich, steh auf und wehr Dich! Man darf auf das neue Album gespannt sein, an dem Matt Roehr gerade arbeitet. Vermutlich wird es in die Richtung gehen, die die letzten beiden Alben eingeschlagen haben – und das ist gut so. Die Bluesnummer war ein schöner Zeitvertreib, die eine gewisse Liebe zur Musik und zu einem Lebensgefühl verdeutlichte, die allerdings nur ein enggefasster Hörerkreis nachvollziehen kann. Mit dem Deutschrock-Potential werden die Jüngeren angesprochen, was sicherlich eine gute Verbindung zu den Onkelzfans ist. (Die Anmerkung sei gestattet: Weidner und Russell haben diese Verbindung als die beiden markanten Gesichter der Band automatisch. Weidner punktet bei den Damen sowieso und schafft es durch seine Texte, sich in die Herzen zu schreiben. Russell ist die „Stimme aus der Gosse“, der mittlerweile durch seinen Entzug Vorbildfunktion hat. Schorowsky ist wie das Maskottchen, das jeder liebt, aber er steht nicht im Vordergrund. Im Übrigen muss man sehr, sehr, sehr lange suchen, um eine negative Äußerung über den Drummer zu finden. Gonzo ist der Gitarrist, der für diese Rolle jahrelang zu sehr im Hintergrund stand und der zwar Onkel war und ist, sich musikalisch aber positionieren musste. Seit der Reunion ist seine Rolle deutlicher.) Dennoch steht sein Werk auch für sich alleine und wer nichts mit der umstrittenen Band anfangen kann, sollte trotzdem mal Gonzos Platten Gehör schenken.
In der Gesamtwertung bekommt Gonzo übrigens eine 4,2/5.

Allgemein kann man seit den Soloprojekten und ihren Entwicklungen sehen, wie musikalisch unterschiedlich die vier Onkelz sind. Der Punk, der Philosoph, der Politische, der Rocker. Die Jahre haben sie zusammengeführt, auseinandergebracht und wieder vereint. Musikalisch ist sowohl solo als auch als Gruppe eine deutliche Weiterentwicklung zu erkennen, wenngleich die Themen und die Intentionen im Allgemeinen doch recht gleich geblieben sind. Die Mischung der Mitglieder, vor allem aber von Weidner und Roehr kann man sehr gut auf dem aktuellen Album Memento erkennen.

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Fast ein Jahr lang haben wir uns hier auf Stage Reptiles mit den Böhsen Onkelz als Gruppe und den einzelnen Bandmitgliedern befasst. Wir haben Der W seziert, haben Veritas Maximus und Dreck und Seelenbrokat betrachtet. Wir haben viel recherchiert, gelesen, gehört, geschrieben. Nicht alles wurde rezensiert, um den Rahmen nicht zu sprengen. Nun ist es Zeit, ein Gesamtfazit zu ziehen und das kommt unter den vorerst letzten Artikel zu der Band und ihren Mitgliedern. Alle vier haben ihre guten und schlechten Seiten und Zeiten gehabt. Es sind Menschen wie wir. Für manche Idole und Halbgötter, für andere Feindbilder.
Man muss die Band nicht mögen. Man muss die Soloprojekte nicht gut finden. Man kann die Musik scheiße finden. Man kann Stephan Weidner als arroganten, vorlauten und selbstgerechten Arsch ansehen – und muss ihm doch zugestehen, was er aus dem Nichts geschaffen hat. Man kann Kevin Russell als skrupelloses, egozentrisches, rücksichtsloses Arschloch sehen – und muss ihm doch Respekt zollen für seinen langen, harten Weg aus der Sucht. Man kann Matt Gonzo Roehr als einen sich selbst überschätzenden, schwarz-weiß-denkenden Gitarrenstümper bezeichnen – und muss zugestehen, dass er an den sechs Saiten definitiv was drauf und auch sonst was zu sagen hat. Man kann Peter Pe Schorowsky als stummen, stupiden Drummer sehen – und muss ihm doch eine Tiefe und Reife zugestehen, die viele  nicht haben.
Niemand muss die Böhsen Onkelz hören. Aber man kann dieser deutschen Band definitiv nicht nachsagen, eine rechte Gesinnung zu vertreten oder rechts gerichtetes Gedankengut zu propagieren. Ihr Fehler war nur, zur falschen Zeit aus dem falschen Milieu stammend mit Musik in deutscher Sprache zu beginnen – und gleichzeitig schuldet die Band nicht zuletzt all denen, die so hart und sinnlich gegen sie propagiert haben, zum Teil ihre Bekanntheit und ihren Erfolg. Denn worüber geredet wird, wollen die Menschen etwas erfahren – und sei es noch so schlechtgeredet.
Niemand muss diese Band mögen oder hören. Aber jeder kann von ihnen und ihrer Geschichte lernen. Dass man sich über Grenzen und Mauern hinwegsetzen und etwas erreichen kann, egal woher man kommt. Und dass Vorurteile stigmatisieren und ausgrenzen. Man darf verurteilen, wenn man sich informiert und verschiedene Quellen betrachtet hat. Man darf sich aber nicht blind – und das gilt für alle Bereiche – auf mediale Verurteilungen, Meinungen und Stempel verlassen, die man denjenigen aufoktroyiert, die gerade nicht ins Schema passen, die anders sind oder perfekt herhalten können, um ein Feindbild zu generieren. Die Geschichte der Böhsen Onkelz ist eine Geschichte des erfahrenen Hasses, des Kampfes um Anerkennung und des Aufstehens gegen Intoleranz, die ein Exempel statuiert, das man in viele Lebensbereiche übertragen kann und von dem wir alle lernen können. Auf die Freundschaft!

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